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8500 Jahre alt: die längste belegte Hochseefahrt von Jägern und Sammlern

Beitragsbild Malta

Was der Fund in der Höhle von Latnija über die Hochseefahrt in der Steinzeit verrät und was er offenlässt.

Ein Fund, der eine Gewissheit gekippt hat

Lange galt als sicher, dass die ersten Menschen auf Malta Bauern waren. Sie kamen vor etwa 7.400 Jahren aus Sizilien, brachten Saatgut, Vieh und Keramik mit und trafen, so die Annahme, auf eine unberührte Insel. Für alles davor sei Malta einfach zu klein, zu trocken und zu weit draußen gewesen. Seit April 2025 stimmt dieses Bild nicht mehr.

Ein Team um Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und Nicholas Vella von der Universität Malta hat in einer Höhle im Norden der Insel Spuren gefunden, die rund tausend Jahre älter sind. Sie stammen nicht von Bauern, sondern von Jägern und Sammlern. Wie weit diese Menschen übers Meer fahren mussten, um nach Malta zu kommen, zeigt die Karte.

Karte zwischen Sizilien und Malta mit drei Strecken: 85 km kürzeste Luftlinie von Gozo zur sizilianischen Südküste, 120 km vom Golf von Gela, sowie 204 km

Die Geschichte gibt es auch als Video – der Artikel geht darüber hinaus und nennt die Quellen.

Was in Latnija lag

Die Fundstelle heißt Latnija und liegt in einer Doline, also einer trichterförmigen Senke, bei Mellieħa im Norden Maltas, nahe bei Süßwasserquellen und nicht weit von der Küste. Zwischen 2021 und 2023 hat das Team dort eine Fläche von fünf mal fünf Metern bis in 1,48 Meter Tiefe abgetragen.

Gefunden haben die Forscher keinen einzelnen spektakulären Gegenstand, sondern etwas Unauffälligeres, das aber mehr aussagt, nämlich die Spuren des Alltags. Dazu gehören Feuerstellen mit dicken Ascheschichten und 64 Steinwerkzeuge, bis auf ein einziges Stück aus Feuerstein alle aus Kalkstein, ein großer Teil davon aus Geröll vom Strand.

Dazu kommt sehr viel Küchenabfall: Knochen von Rothirschen, Vögeln, Schildkröten, Zackenbarschen und Robben, Reste von Krabben und Seeigeln und rund 10.000 Schalen von Meeresschnecken, vor allem der Gemeinen Kreiselschnecke (Phorcus turbinatus), daneben Napfschnecken. Etwa ein Viertel der untersuchten Tierreste, Knochen ebenso wie Schneckenschalen, zeigt Brand- oder Verkohlungsspuren. Hier wurde gekocht und nicht bloß gesammelt.

Genauso wichtig ist, was fehlt: kein Getreide, keine Haustiere, keine Keramik. Alle Tiere waren wild. Und die Steinwerkzeuge unterscheiden sich grundlegend von den späteren maltesischen Funden aus Feuerstein und eingeführtem Obsidian. Einen Teil der Fundstücke zeigt die Abbildung aus der Studie.

Fundstücke aus der Höhle Latnija auf Malta: bearbeitete Kalksteinabschläge, Unterkiefer und Mittelfußknochen eines Rothirschs, Schalen von Meeresschnecken und Napfschnecken, eine Krabbenschere, Schildkrötenpanzer, ein Fischwirbel, ein Robbenknochen und Vogelknochen.
Fundstücke aus der mesolithischen Schicht von Latnija. Abbildung 4 aus: Scerri, E. M. L. et al., Hunter-gatherer sea voyages extended to remotest Mediterranean islands, Nature 641, 137–143 (2025), doi.org/10.1038/s41586-025-08780-y. Lizenziert unter CC BY 4.0. Unverändert übernommen.

Die Fundstelle in Zahlen:

  • 32 Radiokarbondatierungen an Holzkohle und eine an Knochen, dazu 49 an Schneckenschalen – Besiedlung ab etwa 8.500 Jahren vor heute, vermutlich bis etwa 7.500
  • Erste gesicherte Bauern auf Malta: erst vor 7.400 bis 7.100 Jahren
  • 309 einzeln dokumentierte Sedimentschichten

85 Kilometer – oder doch 100?

An dieser Stelle wird in vielen Berichten geschludert. Auf der kürzesten Linie liegen Sizilien und Malta heute rund 85 Kilometer auseinander. Vor 8.500 Jahren war das kaum anders, denn die vermutete Landbrücke zwischen den beiden Inseln war schon vor rund 13.000 Jahren im Meer versunken, also rund 4.500 Jahre davor. Heute liegt sie etwa 95 Meter tief.

Die oft genannten 100 Kilometer sind nicht die Entfernung, sondern die geschätzte tatsächliche Fahrtstrecke. Den Unterschied machen Strömung und Wind: Wer im Malta-Kanal geradeaus paddeln will, kommt nicht geradeaus voran. Damit ist die Fahrt nach Malta die längste Hochseefahrt, die für Jäger und Sammler im Mittelmeer bisher belegt ist.

25 Stunden im Einbaum

Segel gab es noch nicht. Die Forscher gehen von Einbäumen aus, also von ausgehöhlten Baumstämmen, wie man sie vom jungsteinzeitlichen Fundplatz La Marmotta in Italien kennt. Mit dem Nachbau eines solchen Boots wurden Versuchsfahrten unternommen, und dabei kamen rund 4 Kilometer pro Stunde heraus, gut zwei Knoten. Das ist Spaziertempo.

Rechnet man das auf die Strecke nach Malta hoch, kommt man bei 100 Kilometern auf rund 25 Stunden. Die Studie selbst beschreibt eine Fahrt im Sommer, die sämtliche Tagesstunden plus etwa acht Stunden Dunkelheit dauert.

Etwas anderes fehlt in den meisten Darstellungen. Im Sommer setzt im Malta-Kanal eine südöstliche Strömung von bis zu 2 Knoten. Bei einem Boot, das selbst nur gut zwei Knoten schafft, ist das keine Kleinigkeit, denn die Strömung verlängert die Fahrt noch einmal deutlich.

Die Überfahrt in Zahlen

Luftlinie Sizilien–Maltaca. 85 km
Geschätzte Fahrtstreckeca. 100 km
BootstypEinbaum, Paddelantrieb
Gemessene Geschwindigkeitca. 4 km/h (2 kn)
Sommerströmung im Kanalbis 2 kn, südöstlich
Fahrtdaueralle Tageslichtstunden plus ca. 8 h Dunkelheit
Hochseefahrt
Rekonstruktion, KI-generiert

Warum nicht der kürzeste Weg?

Ein Detail aus der Studie überliest man leicht, dabei erzählt es viel. In der Antike und auch später fuhren Segelschiffe nach Malta offenbar meist nicht vom nächstgelegenen Punkt Siziliens ab. Sie starteten bevorzugt weiter westlich, aus den Häfen am Golf von Gela.

Der Grund ist die Strömung. Wer vom kürzesten Punkt lossegelt, wird leicht abgetrieben und kann die Insel verfehlen. Wer weiter westlich startet, lässt sich von der Strömung auf Kurs tragen. Menschen mit Segelschiffen und viel Erfahrung nahmen also den Umweg in Kauf, weil der direkte Weg der schlechtere war. Das sagt etwas darüber, womit die Paddler 8.500 Jahre vorher zu tun hatten.

Konnten sie Land sehen?

Hier lohnt ein genauerer Blick. Gern stellt man sich zwei Inseln vor und dazwischen nur leeren Horizont, aber so eindeutig war es nicht. Die Studie nennt neben Strömungen und Winden ausdrücklich auch Landmarken, Sterne und andere Arten der Orientierung, nach denen sich die Seefahrer gerichtet haben könnten.

Eine solche Landmarke fällt besonders auf. Der Ätna auf Sizilien ist rund 3.350 Meter hoch und liegt von Malta etwa 200 bis 210 Kilometer entfernt. Bei klarer Luft ist er von dort tatsächlich zu sehen. Maltesische Fotografen halten das regelmäßig fest, meist im Winter an kalten, trockenen Morgen, und bei Ausbrüchen ist nachts sogar ein roter Punkt am Horizont zu erkennen.

Wie oft das vor 8.500 Jahren möglich war, weiß niemand. Die Sicht hängt von Luftfeuchtigkeit, Temperatur und der Brechung des Lichts in der Luft ab, und ein Paddler sitzt kaum einen Meter über dem Wasser, was die Reichweite verringert. Wie viel vom Gipfel dann noch über den Horizont ragt, zeigt die Grafik am Ende dieses Abschnitts. Belegt ist der Ätna als Orientierungspunkt für diese Fahrten nicht.

Die Vorstellung, es habe unterwegs überhaupt nichts zu sehen gegeben, ist aber zu einfach. Ein aktiver Vulkan dieser Größe ungefähr in der Achse der Route, auf der Hinfahrt im Rücken und auf der Rückfahrt voraus, kommt als Orientierungspunkt durchaus in Frage, und auch die Studie nennt Landmarken ausdrücklich.

Schematischer Querschnitt zwischen Malta und Sizilien. Die gekrümmte Meeresoberfläche verdeckt die unteren rund 3.170 Meter des Ätna. Über der Sichtlinie eines Paddlers mit einem Meter Augenhöhe bleiben nur die obersten etwa 190 Meter des Gipfels sichtbar.

Was die Studie nicht sagt

Bei drei Punkten ist Zurückhaltung angebracht:

Ob nachts gefahren wurde, ist offen. Die Studie stuft die Route als „schwierig“ ein und verweist darauf, dass Paddler andernorts Fahrten in der Nacht nach Möglichkeit ganz vermieden. Eine Fahrt, die rechnerisch eine Nacht auf See erzwingt, passt dazu schlecht. Dieser Widerspruch ist ungelöst, und er ist kein erzählerischer Höhepunkt.

Warum sie fuhren, weiß niemand. Die Studie nennt zwei Möglichkeiten und entscheidet sich für keine: möglicherweise saisonale Nahrungsquellen, begünstigt durch das etwas mildere Klima, oder sozialen Druck, ausgelöst durch die Umbrüche beim Übergang zur Jungsteinzeit auf dem Festland.

Es wurden keine Boote gefunden. Der Einbaum ist eine begründete Annahme aus Vergleichsfunden, kein Fund aus Malta. Die Studie formuliert das entsprechend vorsichtig.

Was sich dadurch ändert

Der Fund verschiebt nicht nur eine Jahreszahl, er ändert zwei Annahmen.

Erstens konnten die letzten Jäger und Sammler Europas weiter aufs Meer hinaus, als man ihnen zugetraut hat. Wenn Malta erreichbar war, waren möglicherweise auch andere Verbindungen möglich, etwa zwischen der europäischen und der nordafrikanischen Seite des Mittelmeers.

Zweitens betraten die Bauern, die vor 7.400 Jahren ankamen, keine unberührte Insel. Sie kamen in einen Lebensraum, in dem Menschen schon seit rund tausend Jahren gejagt, gefischt und Feuer gemacht hatten.

Weiterlesen: Auch bei der Zeitmessung trauen neue Funde den Jägern und Sammlern der Mittelsteinzeit mehr zu. Im schottischen Warren Field legten sie um 8000 v. Chr. eine Reihe von Gruben an, die als ältester bekannter Kalender nach Mond und Sonne gilt. Mehr dazu erfahrt ihr im Beitrag Wie der Mensch die Zeit und den Kalender erfand.

Quellen

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