Kirchschlag: Als das Burgenland 1921 mit Waffen verteidigt wurde

Beitragsbild Kirchschlag DE

Eine Grenze, die es im Alltag kaum gab

Die Linie, um die im Herbst 1921 geschossen wurde, verlief rund zwei Kilometer südöstlich von Kirchschlag. Auf Landkarten trennte sie seit Jahrhunderten die österreichische von der ungarischen Reichshälfte. Im Leben der Menschen tat sie das kaum. Höfe, Märkte, Verwandtschaften und Arbeitswege reichten über die Linie hinweg, der Schmuggel ohnehin. Solange beide Seiten zum selben Reich gehörten, war die Grenze eine Verwaltungssache.

Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 verschwand diese Klammer. Aus einer inneren Verwaltungsgrenze sollte plötzlich eine Staatsgrenze werden – und aus Nachbarn Angehörige zweier Staaten, die sich gerade erst neu sortierten. Genau in dieser Lücke zwischen völkerrechtlicher Ordnung und lokaler Wirklichkeit entstand der Konflikt, der am 5. September 1921 vor Kirchschlag eskalierte.

Was die Verträge festlegten – und was sie übersahen

Der Vertrag von Saint-Germain, am 10. September 1919 von Staatskanzler Karl Renner unterzeichnet, sprach Österreich westliche Teile der ungarischen Komitate Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg zu. Aus diesen Burg-Namen entstand die Bezeichnung „Burgenland“. Der Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 verpflichtete Ungarn zur Abtretung; in Kraft trat er am 26. Juli 1921. Die Entente argumentierte dabei weniger romantisch als oft dargestellt: Das wirtschaftlich schwache Restösterreich sollte fruchtbares Agrarland in der Nähe Wiens erhalten.

Betroffen waren 324 Orte mit knapp 295.000 Einwohnern. Ungarn verlor durch Trianon insgesamt rund zwei Drittel seines Staatsgebiets – Westungarn war davon nur ein kleiner, aber symbolisch aufgeladener Teil.

Die entscheidende Schwachstelle lag nicht im Vertragstext, sondern in seiner Umsetzung. Die Interalliierte Generalkommission in Ödenburg untersagte Österreich den Einmarsch mit Militär. Die Landnahme durfte ausschließlich durch Gendarmerie und Zollwache erfolgen. Am 28. August 1921 rückten deshalb rund 2.000 Gendarmen und Zollwachebeamte in elf Kolonnen über die Grenze – Ordnungskräfte, ausgerüstet für Polizeidienst, nicht für Gefechte.

Zeitleiste der Ereignisse vom Vertrag von Saint-Germain 1919 bis zur Volksabstimmung in Ödenburg im Dezember 1921

Wer die Freischärler wirklich waren

Die Gruppen, die sich der Übergabe entgegenstellten, waren keine spontane Dorfmiliz. Sie rekrutierten sich aus abgerüsteten Offizieren, Studenten, Vertriebenen aus der Slowakei, Siebenbürgen und Kroatien sowie aus Abenteurern und nannten sich „Königlich Ungarische westungarische Aufständische“. Ihre bekanntesten Köpfe waren Husarenoberstleutnant Pál Prónay und Oberleutnant Iván Héjjas, an der Spitze stand der spätere Ministerpräsident Gyula Gömbös.

Ein paar Zahlen, die das Bild schärfen:

  • Stärke: Die Angaben schwanken zwischen 2.700 und 30.000 Mann; realistisch waren es vermutlich nie mehr als 10.000. Durch hohe Beweglichkeit täuschten sie größere Verbände vor.
  • Sold: 600 Kronen Taggeld, davon 200 vom ungarischen Militär und 400 vom jeweiligen Bürgermeisteramt.
  • Ausrüstung: Stahlhelme, Gewehre, Bajonette, Maschinengewehre und Handgranaten; Autos und Panzerwagen stellte das ungarische Heer bei.
  • Gliederung: Im September 1921 formierten sie sich zu sechs Korps. Das I. Korps in Oberwart führte Oberleutnant Árpád Taby – jene Einheit, die mit Teilen der Héjjas-Verbände nach Kirchschlag vorstieß.

Offiziell hielt sich Budapest heraus. Tatsächlich stammten Waffen, Nachschub und ein Teil des Solds aus staatlichen Kanälen. Diese Konstruktion – ein Aufstand, den der Staat weder befiehlt noch verhindert – machte es Wien diplomatisch schwer, überhaupt zu reagieren.

Der 5. September 1921, Stunde für Stunde

Nach dem Scheitern der Landnahme im Süden verlegte das Heeresministerium ab 30. August Truppen an die Grenze. Das II. Bataillon des Infanterieregiments Nr. 5 kam aus der Wiener Albrechtskaserne und bezog am 1. September Stellungen im Raum Kirchschlag: 12 Offiziere, 15 Unteroffiziere und 415 Soldaten unter Oberst Emil Sommer. Bataillonsstab, 5. Kompanie und Maschinengewehrkompanie lagen in Kirchschlag, die 4. Kompanie in Hochneukirchen, die 6. in Ungerbach.

Um 5 Uhr früh meldete der Gendarmerieposten Deutsch Gerisdorf telefonisch, er werde von überlegenen Kräften mit Maschinengewehren angegriffen und müsse zurückgehen. Fast gleichzeitig kamen Meldungen aus Pilgersdorf und Lebenbrunn. Bei Deutsch Gerisdorf fielen 17 zum Teil schwer verwundete Gendarmen in die Hände der Freischärler.

Sommer alarmierte das Bataillon und verteilte die Kräfte: Die 6. Kompanie schickte zwei Maschinengewehrzüge nach Lebenbrunn und besetzte den Niklasberg. Die 5. Kompanie ging an der Grenze in Stellung, um ein Vorrücken auf Kirchschlag zu verhindern. Die Maschinengewehrkompanie sicherte die Straßenkreuzung Richtung Karl und Pilgersdorf, der Pionierzug blieb als Reserve im Ort.

Karte des Gefechtsraums bei Kirchschlag mit Deutsch Gerisdorf, Pilgersdorf, Lebenbrunn, Ungerbach, Hochneukirchen und der Angriffsrichtung der Freischärler

Gegen 9 Uhr stand die 5. Kompanie auf Höhe des Cholerakreuzes. Eine nach Osten entsandte Patrouille stieß auf Freischärler, die von höher gelegenen Stellungen aus im Vorteil waren. Nur ein schweres Maschinengewehr am Osthang des Hutkogels hielt den Vorstoß auf. Als es überhitzte und ausfiel, musste sich die Kompanie bis an den Ortsrand von Kirchschlag zurückziehen. Erst ein an der Straße nach Karl in Stellung gebrachtes Maschinengewehr zwang die Angreifer zur Umkehr. Ein zweiter Vorstoß beim Gehöft Lehen wurde vom Pionierzug abgefangen. Gegen 13 Uhr endete das Gefecht.

Wie viele starben? Ein Blick in die Quellen

Hier lohnt ein zweiter Blick, denn die Zahlen gehen auseinander. Was gern als feststehende Bilanz zitiert wird, ist in Wahrheit ein Forschungsstand mit offenen Rändern.

QuelleBundesheer gefallenverwundetFreischärler gefallenZivilisten
Kriegerdenkmal Kirchschlag (1931) / Theresianische Militärakademie101771
Gerald Schlag, Aus Trümmern geboren (2001)7 im Gefecht, 2 in Gefangenschaft getötet159–
atlas-burgenland.at (regionale Website)10keine Angabe61 (Josef Schlögl aus Steinbach)

Die Differenz erklärt sich vor allem durch die Zählweise: Ein Soldat erlag seiner Verwundung erst im Krankenhaus von Wiener Neustadt, mehrere gerieten verwundet in Gefangenschaft und wurden dort getötet. Das Denkmal von 1931 nennt zehn Namen – diese Zahl hat sich deshalb als die offizielle durchgesetzt.

Eine zweite Zahl verdient Beachtung, weil sie das Bild vom „Kampf um die Grenze“ relativiert: Bei Kampfhandlungen der gesamten Landnahme starben 14 Soldaten und neun Gendarmen. Allein zwei Fahrzeugunglücke im November 1921 – eines in Friedberg, eines in der Buckligen Welt – kosteten zusammen 24 Soldaten das Leben. Mehr Angehörige des Bundesheeres starben 1921 im Burgenland-Einsatz durch Unfälle als durch Feindeinwirkung.

Emil Sommer: der Kommandant, dem später alles genommen wurde

Über den Mann, der an diesem Vormittag die Befehle gab, erzählt die Ereignisgeschichte wenig. Sein Lebensweg ist aber der eigentlich bemerkenswerte Teil der Geschichte.

Emil Sommer kam am 19. November 1869 in Dorna-Watra in der Bukowina zur Welt, dem heutigen Vatra Dornei in Rumänien. Gegen den Willen seines Vaters, eines Kaufmanns, wurde er Berufsoffizier. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er vor Przemyśl, wurde 1915 in den Karpaten schwer verwundet und geriet in russische Gefangenschaft; 1918 kehrte er zurück und zeichnete sich an der Piave aus. Am 1. September 1920 trat er in das Bundesheer ein, am 1. Jänner 1921 wurde er Oberst.

Wer den Ablauf des Gefechts lieber erzählt und bebildert verfolgt, findet im Video zu diesem Thema die Chronologie des 5. September in zusammenhängender Form – dieser Artikel ergänzt sie um die Quellenlage, die Zahlen und die Nachgeschichte.

Für seine Einsatzführung verlieh ihm der Bundespräsident mit Wirkung vom 15. Oktober 1924 ehrenhalber den Titel Generalmajor – das junge Bundesheer hatte damals noch keine Auszeichnungen zu vergeben. 1932 wurde Sommer, der der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte, zum Bundesführer des „Bundes Jüdischer Frontsoldaten“ gewählt und trat dem wachsenden Antisemitismus entgegen.

Nach dem „Anschluss“ 1938 verlor der dekorierte General Rechte, Vermögen und Wohnung. 1938, 1939 und 1942 war er jeweils monatelang inhaftiert; am 10. September 1942 wurden er und seine Frau ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo ihm der sogenannte Prominentenstatus vermutlich das Leben rettete. Im Juni 1945 kehrte das Ehepaar nach Wien zurück. Sommer starb am 10. April 1947 während einer Reise in die USA. Seit 2024 trägt ein Ausmusterungsjahrgang der Theresianischen Militärakademie seinen Namen.

Nach dem Gefecht: Venedig, Leitha-Banat, Ödenburg

Militärisch war Kirchschlag ein gehaltener Abwehrkampf, politisch änderte es zunächst nichts. Am 9. und 10. September räumte Österreich das Burgenland wieder; die erste Landnahme war gescheitert. Gefährlich war die Lage vor allem deshalb, weil ein österreichischer Gegenangriff das offene Eingreifen der regulären ungarischen Armee hätte auslösen können – sie war zu diesem Zeitpunkt mehr als doppelt so stark wie das weitgehend abgerüstete Bundesheer.

Am 4. Oktober 1921 riefen die Freischärler in Oberwart sogar einen eigenen Staat aus, die „Lajtabánság“ (Leitha-Banat). Erst italienische Vermittlung brachte die Wende: Im Protokoll von Venedig vom 13. Oktober 1921 verpflichtete sich Ungarn zur Räumung, Österreich stimmte im Gegenzug einer Volksabstimmung in Ödenburg und acht Umlandgemeinden zu. Ab 13. November rückte das Bundesheer ein – bis auf einen Schusswechsel bei Kittsee ohne Widerstand. Oberst Sommer war mit seinem Bataillon wieder dabei. Am 6. Dezember 1921 übernahm Landesverwalter Robert Davy auch den Süden des Landes.

Zwei Balkendiagramme zur Umgangssprache im abgetretenen Gebiet 1920 und zum Ergebnis der Ödenburger Volksabstimmung 1921

Die Abstimmung am 14. und 16. Dezember 1921 fiel mit 65,1 Prozent für Ungarn aus. Auffällig ist die Aufschlüsselung: In der Stadt selbst votierten 72,8 Prozent für Ungarn, in den acht Umlandgemeinden dagegen 54,6 Prozent für Österreich. Weil laut Venediger Protokoll nur die Summe zählte, blieben auch diese Gemeinden bei Ungarn. Das Burgenland verlor damit seine vorgesehene Hauptstadt; Eisenstadt setzte sich erst 1925 faktisch durch. Österreichische Beobachter zogen aus Protest gegen manipulierte Wählerlisten ab – ein Vorwurf, der bis heute Teil der Debatte ist.

Warum Kirchschlag ein Sonderfall bleibt

Die gängige Formel lautet, Kirchschlag sei der einzige Fall gewesen, in dem das österreichische Bundesheer zum Schutz der Landesgrenze mit Waffengewalt eingesetzt wurde. Das ist in dieser Präzisierung korrekt und stammt so auch von der Theresianischen Militärakademie. Emil Sommer war zudem der einzige Bataillonskommandant, der im Zuge der Landnahme einen Verband im Gefecht zur Grenzverteidigung führte.

Was daraus nicht folgt: dass es sonst keine bewaffneten Zusammenstöße gegeben hätte. Gendarmen und Zollwache kämpften bei Agendorf, Pinkafeld und Sankt Margarethen, weitere vier Soldaten fielen Ende September und im Oktober 1921 bei Bruck an der Leitha. Kirchschlag war das schwerste und verlustreichste dieser Gefechte, nicht das einzige.

Am Cholerakreuz an der Grenze sind bis heute Einschusslöcher sichtbar, die bei der Restaurierung bewusst belassen wurden. 1931 wurde in Kirchschlag ein Kriegerdenkmal mit den zehn Namen eingeweiht, 1971 kam eine Gedenktafel dazu, 2021 ein gemeinsamer Gedenkplatz der Gemeinden Kirchschlag und Pilgersdorf. Der 5. September wird seit einigen Jahren als militärischer Traditionstag begangen. Die Frage, ob damit vor allem eine Leistung geehrt oder eine Mahnung bewahrt wird, beantworten die Denkmäler unterschiedlich – die Inschrift von 1971 tut beides zugleich.

Weiterlesen: Derselbe Vertrag von Saint-Germain, der Österreich das Burgenland zusprach, trennte Südtirol von Tirol und schlug es Italien zu. Wie es dazu kam und wie die Autonomie entstand, erfahrt ihr im Beitrag Südtirol: Ein historischer Überblick von der Habsburgerzeit bis zur Autonomie.

Quellen

  1. Gerald Schlag: Aus Trümmern geboren – Burgenland 1918–1921 (Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Band 106), Burgenländisches Landesmuseum, Eisenstadt 2001 – Volltext-PDF bei zobodat.at
  2. Martin Senekowitsch: Emil Sommer – Ein Monarchist, der für die Republik kämpfte, in: Oliver Rathkolb (Hrsg.), Burgenland schreibt Geschichte 1921–2021, Band 1, Amt der Burgenländischen Landesregierung, Eisenstadt 2021
  3. Theresianische Militärakademie: Das Gefecht von Kirchschlag am 5. September 1921 sowie Generalmajor Emil Sommer, verfasst von Oberst Thomas Lampersberger
  4. Österreichisches Staatsarchiv: Ödenburger Protokoll – Archivale des Monats Oktober 2021
  5. Amt der Burgenländischen Landesregierung: Geschichte des Landes Burgenland
  6. Stadtmuseum Kirchschlag: Museumsbroschüre „100 Jahre Gefecht von Kirchschlag“ (PDF)
  7. Ergänzend für die Bevölkerungszahlen nach der ungarischen Volkszählung 1920: atlas-burgenland.at

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