Kalmückien als Europas buddhistisches Grenzland

Beitragsbild Kalmückien

Eine Republik, die es geografisch nicht geben dürfte

Zwischen unterer Wolga, Don und Kaspischem Meer liegt ein Landstrich, der nach allen europäischen Kategorien fehl am Platz wirkt. Die Republik Kalmückien misst 74.731 Quadratkilometer, etwa die Fläche Bayerns und Baden-Württembergs zusammen, und zählte beim Zensus 2021 nur 267.133 Einwohner. Der höchste Punkt liegt bei 222 Metern in den Ergeni-Hügeln; große Teile der Republik liegen in der Kaspischen Senke unter dem Meeresspiegel. Im Ort Utta wurde am 12. Juli 2010 mit 45,4 Grad die höchste jemals in Russland gemessene Temperatur registriert.

Kalmückien ist das einzige Gebiet innerhalb der geografischen Grenzen Europas, in dem der Buddhismus die vorherrschende Religion ist, und die Kalmücken sind das einzige mongolischsprachige Volk des Kontinents. Wie es dazu kam, ist keine exotische Anekdote, sondern die Geschichte einer Wanderung über fast 2.800 Kilometer, eines Vertragsverhältnisses, das beide Seiten regelmäßig brachen, und zweier Katastrophen im Abstand von 172 Jahren.

Warum die Torguten nach Westen zogen

Die Vorfahren der Kalmücken sind die Oiraten, westmongolische Stammesverbände aus den Steppen südlich des Altai. Im frühen 17. Jahrhundert zerfiel ihre Konföderation; Weideflächen wurden knapp, die Rivalität mit den späteren Dsungaren nahm zu. Vor allem die Torguten unter Khu Urluk wandten sich deshalb nach Westen.

Die Datierung dieser Bewegung ist in der Forschung uneinheitlich, und das ist mehr als eine Fußnote. Ein erster Vorstoß gegen die Nogaier am Uralfluss im Jahr 1608 war nach russischen Quellen ein Erkundungszug, kein Umzug; ein zweiter folgte 1613. Andere Darstellungen setzen den Beginn der eigentlichen Westwanderung auf 1610. Die dauerhafte Niederlassung an der unteren Wolga erfolgte erst ab etwa 1630 bis 1632, zunächst am linken, dann auch am rechten Ufer. „Ab 1608 zogen sie los“ ist also eine Vereinfachung: Zwischen erster Erkundung und fester Ansiedlung liegen mehr als zwei Jahrzehnte mit wechselnden Fronten.

Die Verdrängung der turksprachigen, muslimischen Nogaier war kein Nebeneffekt, sondern die Voraussetzung. Die „Kleine Horde“ der Nogaier floh nach 1636/37 weit nach Westen in die damals osmanisch beherrschten Regionen Dobrudscha, Jedisan und Budschak, die „Große Horde“ ins nordkaukasische Steppenvorland. Khu Urluk selbst fiel 1643 bei einem Feldzug gegen sie im Nordkaukasus.

Karte der Westwanderung der Torguten ab 1608 von den Altai-Steppen an die untere Wolga und des Exodus von 1771 Richtung Ili

Der Eid, den beide Seiten brachen

Die gängige Formulierung, die Kalmücken seien 1655 „dem Zarenreich beigetreten“, verfehlt die Mechanik des Verhältnisses. Am 4. Februar 1655 wurde ein schriftlicher Schert-Eid ausgestellt, unterzeichnet von Daichin und seinen Brüdern. Er sicherte den Kalmücken Handelszugang bei Astrachan zu und verpflichtete sie zu militärischer Unterstützung, unter anderem gegen die Krim.

Entscheidend ist, was danach geschah: Der Eid wurde 1657, 1661, 1673 und 1684 erneuert. Ein Vertrag, der alle paar Jahre neu beschworen werden muss, wird gebrochen. Beide Seiten nutzten das Verhältnis instrumentell. Moskau konnte die Lage an der unteren Wolga militärisch nicht kontrollieren und kaufte sich Reiterverbände; die kalmückischen Taischi gewannen Status, Handel und Rückendeckung, ohne ihre innere Ordnung aufzugeben. Sie regierten nach einem eigenen Gesetzeswerk, dem „Iki Zaadschin Bitschig“, dem Großen Steppenkodex.

Unter Ayuki erreichte das Khanat seinen Höhepunkt. Die Regierungsdaten schwanken je nach Quelle zwischen 1669 und 1672 als Beginn; den Khanstitel führte er ab 1690, gestorben ist er 1724. Er führte Feldzüge gegen Krimtataren, Kasachen und nordkaukasische Bergvölker, unterwarf die Turkmenen von Mangyschlak und griff zeitweise auch russische Städte an, bevor Peter I. ihn mit dem Grenzschutz betraute. Parallel zog Moskau die Schlinge zu: Ab 1718 entstanden Befestigungslinien, die das kalmückische Weideland nach Norden begrenzten.

1771: der Exodus und sein Preis

Unter Katharina II. entstanden binnen weniger Jahre über hundert russische und deutsche Siedlungen an der unteren Wolga. Zwischen 1767 und 1770 entschieden sich die kalmückischen Fürsten und der Klerus zur Rückwanderung. Der Dalai Lama legte das Datum des Aufbruchs auf den 5. Januar 1771 fest.

Die Zahlen sind ernüchternd und werden in der Literatur unterschiedlich angegeben. Eine verbreitete Schätzung nennt über 169.000 Aufbrechende, von denen rund 66.000 den Ili erreichten. Andere Darstellungen sprechen von etwa 200.000 Aufbrechenden und knapp 10.000 Ankommenden. Gemeinsam ist allen Angaben eine Verlustquote von mindestens 60 Prozent durch Hunger, Kälte und Kämpfe mit kasachischen Verbänden.

Der entscheidende Punkt wird oft übersehen: Der kleinere Teil der Kalmücken westlich der Wolga konnte nicht mitziehen, weil der Fluss in jenem Winter nicht ausreichend zufror. Diese Zurückgebliebenen sind die Vorfahren der heutigen Kalmücken. Russland löste das Khanat noch 1771 auf und annektierte sein Gebiet.

Zahlenkasten Exodus 1771

Aufbruch: 5. Januar 1771 · Ziel: Ili-Gebiet (heute Xinjiang) · Luftlinie rund 2.600 km · Ankunft der Vorhut: Juli 1771 · Überlebensquote nach gängiger Schätzung rund 39 Prozent · Folge: Auflösung des Kalmückischen Khanats durch Russland

Der Buddhismus und die Schrift, die daraus entstand

1615 gaben fünf oiratische Fürsten je einen Sohn in den Mönchsstand und machten die Gelug-Schule damit formell zur Religion ihrer Verbände. Der wichtigste Vermittler war Zaya Pandita (1599–1662), ein Adoptivsohn des Choschuten-Fürsten Baibagas, der von 1617 bis 1639 in Tibet studierte und anschließend durch die Uluse reiste.

Sein folgenreichstes Werk war keine Predigt, sondern eine Schrift. 1648 schuf er das Todo Bitschig, die „Klarschrift“, ein aus der mongolischen Schrift abgeleitetes Alphabet, das die oiratische Aussprache erheblich präziser abbildete. Bis zu seinem Tod übersetzte er rund 186 buddhistische Texte. In Xinjiang wird diese Schrift bis heute verwendet; die Kalmücken gaben sie 1923/24 zugunsten des kyrillischen Alphabets auf, wechselten um 1930 kurz zum lateinischen und 1938/39 zurück zur Kyrilliza. Drei Schriftwechsel in fünfzehn Jahren sind kein Detail der Kulturgeschichte, sondern ein wirksames Mittel, eine Schriftkultur von ihrer eigenen Überlieferung abzuschneiden.

Die Zahl der Klöster wird in populären Darstellungen deutlich zu niedrig angesetzt. Vor der Oktoberrevolution bestanden in Kalmückien über hundert Churule mit etwa 2.500 bis 2.700 Mönchen, nicht rund sechzig. Zwischen 1917 und 1937 wurden 79 davon liquidiert; bis 1941 war kein einziger mehr in Betrieb.

Ein Bauwerk überstand alles: der Chosheutowski Churul, 1814 bis 1818 zur Erinnerung an die kalmückische Beteiligung am Krieg gegen Napoleon errichtet und in seiner Architektur an die Kasaner Kathedrale in Sankt Petersburg angelehnt. Von der Anlage steht heute nur noch der zentrale Turmbau. In den 1960er Jahren wurden die Seitenkapellen abgetragen, um aus den Ziegeln einen Kuhstall zu bauen.

Zeitleiste der kalmückischen Geschichte von 1608 bis 2005 mit Wanderung, Verhältnis zu Russland sowie Religion und Schrift

Operation „Ulusy“ – und was die Zahlen wirklich sagen

Im Juli 1942 besetzte die Wehrmacht den größten Teil Kalmückiens. Mit Hilfe des Fürsten Nikolai Tundutow entstand unter anderem ein Kalmückisches Kavalleriekorps mit 3.000 bis 5.000 Freiwilligen. Die Mehrheit der Kalmücken kämpfte jedoch in der Roten Armee: Vor ihrer Ausmusterung im Dezember 1943 waren rund 8.000 von ihnen ausgezeichnet worden, 21 als Helden der Sowjetunion.

Das änderte nichts. Am 27. Dezember 1943 wurde die Kalmückische ASSR per Dekret aufgelöst, am folgenden Tag begann die von Lavrenti Beria organisierte Operation „Ulusy“. In 46 Zügen wurden zwischen dem 28. und 31. Dezember über 93.000 Menschen nach Sibirien gebracht, vor allem in die Gebiete Omsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk und Altai. Nichtkalmückische Frauen kalmückischer Männer wurden mitdeportiert, kalmückische Frauen nichtkalmückischer Männer durften bleiben. Elista wurde in Stepnoi umbenannt.

Hier ist eine verbreitete Angabe zu korrigieren: Es starb nicht „rund ein Drittel“ der Verschleppten. Die heute gebräuchlichen Schätzungen nennen 16.017 bis 16.594 Todesopfer, also eine Sterblichkeit von etwa 17 bis 19 Prozent. Das ist eine andere Größenordnung, aber kein geringeres Verbrechen: Betroffen waren überproportional Kinder und alte Menschen, und die 14 Jahre in den Sondersiedlungen zerstörten Sprache und Gemeinschaft nachhaltiger als der Transport selbst.

Die Rückkehr begann nicht 1958. Am 17. März 1956 wurden die Sondersiedlungsbeschränkungen für Kalmücken aufgehoben, am 9. Januar 1957 entstand wieder ein Autonomes Gebiet, und erst am 29. Juli 1958 folgte der Status als ASSR. Wer zurückkam, fand Haus, Arbeit und Land meist von zugewanderten Russen und Ukrainern besetzt.

Säulendiagramm der kalmückischen Bevölkerung in Russland und der Sowjetunion von 1897 bis 2021 mit dem Tiefpunkt 1959

Die erste menschengemachte Wüste Europas

Der ökologische Zusammenbruch der kalmückischen Steppe ist wissenschaftlich gut dokumentiert und in populären Darstellungen meist unterbelichtet. Ab den 1950er und 1960er Jahren wurden Weiden zwei- bis dreifach über ihrer nachhaltigen Tragfähigkeit beweidet, Schafhaltung ausgeweitet und Weideland in Ackerland umgewandelt.

Zahlenkasten Desertifikation

Über 17 Mio. Hektar von Winderosion betroffen · 380.000 Hektar in Wanderdünen verwandelt · 106.000 Hektar durch sekundäre Versalzung und Vernässung zerstört · bis in die 1990er Jahre rund 80 Prozent der Republik von Desertifikation erfasst, 13 Prozent echte Wüste (Zahlen für das Gebiet der „Schwarzen Erden“ und der Kisljar-Weiden, das über Kalmückien hinausreicht; Quelle: Zonn u. a., Environmental Monitoring and Assessment)

1986 beschloss die Sowjetunion ein „Generalschema zur Bekämpfung der Desertifikation der Schwarzen Erden und der Kisljar-Weiden“: Weiderotation, Aufforstung zur Sandbindung, Nachsaat von Futterpflanzen, neue Wasserstellen. 1990 entstand das Naturschutzgebiet Tschornyje Semli, das 1993 von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt wurde. Es sollte vor allem die Saiga-Antilope schützen, deren Bestände in den 1990er Jahren durch Wilderei und Lebensraumverlust dennoch einbrachen.

Goldener Tempel von Elista, KI-Bild als Aquarell
Goldener Tempel von Elista, KI-Bild als Aquarell

Kalmückien heute

Beim Zensus 2021 stellten die Kalmücken mit 159.138 Personen 62,5 Prozent der Republikbevölkerung, Russen 25,7 Prozent. Der Anteil steigt seit 1989 kontinuierlich, aber nicht, weil mehr Kalmücken geboren würden: Die Gesamtbevölkerung sank zwischen 1989 und 2021 um 55.446 Personen oder 17,2 Prozent, vor allem durch Abwanderung. Russlandweit wurden 2021 rund 179.500 Kalmücken gezählt, weniger als 1897.

Wer die Landschaft und die Tempelanlagen bewegt sehen möchte, findet sie im Video zu diesem Artikel; dort steht die Erzählung der Wanderung im Mittelpunkt, während dieser Text die Zahlen, Datierungsprobleme und ökologischen Folgen ergänzt.

Die Sprache ist der empfindlichste Punkt. Die UNESCO stuft Kalmückisch als „definitely endangered“ ein. 2010 gaben 80.546 Menschen an, sich auf Kalmückisch verständigen zu können, bei 183.372 ethnischen Kalmücken. Die dialektalen Eigenheiten von Torgut, Dörbet und Busaw leben vor allem bei den Älteren fort; mittlere Jahrgänge verstehen meist passiv, bei jungen Sprechern ist die Kompetenz oft gering. Eine Erhebung von 2024 kommt auf 11,2 Prozent, die sich als voll kompetent einschätzen.

Religiös ist die Republik vielfältiger, als das Etikett „buddhistisch“ nahelegt. Eine Erhebung von 2012 ergab 47,6 Prozent tibetischen Buddhismus, 18 Prozent russische Orthodoxie, 4,8 Prozent Islam, 3 Prozent Tengrismus und Schamanismus sowie 8 Prozent erklärte Atheisten.

Das sichtbarste Symbol der Rückkehr steht seit dem 27. Dezember 2005 in Elista: die „Goldene Heimstätte des Buddha Schakjamuni“, 63 Meter hoch, mit einer neun Meter hohen vergoldeten Buddha-Statue. Der Standort war eine Industriebrache; der 14. Dalai Lama hatte ihn bei seinem Besuch im November 2004 ausgewählt und dem Tempel am 11. März 2006 seinen Namen gegeben. Das Eröffnungsdatum war kein Zufall: Es ist zugleich der Jahrestag der Auflösung der Republik 1943. Präsident Kirsan Iljumschinow widmete den Bau den Opfern der Deportation.

Die verbreitete Angabe, der Dalai Lama habe Elista 1993 besucht, ist falsch. Er war 1991, 1992 und im November 2004 in Kalmückien. Seit 2004 hat Russland ihm die Einreise nicht mehr gestattet.

Was offen bleibt

Drei Punkte bleiben strittig. Erstens die Opferzahlen von 1771: Die Spanne zwischen 169.000 und 200.000 Aufbrechenden beruht auf konkurrierenden Quellentraditionen und lässt sich mit dem vorhandenen Material nicht auflösen. Zweitens die Frage, wie viele Kalmücken in den Jahren nach 1943 zusätzlich starben; Angaben zwischen 16.000 unmittelbaren Opfern und einem Bevölkerungsverlust von bis zu einem Drittel über die gesamte Verbannungszeit stammen aus unterschiedlichen Zählweisen und werden regelmäßig vermischt. Drittens das 2006 angekündigte Projekt Iljumschinows, rund 150.000 Oiraten aus Westchina anzusiedeln. Russland und China befürworteten es damals; umgesetzt wurde es nicht. Belastbare Gründe für das Scheitern sind öffentlich nicht dokumentiert, und angesichts der Abwanderung aus Kalmückien hätte es die Sozialstruktur der Republik grundlegend verändert.

Weiterlesen: Die Kalmücken waren nicht die ersten Mongolen in Europa: Schon 1241 stieß ein mongolisches Heer bis nach Schlesien vor und schlug bei Liegnitz ein schlesisch-polnisches Aufgebot. Was dort tatsächlich geschah, erfahrt ihr im Beitrag Mongolensturm in Liegnitz 1241.

Quellen

  1. Zonn, I. S. u. a.: Desertification in Russia: Problems and solutions (an example in the Republic of Kalmykia-Khalmg Tangch), Environmental Monitoring and Assessment. https://link.springer.com/article/10.1007/BF00546900 (Fachzeitschrift)
  2. Land Degradation of the Republic of Kalmykia: Problems and Reclamation Methods, Arid Ecosystems (Springer). https://link.springer.com/article/10.1134/S2079096120020043 (Fachzeitschrift)
  3. Rosstat, Allrussische Volkszählung 2020/2021, Band 5: Nationale Zusammensetzung und Sprachkenntnisse. https://rosstat.gov.ru/storage/mediabank/Tom5_tab1_VPN-2020.xlsx (amtliche Statistik)
  4. Kalmyk Cultural Heritage Documentation Project, University of Cambridge. https://www.kalmykheritage.socanth.cam.ac.uk/ (Universität)
  5. VLACH – Vanishing Languages and Cultural Heritage, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Kalmyk. https://www.oeaw.ac.at/vlach/collections/oirat-kalmyk/kalmyk (Akademie der Wissenschaften)
  6. Norwegian Helsinki Committee: 80 years since the mass deportation of the Kalmyks. https://nhc.no/en/28-december-1943-mass-deportation-of-the-kalmyks/ (Menschenrechtsorganisation)

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