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Ein Rechtsanspruch, der drei Jahrhunderte überdauerte
Die Verbindung zwischen Grönland und Dänemark ist kein Ergebnis durchgehender Herrschaft. Sie beruht auf einem Anspruch, der 1261 entstand, über drei Jahrhunderte ohne jede Präsenz vor Ort fortbestand, 1721 neu belebt und erst 1933 von einem internationalen Gericht bestätigt wurde. Wer die Geschichte als gerade Linie von Erik dem Roten bis zur heutigen Selbstverwaltung erzählt, übersieht die Brüche – und gerade diese Brüche erklären, warum die Frage nach Grönlands Status bis heute offen ist.
Grönland war nie leer
Die verbreitete Vorstellung, Erik der Rote habe 985 unbesiedeltes Land betreten, ist in dieser Form falsch. Menschen erreichten Grönland bereits um 2500 v. Chr. aus der kanadischen Arktis: zunächst Träger der Independence-I- und der Saqqaq-Kultur, später die Dorset-Kultur. Diese Gruppen siedelten in mehreren Wellen, verschwanden wieder und kehrten zurück – eine Abfolge von Vorstößen und Rückzügen über rund vier Jahrtausende.
Zum Zeitpunkt der nordischen Landnahme im Südwesten war die Region tatsächlich weitgehend menschenleer. Das ist aber ein Zufall der Chronologie, keine Grundeigenschaft der Insel. Etwa zweihundert Jahre nach Erik dem Roten, um 1200 bis 1300, wanderten Angehörigen der Thule-Kultur ein, der direkten Vorfahren der heutigen Grönländer. Sie kamen aus dem Norden, waren auf die Jagd auf Meeressäuger spezialisiert und besiedelten sowohl die West- als auch die Ostküste. Die letzte bekannte Einwanderungswelle aus Kanada erreichte Grönland erst um 1860.
Für die Geschichte der dänischen Ansprüche ist das entscheidend: Als Dänemark im 18. Jahrhundert seinen alten Rechtstitel geltend machte, berief es sich auf eine europäische Siedlung, die seit rund drei Jahrhunderten nicht mehr existierte – und traf auf eine Bevölkerung, die zu dieser Siedlung in keinerlei Rechtsverhältnis stand.
985: Eine Kolonie mit Geschäftsmodell
Erik der Rote, in Norwegen geboren und in Island aufgewachsen, segelte 985 mit einer Flotte von 25 Schiffen nach Südwestgrönland; nur 14 erreichten der Überlieferung nach ihr Ziel. Der Name „Grænland“ war Werbung, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen: Während der mittelalterlichen Warmphase war die Vegetation in den geschützten Fjordenden tatsächlich üppiger als heute.
Entstanden sind nicht zwei, sondern drei Siedlungsräume. Neben der Ostsiedlung (Eystribyggð) im heutigen Süden und der Westsiedlung (Vestribyggð) im Fjordsystem von Nuuk lag dazwischen eine kleinere Gruppe von Höfen bei Ivittuut, die Archäologen als „Mittelsiedlung“ bezeichnen – ein moderner Hilfsbegriff, der in keiner mittelalterlichen Quelle vorkommt.

Die wirtschaftliche Grundlage war nicht die Landwirtschaft. Höfe, Schafe und Rinder sicherten das Überleben, doch handelbar war vor allem eines: Walross-Elfenbein. Dafür fuhren die Siedler jeden Sommer in die Nordrsetur genannten Jagdgebiete an der Diskobucht, rund 560 Kilometer nördlich der Westsiedlung. Wie zentral dieses Gut war, zeigt eine Überlieferung aus den 1120er-Jahren: Die Grönländer sollen sich ihr eigenes Bistum beim norwegischen König mit Elfenbein erkauft haben. Auch der Kirchenzehnt wurde in Stoßzähnen entrichtet.
Wie viele Menschen lebten dort wirklich?
Zur Bevölkerungszahl kursieren stark abweichende Angaben, und viele davon stammen aus veralteter Literatur. Ältere Darstellungen nennen 5.000 bis 6.000 Personen, populäre Texte häufig 3.000 bis 4.000. Die anthropologische Forschung kommt auf deutlich niedrigere Werte: Nils Lynnerups Standarduntersuchung von 1998 setzt den Höchststand im 12. Jahrhundert bei rund 2.000 Menschen an, neuere Übersichten nennen ein Gesamtmaximum von 2.000 bis 3.000. Für die Anfangsphase um das Jahr 1000 werden etwa 400 Personen in der Ost- und 200 in der Westsiedlung veranschlagt.

Der Unterschied ist nicht akademisch. Eine Population von 2.000 Menschen, verteilt auf mehrere hundert Kilometer Küste, liegt nahe an der Grenze dessen, was demografisch auf Dauer tragfähig ist. Lynnerups Modellrechnungen zeigen, dass bereits geringe Störungen – ausbleibende Zuwanderung, leicht erhöhte Sterblichkeit, Abwanderung junger Erwachsener – eine solche Gemeinschaft innerhalb weniger Generationen zum Erlöschen bringen können. Für das Ende der Siedlungen braucht es dann keine Katastrophe.
1261: Der Preis der Anbindung
1261 unterstellten sich die Grænlendingar der norwegischen Krone. Betrieben hatte das der Bischof Ólafr im Auftrag König Hákon Hákonarsons; Island folgte ein Jahr später. Der Handel war kein Nebeneffekt, sondern der Kern des Geschäfts: Die Siedler zahlten fortan Steuern, im Gegenzug sagte der König regelmäßige Schiffsverbindungen zu – und sicherte sich das Handelsmonopol.
Damit war Grönland rechtlich Teil eines europäischen Reiches, wirtschaftlich aber von einer einzigen Lieferkette abhängig. Eisen und Bauholz, beides in Grönland praktisch nicht verfügbar, kamen ausschließlich über diese Route. Die Bindung, die Versorgung sichern sollte, wurde damit zur größten Verwundbarkeit der Kolonie.
Warum die Siedlungen endeten – vier Erklärungen
Die Frage ist bis heute nicht abschließend geklärt. Vier Erklärungsstränge stehen nebeneinander, und die aktuelle Forschung kombiniert sie eher, als dass sie einen davon auswählt.
Der Elfenbeinmarkt brach weg. Eine Untersuchung von James H. Barrett und Kollegen analysierte 67 Walrossschädel aus europäischen Fundorten des 11. bis 15. Jahrhunderts mit Hilfe alter DNA und stabiler Isotope. Das Ergebnis: Das gehandelte Elfenbein stammte über Jahrhunderte fast ausschließlich aus Grönland, doch die Tiere wurden im Lauf der Zeit kleiner, häufiger weiblich und mussten aus immer nördlicheren Gewässern beschafft werden – ein klassisches Muster der Überjagung. Zugleich überschwemmte ab dem 13. Jahrhundert afrikanisches Elefantenelfenbein den europäischen Markt. 1282 verlangte Papst Martin IV., die grönländische Zehntzahlung künftig in Silber oder Gold statt in Stoßzähnen zu leisten. Nach 1400 lässt sich kaum noch Walross-Elfenbein in Kontinentaleuropa nachweisen.
Das Klima verschlechterte sich. Der Übergang zur Kleinen Eiszeit verkürzte die Vegetationsperiode und erschwerte die Seefahrt durch mehr Treibeis. Eine 2022 in Science Advances veröffentlichte Studie verschob den Schwerpunkt: Nicht sinkende Temperaturen allein, sondern zunehmende Trockenheit habe die Weideflächen reduziert. Abgenutzte Zähne von Schafen und Ziegen aus der Westsiedlung deuten darauf hin, dass die Tiere Sand und Steine mitfraßen.
Der Konflikt mit den Inuit. Er wird in Quellen angedeutet, ist archäologisch aber schwach belegt. Genetische Untersuchungen sprechen gegen eine nennenswerte Vermischung beider Gruppen.
Schlichte Abwanderung. Wer die Möglichkeit hatte, ging zurück nach Island oder Norwegen. Für ein dramatisches Ende gibt es keinen Beleg – als Ívarr Bárðarson um 1345 die Westsiedlung besuchte, fand er verwildertes Vieh und leere Häuser vor, aber keine Spuren von Gewalt.
Wie sich dieser Übergang aus der Perspektive der Zeitgenossen darstellte, zeigt das Video zu diesem Thema, das die Entwicklung als durchgehende Erzählung nachvollzieht.
1408 bis 1721: Anspruch ohne Präsenz
1378 starb der letzte Bischof, der tatsächlich in Grönland residierte. Die letzte schriftliche Nachricht aus den Siedlungen betrifft eine Hochzeit in der Kirche von Hvalsey im Jahr 1408. Danach schweigen die Quellen.
Der Rechtsanspruch blieb davon unberührt. 1380 erbte der dänische König durch Personalunion auch den norwegischen Thron; Grönland war als norwegisches „Schatzland“ automatisch eingeschlossen. Die Insel existierte fortan auf Karten, in Urkunden und Chroniken weiter, ohne dass irgendjemand dort verwaltete, Steuern eintrieb oder auch nur nachsah. Ein Anspruch, der nichts kostet, wird selten aufgegeben.
Als der Kieler Frieden 1814 die dänisch-norwegische Union auflöste und Norwegen an Schweden fiel, blieben Grönland, Island und die Färöer ausdrücklich bei Dänemark. Diese Klausel, damals eine Randnotiz, wurde zur Grundlage der modernen dänischen Souveränität.
1721: Mission als Vorwand, Monopol als Ergebnis
Am 3. Juli 1721 erreichte der norwegische Pastor Hans Egede mit dem Schiff Håbet die grönländische Westküste. Sein erklärtes Ziel war es, die vermuteten Nachfahren der Grænlendingar zum protestantischen Glauben zurückzuführen. Er fand keine. Statt aufzugeben, richtete er seine Mission auf die Inuit und gründete zunächst die Kolonie Håbets Ø, die 1728 nach Godthåb – dem heutigen Nuuk – verlegt wurde.
Dass die Unternehmung von Anfang an kommerziell gedacht war, zeigt ihre Organisationsform: Egede gründete mit Kaufleuten das Bergen Grønlandske Compagnie, eine private Handelsgesellschaft mit Handelsprivileg. Sie ging 1726 bankrott. Erst 1774 übernahm mit Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH) ein staatliches Unternehmen den Handel; 1776 untersagte der König jeden anderen Handel mit Grönland. Das Monopol bestand bis 1950, die faktische Verwaltung des Landes durch den KGH bis 1908.
Diese Konstruktion prägte die grönländische Gesellschaft tiefer als jede Missionspredigt. Der KGH setzte einheitliche Ankaufs- und Verkaufspreise fest, bestimmte, welche Waren ins Land kamen, und steuerte damit indirekt Siedlungs- und Familienstrukturen. Die Mission lieferte die Legitimation, das Monopol die Wirkung.
1933: Aus Anspruch wird Recht
Der entscheidende juristische Schritt fiel erst im 20. Jahrhundert – und gegen Norwegen, nicht gegen eine Kolonialmacht. Norwegen hatte Teile Ostgrönlands als „Eirik Raudes Land“ beansprucht. 1933 bestätigte der Ständige Internationale Gerichtshof in Den Haag, der Vorläufer des heutigen Internationalen Gerichtshofs, die dänische Souveränität über die gesamte Insel. Erst damit war der mittelalterliche Titel völkerrechtlich abgesichert.

1941 bis 1953: Der Krieg verschiebt die Verhältnisse
Nach der deutschen Besetzung Dänemarks im April 1940 war Kopenhagen handlungsunfähig. Die beiden Landsfogeder Eske Brun und Aksel Svane beriefen sich auf eine Notstandsklausel von 1925 und übernahmen die Regierungsgewalt vor Ort.
Am 9. April 1941, dem ersten Jahrestag der Besetzung, unterzeichnete der dänische Gesandte in Washington, Henrik Kauffmann, eigenmächtig ein Abkommen mit US-Außenminister Cordell Hull: Die USA übernahmen die Verteidigung Grönlands und durften Flugplätze, Häfen und Wetterstationen errichten. Völkerrechtlich war der Vertrag zunächst ungültig – Kauffmann hatte keine Vollmacht, die dänische Regierung lehnte ab und berief ihn als Gesandten ab. Washington erkannte ihn dennoch weiter an. Bis Kriegsende waren rund 6.000 US-Soldaten auf Grönland stationiert, etwa ein Drittel der damaligen Inselbevölkerung. Nach der Befreiung wurde das Hochverratsverfahren gegen Kauffmann eingestellt und der Vertrag nachträglich ratifiziert.
Die Jahre der Eigenverwaltung veränderten die politische Erwartungshaltung dauerhaft. Am 5. Juni 1953 hob Dänemark mit einer Verfassungsänderung den Kolonialstatus auf. Grönland wurde gleichgestellter Teil des Staatsgebiets und erhielt zwei Sitze im Folketing. Eine Abstimmung darüber gab es in Grönland nicht – der Druck kam aus den Vereinten Nationen, nicht aus Nuuk.
1979, 2009 und die offene Rechnung
1979 trat die Hjemmestyre in Kraft: eigene Regierung, eigenes Parlament, schrittweise Übernahme der Sachbereiche. 1985 verließ Grönland nach einem Referendum die Europäische Gemeinschaft – bis heute der einzige Fall eines solchen Austritts vor dem Brexit. 2008 stimmten rund drei Viertel der Wähler für die erweiterte Selvstyre, die 2009 in Kraft trat. Sie erkennt die Grönländer als eigenes Volk mit Recht auf Selbstbestimmung an und regelt den Weg zur Unabhängigkeit.
Was bleibt, ist die Finanzierung. Der jährliche Blockzuschuss aus Kopenhagen liegt bei über vier Milliarden dänischen Kronen und trägt einen erheblichen Teil des grönländischen Haushalts. Umfragen zeigen ein konsistentes Muster: Eine Mehrheit befürwortet die Unabhängigkeit grundsätzlich, lehnt sie aber ab, sobald sie mit Einbußen beim Lebensstandard verbunden wäre. Außen- und Sicherheitspolitik liegen weiterhin bei Dänemark.
Zahlen im Überblick
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Erste menschliche Besiedlung Grönlands | um 2500 v. Chr. |
| Ankunft Erik des Roten | 985 |
| Entfernung Ostsiedlung – Westsiedlung (Luftlinie) | rund 460 km |
| Entfernung Westsiedlung – Diskobucht (Luftlinie) | rund 560 km |
| Höchststand der nordischen Bevölkerung | rund 2.000, maximal 3.000 |
| Letzter Schriftbeleg der Grænlendingar | 1408 (Hvalsey) |
| Lücke ohne belegten europäischen Kontakt | 313 Jahre (1408–1721) |
| Dauer des dänischen Handelsmonopols | 1776–1950 |
| US-Soldaten auf Grönland 1945 | rund 6.000 |
| Jährlicher Blockzuschuss heute | über 4 Mrd. DKK |
Offene Fragen
Drei Punkte bleiben strittig. Erstens die Gewichtung der Ursachen für das Ende der Grænlendingar: Ob Marktzusammenbruch, Klima oder demografische Fragilität den Ausschlag gaben, lässt sich mit heutigen Daten nicht entscheiden. Zweitens der Endzeitpunkt – archäologische Datierungen reichen bis etwa 1450, vereinzelte Hinweise deuten auf spätere Restbestände. Drittens die Frage, ob ein Rechtstitel, der drei Jahrhunderte ohne jede Ausübung fortbestand, mehr ist als eine juristische Konstruktion. Das Gericht in Den Haag hat sie 1933 beantwortet. Politisch ist sie es bis heute nicht.
Weiterlesen: Grönland verlor seinen Kolonialstatus 1953, mitten in der großen Welle der Dekolonisation nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie die Kolonialreiche weltweit zerfielen, erfahrt ihr im Beitrag Wie die Kolonialreiche im 20. Jahrhundert zerfielen.
Quellen
- Nils Lynnerup: Endperiod Demographics of the Greenland Norse. Journal of the North Atlantic, Special Volume 7 (2014), S. 18–24. https://www.eaglehill.us/JONAonline/articles/JONA-Sp-7/11-Lynnerup.shtml
- James H. Barrett, Sanne Boessenkool, Catherine J. Kneale, Tamsin C. O’Connell, Bastiaan Star: Ecological globalisation, serial depletion and the medieval trade of walrus rostra. Quaternary Science Reviews 229 (2020), 106122. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0277379119305736
- Bastiaan Star u. a.: Ancient DNA reveals the chronology of walrus ivory trade from Norse Greenland. Proceedings of the Royal Society B 285 (2018). https://royalsocietypublishing.org/rspb/article/285/1884/20180978/102253/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Brüche und Kontinuitäten (APuZ „Grönland“, 2025). https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/groenland-2025/570716/brueche-und-kontinuitaeten/
- Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Der (völkerrechtliche) Status Grönlands, WD 2 – 001/25. https://www.bundestag.de/resource/blob/1050698/WD-2-001-25-pdf.pdf
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: Amerikas langer Arm. Kontroversen um die Nutzung von Grönland im Zweiten Weltkrieg. https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/amerikas-langer-arm-kontroversen-um-die-nutzung-von-groenland-im-zweiten-weltkrieg–6065824
- Klima-Warnsignale (Universität Hamburg): Die mittelalterliche Besiedlung Westgrönlands, Kapitel 1.6. https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/pdf/de/polarregionen/warnsignal_klima-polarregionen-kapitel-1_6.pdf
- KNI / Den Kongelige Grønlandske Handel: Our history (Unternehmensgeschichte, Primärangaben zu Gründung und Monopol). https://kni.gl/en/our-history/

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