Britisch-Amerikanischer Krieg 1812

Britisch-Amerikanischer Krieg 1812

Britisch-Amerikanischer Krieg 1812: Er begann am 18. Juni. Damals unterzeichnete Präsident James Madison die Kriegserklärung gegen Großbritannien. Es war die erste förmliche Kriegserklärung in der Geschichte der Vereinigten Staaten – und bis heute die knappste: Das Repräsentantenhaus stimmte am 4. Juni mit 79 zu 49 dafür, der Senat am 17. Juni mit 19 zu 13. Kein einziger Abgeordneter der oppositionellen Federalists stimmte zu. Der Krieg begann also nicht als nationale Kraftanstrengung, sondern als Projekt einer Partei gegen den erklärten Widerstand der Handelsstaaten Neuenglands. Seine Gegner nannten ihn spöttisch „Mr. Madison’s War“.

Warum ein Handelsstreit zum Krieg wurde

Drei Konfliktlinien liefen zusammen. Die erste war die Zwangsrekrutierung, das sogenannte impressment: Die Royal Navy holte Matrosen von amerikanischen Handelsschiffen, weil sie Männer brauchte – der Personalbedarf ihrer Flotte war zwischen 1793 und 1812 von rund 36.000 auf über 110.000 Mann gestiegen. Das amerikanische Außenministerium zählte bis 1812 mindestens 6.257 verschleppte US-Bürger; andere zeitgenössische Schätzungen liegen bei rund 10.000. Zum offenen Skandal wurde die Praxis am 22. Juni 1807, als die HMS Leopard das Feuer auf die USS Chesapeake eröffnete und vier Männer von Bord holte.

Die zweite Linie war der Handel. Die britischen Orders in Council sollten Napoleons Europa vom Seehandel abschneiden und trafen dabei die neutrale amerikanische Schifffahrt. Die dritte Linie verlief im Westen: Dort formte der Shawnee-Anführer Tecumseh ein Bündnis indigener Nationen gegen die amerikanische Landnahme, und viele Amerikaner sahen darin vor allem britische Einflüsterung. Dass die britische Regierung die Orders in Council am 16. Juni 1812 aussetzte – einen Tag vor der Senatsabstimmung –, erfuhr Washington erst, als der Krieg bereits erklärt war.

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1812: Der Griff nach Kanada scheitert

Die Kriegsplanung beruhte auf einer Annahme: Kanada sei schnell zu erobern. Sie zerbrach binnen Wochen. Am 16. August 1812 übergab General William Hull Detroit ohne nennenswerten Kampf an eine zahlenmäßig unterlegene britisch-indigene Streitmacht unter Isaac Brock und Tecumseh. Hull wurde später vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und von Madison begnadigt. Am 13. Oktober 1812 scheiterte bei Queenston Heights auch der Angriff über den Niagara; New Yorker Milizionäre verweigerten die Überquerung der Grenze. Brock fiel in dieser Schlacht – ein schwerer Verlust für die britische Seite, der am Ausgang des Tages nichts änderte.

Die drei Kriegsschauplätze: kanadische Grenze, Atlantikküste, Golfküste.
Die drei Kriegsschauplätze: kanadische Grenze, Atlantikküste, Golfküste. Eigene Darstellung, Positionen aus Koordinaten berechnet.

1813: Der Krieg um die Großen Seen

1813 entschied sich der Krieg im Westen auf dem Wasser. Am 10. September 1813 schlug Oliver Hazard Perry bei Put-in-Bay das britische Eriesee-Geschwader und brachte es vollständig auf. Damit war die britische Nachschublinie nach Westen durchtrennt. Am 5. Oktober 1813 stellte William Henry Harrison die zurückweichenden Verbände am Thames River. Tecumseh fiel, und mit ihm zerfiel das indigene Bündnis, das die amerikanische Expansion zuletzt aufgehalten hatte.

Im Osten blieb es beim Misserfolg: Der Doppelvorstoß auf Montréal scheiterte bei Châteauguay (26. Oktober 1813) und Crysler’s Farm (11. November 1813) an schlechter Abstimmung zweier amerikanischer Armeen. Für die Zivilbevölkerung der Grenzregion war das Jahr verheerend. Beide Seiten brandschatzten: Amerikanische Truppen plünderten im April 1813 York, das heutige Toronto; die britische Vergeltung dafür wurde später ausdrücklich zur Begründung für Washington herangezogen.

1814: Britische Offensive und das Ende der Illusionen

Mit Napoleons Abdankung im April 1814 wurden britische Verbände frei. Gleichzeitig zeigte die Seeblockade Wirkung: Die Staatseinnahmen brachen ein, die Regierung finanzierte den Krieg fast vollständig über Schulden. Militärisch wurden die Amerikaner besser – Chippawa am 5. Juli 1814 war der erste US-Sieg im offenen Feldgefecht gegen reguläre britische Linientruppen, und Lundy’s Lane am 25. Juli 1814 wurde die verlustreichste Schlacht des Krieges, ohne Entscheidung.

Am 24. August 1814 schlugen britische Truppen bei Bladensburg die amerikanische Miliz und brannten am selben Abend die Regierungsgebäude in Washington nieder, darunter das Kapitol und die Präsidentenresidenz. Militärisch war das ein Nadelstich, politisch eine Demütigung. Entschieden wurde der Feldzug drei Wochen später an zwei anderen Orten: Am 11. September 1814 brach die britische Invasion aus Kanada nach der Niederlage auf dem Lake Champlain bei Plattsburgh ab, und am 13./14. September hielt Fort McHenry dem Beschuss vor Baltimore stand. Beide Ereignisse schwächten die britische Verhandlungsposition in Gent unmittelbar.

Der Frieden von Gent – und was er nicht regelte

Am 24. Dezember 1814 unterzeichneten die Unterhändler in Gent den Vertrag. Er stellte den Zustand von 1812 wieder her: status quo ante bellum. Kein Wort über Zwangsrekrutierung, kein Wort über Neutralitätsrechte – genau die Punkte, für die die USA in den Krieg gezogen waren. Strittige Grenzfragen wurden an Schiedskommissionen verwiesen.

Entscheidend ist ein Detail, das meist untergeht: Der Vertrag beendete den Krieg nicht. Er sollte erst mit der Ratifikation beider Seiten in Kraft treten. London ratifizierte am 27. Dezember, der US-Senat stimmte am 16. Februar 1815 zu, die Urkunden wurden am 17. Februar getauscht. Die Schlacht von New Orleans am 8. Januar 1815, in der Andrew Jackson rund 2.000 britische Verluste gegen 71 eigene verzeichnete, fand also nicht nach dem Krieg statt, sondern mitten darin.

Zeitleiste, zeitproportional dargestellt. Eigene Darstellung.
Zeitleiste, zeitproportional dargestellt. Eigene Darstellung.

Die vierte Partei

Verhandelt haben zwei Mächte, betroffen waren vier. Artikel IX des Vertrags verpflichtete beide Seiten, den indigenen Nationen alle Rechte und Besitzungen zurückzugeben, die sie 1811 besessen hatten. Durchgesetzt wurde er nie. Die britische Forderung nach einem indigenen Pufferstaat zwischen Ohio und Michigan war in den Verhandlungen fallengelassen worden. Ohne Tecumsehs Bündnis und ohne britische Rückendeckung verlor die indigene Seite in den Jahrzehnten danach genau das Land, um das es im Westen von Anfang an gegangen war. In der heutigen Forschung gilt sie deshalb als die eigentliche Verliererin des Krieges.

Wer hat gewonnen?

Die Frage wird bis heute je nach Standpunkt anders beantwortet, und das ist kein Zufall: Jede Seite kann sich auf etwas berufen. Die USA verweisen auf New Orleans und ein neues Nationalgefühl – der Krieg gilt dort als „zweiter Unabhängigkeitskrieg“. Kanada verweist auf die abgewehrte Invasion und datiert einen Teil seiner nationalen Identität auf 1812–1814. Großbritannien führte den Konflikt als Nebenschauplatz der Napoleonischen Kriege und behielt alle maritimen Rechte, um die gestritten worden war. Nüchtern betrachtet erreichte keine der beiden kriegführenden Regierungen ihre erklärten Ziele – und Großbritannien musste, anders als die USA, keines aufgeben.

Innenpolitisch hatte der Krieg einen klaren Verlierer: Vom 15. Dezember 1814 bis zum 5. Januar 1815 tagten 26 Federalist-Delegierte aus fünf Neuengland-Staaten hinter verschlossenen Türen in Hartford. Sie verwarfen die Abspaltung und forderten Verfassungsänderungen. Als ihre Abgesandten Washington erreichten, trafen dort gerade die Nachrichten aus New Orleans und aus Gent ein. Die Partei galt fortan als illoyal und verschwand binnen weniger Jahre von der politischen Bühne.

Zahlen zum Krieg

Vereinigte StaatenGroßbritannien und Verbündete
Heeresstärke bei Kriegsbeginnrund 7.000 Regulärerund 5.200 Reguläre in Nordamerika
Gefallene im Gefechtrund 2.200rund 2.700
Tote insgesamt (inkl. Krankheiten)rund 15.000rund 10.000
Verwundeterund 4.500keine belastbare Gesamtzahl
Indigene Verbündete–10.000 bis 15.000 Krieger

Die Zahlen stammen aus der Zusammenstellung gängiger Schätzungen und schwanken in der Literatur erheblich; verlässlich ist vor allem das Verhältnis: Die meisten Toten forderten Krankheiten, nicht Schlachten. Die Verluste der indigenen Nationen werden auf etwa 10.000 Tote geschätzt, sind aber am schlechtesten dokumentiert.

Zwei hartnäckige Irrtümer

„Das Weiße Haus bekam nach dem Brand seinen Namen.“ Das Gebäude war schon seit 1798 weiß gekalkt und wurde lange vor 1814 umgangssprachlich so genannt; offizieller Name wurde „White House“ erst 1901 unter Theodore Roosevelt.

„Die Schlacht von New Orleans war sinnlos, der Krieg war schon vorbei.“ Er war es nicht – siehe oben. Ohne Ratifikation galt weiter Kriegsrecht, und ein britischer Erfolg am Mississippi hätte die Ausgangslage verändert.

Wie viele Amerikaner tatsächlich zwangsrekrutiert wurden, ist bis heute nicht zu klären: Die Angaben reichen von 6.257 (amtliche US-Zählung bis 1812) über rund 10.000 bis zu Schätzungen von über 20.000. Ebenso strittig ist, ob die Eroberung Kanadas jemals ernsthaftes Kriegsziel war oder nur Faustpfand für die Seerechtsfrage.

Weiterlesen: Im selben Jahr, in dem die USA Großbritannien den Krieg erklärten, marschierte Napoleon in Russland ein. Der Feldzug leitete seinen Sturz ein, der 1814 die britischen Truppen für Amerika frei machte. Wie er scheiterte, erfahrt ihr im Beitrag Russlandfeldzug 1812 – Napoleons größter Fehler.

Quellen

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