Blutberg Col di Lana 1916 und die Gipfelexplosion

Beitragsbild Blutberg 1916

Am Abend des 17. April 1916 lag die 6. Kompanie des 2. Tiroler Kaiserjägerregiments auf dem Gipfel des Col di Lana. Seit Wochen wussten die Männer, dass sich die Italiener unter ihren Füßen durch den Fels arbeiteten. Wann es so weit sein würde, wusste niemand. Um halb elf meldete ein Unteroffizier, dass sich italienische Soldaten näherten. Oberleutnant Anton von Tschurtschenthaler schickte daraufhin die Hälfte seiner Kompanie in eine Felskaverne, zwei Züge blieben in der Stellung. Eine Stunde später, um 23:30 Uhr, flog der Gipfel in die Luft. Rund 10.000 Tonnen Gestein wurden hochgeschleudert, große Blöcke schlugen noch 200 Meter entfernt ein. Den Namen, unter dem dieser Berg bis heute bekannt ist, trug er da schon seit Monaten: Blutberg.

Ein kleiner Berg an einer großen Front

Mit 2.462 Metern ist der Col di Lana kein Riese. Rundherum stehen höhere Gipfel, der Settsass, der Lagazuoi, die Tofane. Trotzdem wurde ausgerechnet dieser Buckel über Buchenstein zum blutigsten Einzelschauplatz der Dolomitenfront. Der Grund war seine Lage. Der Col di Lana schiebt sich weit in das obere Cordevoletal hinein, und wer oben saß, sah die Wege, die von Italien über den Falzarego- und den Valparolapass ins Pustertal führten. Für die italienische 4. Armee war er deshalb ein Schlüsselziel. Für Österreich-Ungarn war er der Punkt, an dem man den Gegner von Tirol fernhielt.

Buchenstein, auf Ladinisch Fodom, gehörte damals zum Kronland Tirol. Als Italien am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, stand die Front also auf österreichischem Boden. Nur waren die erfahrenen Gebirgsregimenter zu diesem Zeitpunkt längst in Galizien gegen Russland gebunden. Am Col di Lana wehrten im Juni 1915 zunächst Gendarmen die ersten Angriffe ab, gestützt von Tiroler Standschützen, Landstürmern und bayerischen Pionieren. Viele Standschützen waren Männer, die für den regulären Dienst zu alt oder zu jung waren. Erst danach übernahmen Kaiserjäger und Kaiserschützen den Abschnitt.

Karte des Frontabschnitts zwischen Buchenstein und dem Falzaregopass mit den vier gesprengten Gipfeln Col di Lana (Blutberg), Monte Sief, Kleiner Lagazuoi und Castelletto

Wie der Col di Lana zum Blutberg wurde

Was nun folgte, war kein kurzer Sturm, sondern ein Abnützungskampf über Monate. Im Lauf von 1915 und 1916 liefen zwölf italienische Infanterie- und vierzehn Alpini-Kompanien gegen den Berg an. Am weitesten kam eine Kolonne unter Oberstleutnant Giuseppe Garibaldi, einem Enkel des berühmten Freiheitskämpfers. Am 7. und 8. November 1915 erreichten seine Männer tatsächlich den Gipfel. Halten konnten sie ihn nicht, ein österreichischer Gegenangriff holte die Höhe gleich wieder zurück. Die italienische Presse feierte trotzdem. Das Titelblatt der „Domenica del Corriere“ vom 21. November 1915 zeigte Garibaldi, wie er die Fahne auf dem Gipfel aufpflanzt.

Dazu kam der Winter. Allein durch Lawinen starben in diesem Abschnitt 278 italienische Soldaten. Die Verluste standen in keinem Verhältnis zu den paar Metern Gelände, um die gekämpft wurde. Die italienischen Soldaten gaben dem Berg deshalb einen eigenen Namen: Col di Sangue, Blutberg. Der Name blieb, auf beiden Seiten der Front, und er steht bis heute in jedem Wanderführer.

Der Col di Lana in Zahlen

Höhe2.462 m
Italienische Angriffsverbände 1915/1612 Infanterie- und 14 Alpini-Kompanien
Italienische Lawinentote in diesem Abschnitt278
Länge des italienischen Sprengstollens105 m samt Abzweigungen
Sprengladung am 17. April 1916rund 5.000 kg Nitrogelatine
Sprengtrichterrund 35 × 25 m, 12 m tief
Österreichische Sprengung am Monte Sief, 21. Oktober 1917rund 45.000 kg
Gipfelsprengungen an der Tiroler Front 1916–191834

Ein Bergbauingenieur sucht den Weg von unten

Dass man den Berg schließlich von innen angriff, geht auf einen Mann zurück, der kein Berufssoldat war. Gelasio Caetani, 1877 in Rom geboren und Sohn eines Herzogs, hatte Ingenieurwesen studiert, sich an der Columbia University in New York auf Bergbau spezialisiert und jahrelang in amerikanischen Bergwerken gearbeitet. Als Italien in den Krieg eintrat, meldete er sich freiwillig und kam als Pionierleutnant an die Dolomitenfront.

Ein Bergbauingenieur sieht in einer Gipfelstellung kein Sturmziel, sondern einen Felsblock, den man aushöhlen kann. Statt den Gipfel noch einmal von außen zu stürmen, wollte Caetani ihn von unten wegsprengen. Der Untergrund half ihm dabei: Der Gipfel besteht aus vulkanischem Gestein, das sich leichter bearbeiten ließ als der harte Dolomit der Nachbarberge.

Im Dezember 1915 begannen die Arbeiten. Sie mussten leise bleiben, denn die Stellungen lagen stellenweise nur wenige Dutzend Meter auseinander. Gebohrt wurde deshalb zuerst von Hand, mit Meißel und Schlegel, im engen Stollen arbeiteten jeweils zwei Mann. Frischluft lieferte ein handbetriebener Ventilator, weil ein elektrischer zu laut gewesen wäre. Gearbeitet wurde in vier Schichten rund um die Uhr, und wer mehr als 80 Zentimeter am Tag schaffte, bekam eine Prämie. Der Minenkrieg war also Akkordarbeit unter Tag.

Das zugehörige Video auf dem Kanal „Geschichten der Welt“ erzählt den Kampf um den Blutberg aus der Perspektive der Soldaten am Gipfel und zeigt in ruhigen Bildern, was die Zahlen hier nicht abbilden können.

Wettlauf unter der Erde

Anfang 1916 bemerkte ein österreichischer Artilleriebeobachter am Pordoijoch, dass am Gipfel gegraben wurde. Die Verteidiger begannen daraufhin aus einer Gipfelkaverne heraus einen Gegenstollen. Ihr Ziel war, den italienischen Stollen zu zerstören, bevor er fertig war.

Diesen Wettlauf konnten sie kaum gewinnen. Die Italiener gruben bergauf, Schutt und Wasser liefen von selbst hinaus, und ihre Stollen waren größer und besser belüftet. Die Österreicher gruben bergab und mussten jeden Kübel Gestein nach oben schleppen. Die Italiener kamen so bis zu fünf Meter am Tag voran, die Kaiserjäger oft nicht einmal einen.

Italienische StollenÖsterreichische Stollen
Querschnitt1,8 × 1,8 mbis 1,5 × 1,2 m
Vortriebsleistung4 bis 5,6 m pro Tag0,3 bis 1,75 m pro Tag
Vortriebsrichtungmeist steigendmeist fallend
Schutterndurch Schwerkraft erleichterthändisch nach oben
Bewetterungbesserschlecht

Noch dazu brach sich der Schall an den Gesteinsschichten, sodass die Verteidiger die Richtung der Grabgeräusche falsch einschätzten. Als sie am 6. April 1916 in aller Eile eine Ladung von rund 110 Kilogramm zündeten, lag ihr Gegenstollen zu seicht und zu weit entfernt. Der italienische Stollen wurde nur leicht beschädigt.

Am 12. April war er fertig, 105 Meter lang samt allen Abzweigungen. In der Nacht auf den 16. April luden die italienischen Mineure zwei Kammern mit insgesamt rund 5.000 Kilogramm Nitrogelatine und verdämmten sie mit Sandsäcken und Eisenträgern. Über einen Seitenstollen sollten gleich nach der Explosion zwei Kompanien auf den Gipfel stürmen. Auf österreichischer Seite lautete der Befehl des Divisionskommandos: „Der Col di Lana ist unter allen Umständen bis auf den letzten Mann zu halten.“

Die Nacht der Sprengung

Die Detonation um 23:30 Uhr riss einen Krater von etwa 35 mal 25 Metern und 12 Metern Tiefe in den Gipfel. In der Kaverne wurden die eingeschlossenen Kaiserjäger durcheinandergeworfen, während italienische Sturmtruppen über den Seitenstollen den linken Flügel der Kompanie überrannten, der die Sprengung überstanden hatte. Rund 200 Soldaten kamen durch die Sprengung und das anschließende Gefecht ums Leben, rund 170 gerieten in Gefangenschaft. Um ein Uhr früh am 18. April 1916 war der Gipfel italienisch.

Für Italien war das ein gefeierter Sieg. Militärisch brachte er allerdings wenig. Die Österreicher zogen sich auf den nur 1,7 Kilometer entfernten Monte Sief zurück, der kaum niedriger ist, und bauten dort ihre Stellung aus. Der Weg nach Norden blieb damit gesperrt. Tschurtschenthaler urteilte später, die Sprengung sei technisch ein Erfolg gewesen, taktisch und strategisch aber bedeutungslos geblieben, weil die Italiener nicht weiter vorgestoßen seien.

Blutberg: Senkrechte Zeitleiste mit vierzehn Stationen des Minenkriegs am Col di Lana und Monte Sief von Mai 1915 bis November 1917

Ohne einen Schuss zurück

Der Kampf verlagerte sich also nur um eineinhalb Kilometer, und er ging unter der Erde weiter. Die Italiener sprengten 1917 zweimal am Monte Sief, beide Male ohne Wirkung. Am 21. Oktober 1917 schlugen die Österreicher zurück und jagten mit rund 45.000 Kilogramm Sprengstoff den Grat zwischen Monte Sief und Col di Lana in die Luft. Es entstand ein Krater von 80 mal 40 Metern, 51 italienische Soldaten starben. Die Kerbe im Grat ist bis heute aus großer Entfernung zu sehen.

Entschieden wurde der Kampf um den Blutberg aber nicht hier, sondern weit im Osten. Drei Tage nach der österreichischen Sprengung begann am Isonzo die zwölfte Isonzoschlacht, und bei Karfreit gelang den österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen der Durchbruch. Damit drohte der gesamten italienischen Dolomitenfront, von hinten abgeschnitten zu werden. Anfang November 1917 räumten die Italiener den Abschnitt. Der Col di Lana wurde wieder österreichisch, ohne dass ein einziger Schuss fiel, eineinhalb Jahre nachdem sein Gipfel dafür gesprengt worden war.

Gemessen an der Sprengstoffmenge war die Mine am Col di Lana eine der kleinsten ihrer Art. Zwischen 1916 und 1918 wurden an der Tiroler Front 34 Gipfel und Grate gesprengt, zwanzig von italienischen und vierzehn von österreichischen Mineuren. Den rund 5 Tonnen am Col di Lana stehen 35 Tonnen am Castelletto, 45 Tonnen am Monte Sief und 50 Tonnen am Pasubio gegenüber. Weil der Sprengstoff oft schlecht war, glich man fehlende Wirkung mit immer größeren Mengen aus. Berühmt wurde der Col di Lana also nicht wegen der Größe seiner Mine, sondern weil sie die erste spektakuläre Gipfelsprengung war.

Balkendiagramm der größten Minensprengungenan der Tiroler Front 1916 bis 1918, sortiert nach Sprengstoffmenge in Tonnen

Was die Quellen nicht eindeutig sagen

Bei vielen Zahlen gehen die Angaben auseinander. Die Ladung vom April 1916 wird mit 5.000, 5.020 oder 5.500 Kilogramm angegeben. Für den Krater nennt die Fachliteratur 35 mal 25 Meter, italienische Darstellungen 55 mal 30 Meter. Auch die Zahl der Toten schwankt: Manche Quellen sprechen von rund 100 Verschütteten, andere von etwa 200 Toten, wobei die höhere Zahl das anschließende Gefecht mitrechnet. Selbst die Uhrzeit ist nicht ganz sicher, neben 23:30 Uhr findet man 23:35 Uhr. Der Grund ist einfach: Die Berichte stammen von zwei Seiten, sie wurden oft erst Jahre später aus der Erinnerung aufgeschrieben, und die italienische Uhrzeit wich von der österreichischen ab.

Was vom Blutberg blieb

Für Österreich war der Col di Lana am Ende ein Berg, den man militärisch gehalten und politisch trotzdem verloren hat. Die Kaiserjäger saßen im November 1917 wieder auf dem Gipfel, ein Jahr später war der Krieg verloren. Der Vertrag von Saint-Germain zog 1919 die neue Grenze am Brenner, und Buchenstein samt dem Blutberg kam zu Italien. 1923 wurde die Gemeinde von Südtirol getrennt und der Provinz Belluno zugeschlagen. Der Ort heißt heute Livinallongo del Col di Lana, und die ladinischen Buchensteiner gehören seither nicht mehr zu Südtirol. Wer heute auf den Gipfel steigt, steht also auf italienischem Boden, auf einem Berg, für den Tiroler Kaiserjäger bis zum letzten Mann hätten kämpfen sollen.

Für Italien wurde der Col di Lana zu einem der großen Erinnerungsorte des Gebirgskriegs. Die Sprengung war die erste spektakuläre Gipfelsprengung, ganz Italien sprach darüber, und Gelasio Caetani wurde damit bekannt. Er zog später ins Parlament ein, war von 1922 bis 1925 Botschafter in Washington und wurde 1934 Senator. Auf dem Gipfel steht heute eine Kapelle für die Gefallenen beider Seiten, daneben liegen verfallene Gräben und ein kleines Museum. Und auch die Technik lebte weiter: Die Erfahrungen aus den Gipfelsprengungen flossen nach dem Krieg in die Ingenieurgeologie ein, beim Bau von Tunneln und Kraftwerken. Was am Blutberg Soldaten das Leben gekostet hatte, wurde so zu Wissen für den Bau im Gebirge.

Weiterlesen: Der Vertrag von Saint-Germain zog 1919 auch im Osten eine neue Grenze: Das Burgenland wurde Österreich zugesprochen, und 1921 wurde es mit Waffen verteidigt. Was bei Kirchschlag geschah, erfahrt ihr im Beitrag Kirchschlag: Als das Burgenland 1921 mit Waffen verteidigt wurde.

Quellen

  1. Daniela Angetter & Josef-Michael Schramm: Über den Minierkrieg in hochalpinen Fels- und Eisregionen (1. Weltkrieg, SW-Front, Tirol 1915–1918) aus ingenieurgeologischer Sicht. Geo.Alp, Bd. 11 (2014), S. 135–160. Universität Innsbruck. → https://www2.uibk.ac.at/downloads/c715/geoalp_11_14/06angetter_schramm.pdf
  2. Caetani, Gelasio (Dizionario Biografico degli Italiani) und Caetani, Gelasio, duca di Sermoneta (Enciclopedia online), Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. → https://www.treccani.it/enciclopedia/gelasio-caetani_(Dizionario-Biografico)/
  3. Col di Lana, Enciclopedia Italiana, Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. → https://www.treccani.it/enciclopedia/col-di-lana_(Enciclopedia-Italiana)/
  4. Museo della Grande Guerra, Cortina d’Ampezzo: Jahr 1916 – Die Fronten festigen sich, es beginnt der Minenkrieg. → https://www.cortinamuseoguerra.it/die-kriegsjahre/jahr-1916-die-fronten-festigen-sich-es-beginnt-der-minenkrieg/?lang=de
  5. Wikipedia: Col di Lana. → https://de.wikipedia.org/wiki/Col_di_Lana
  6. Wikipedia: Monte Sief. → https://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Sief

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