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Der Tag, an dem drei Männer aus einem Fenster flogen
Am Morgen des 23. Mai 1618 stiegen mehrere protestantische Adlige die Treppen der Prager Burg hinauf. Sie waren wütend, sie waren entschlossen, und sie hatten ein Ziel: zwei kaiserliche Statthalter, die in ihren Augen für die Beschneidung ihrer religiösen Freiheiten standen. Was dann geschah, ging als Zweiter Prager Fenstersturz 1618 in die Geschichte ein. Die beiden Beamten und ihr Schreiber wurden aus einem Fenster im zweiten Stock geworfen. Alle drei überlebten. Der Krieg, den dieser Moment auslöste, sollte dreißig Jahre dauern.
Um zu verstehen, warum diese Männer so wütend waren, muss man neun Jahre zurückgehen. 1609 hatte Kaiser Rudolf II. den böhmischen Ständen im sogenannten Majestätsbrief weitreichende religiöse Freiheiten zugesichert. Das Dokument war ein Zugeständnis aus einer Position der Schwäche, und genau deshalb war von Anfang an umstritten, wie weit es reichte. Als unter Rudolfs Nachfolgern protestantische Kirchenbauten auf Gebieten behindert wurden, die die Stände als von dem Brief gedeckt ansahen, ging es nicht mehr nur um Glauben, sondern um die Frage, ob ein kaiserliches Versprechen etwas wert war. Der Fenstersturz war die Antwort der Stände auf diese Frage.
Dass die drei Männer überlebten, war für die Zeitgenossen keine Nebensache, sondern der Kern des Streits. Katholische Berichte deuteten den glimpflichen Ausgang als göttliches Eingreifen zugunsten der kaiserlichen Sache. Protestantische Stimmen hielten dagegen, der Burggraben sei schlicht weich gewesen. Schon in der Deutung dieses einen Sturzes zeigte sich, wie tief die Gräben verliefen: Zwei Seiten sahen dasselbe Ereignis und lasen daraus zwei entgegengesetzte Wahrheiten.

Der Fenstersturz war zudem kein Einzelfall, sondern eine bewusste Wiederholung. Schon 1419, zu Beginn der Hussitenkriege, hatten Prager Aufständische Ratsherren aus einem Fenster des Neustädter Rathauses geworfen. Den Adligen von 1618 war dieser Bezug klar. Sie zitierten ihn. Der Wurf war damit weniger ein Kontrollverlust als eine politische Botschaft in einer Sprache, die jeder in Böhmen verstand.
Dieses Thema gibt es auch als Video – der Artikel geht darüber hinaus und nennt die Quellen.
Warum ein böhmischer Streit ganz Europa erfasste
Der Aufstand hätte eine regionale Angelegenheit bleiben können. Schon zwei Jahre später, in der Schlacht am Weißen Berg im November 1620, wurden die böhmischen Truppen in weniger als zwei Stunden geschlagen. Der Adel wurde enteignet, vertrieben oder hingerichtet, der Protestantismus in Böhmen gewaltsam zurückgedrängt. Militärisch war die Sache entschieden.

Doch genau dieser Sieg wurde zum Problem. Ein Kaiser, der sich in Böhmen so vollständig durchsetzte, machte anderen europäischen Mächten Angst. Dänemark griff ein und scheiterte. Schweden griff ein und gewann. Frankreich, selbst katholisch, stellte sich auf die Seite der protestantischen Gegner des Hauses Habsburg, weil es nicht um Glauben ging, sondern um die Frage, wer in Europa das Übergewicht bekam.
Der britische Historiker Peter H. Wilson, dessen Gesamtdarstellung als Standardwerk gilt, beschreibt diesen Mechanismus als das eigentliche Verhängnis des Krieges. Jede Seite fürchtete, ein Frieden würde den einmal erreichten Vorteil festschreiben. Also kämpfte man weiter, um beim nächsten Verhandlungstermin besser dazustehen. Der Krieg verlängerte sich nicht trotz der Friedensbemühungen, sondern teilweise wegen ihnen.
Wie sehr dieser Krieg die Ordnung auflöste, zeigt kaum jemand besser als Albrecht von Wallenstein. Er stellte Heere auf eigene Rechnung auf und wurde damit so mächtig, dass die Reichsfürsten den Kaiser 1630 dazu drängten, ihn zu entlassen. Zwei Jahre später, als die schwedischen Erfolge bedrohlich wurden, holte derselbe Kaiser ihn zurück, weil er niemanden sonst hatte. 1634 ließ der Hof ihn ermorden. Innerhalb von vier Jahren war ein Feldherr entlassen, zurückgeholt und beseitigt worden – nicht weil er verloren hätte, sondern weil unklar geworden war, wem seine Armee eigentlich gehörte.
Wie viele Menschen wirklich starben

Hier lohnt ein genauer Blick, denn die verbreitetste Zahl zum Dreißigjährigen Krieg ist zugleich die missverständlichste. Oft heißt es, ein Drittel der Bevölkerung sei gestorben. Diese Angabe stimmt für einzelne besonders schwer getroffene Regionen, vor allem in Teilen Süddeutschlands, wo tatsächlich nur etwa ein Drittel der Menschen überlebte. Als Gesamtbilanz für das Heilige Römische Reich ist sie jedoch zu hoch gegriffen.
Wilson rechnet mit mindestens fünf Millionen Toten im Reich, was einem Rückgang der Bevölkerung um rund ein Fünftel entspricht. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass andere Schätzungen deutlich höher liegen, hält sich selbst aber an die konservativere Zahl. Der Unterschied zwischen einem Fünftel und einem Drittel klingt akademisch, ist es aber nicht: Er entscheidet darüber, ob man von einer schweren Katastrophe oder von einem nahezu vollständigen Zusammenbruch spricht.
Um die Größenordnung einzuordnen, zieht Wilson einen Vergleich heran. Die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg in absoluten Zahlen weit mehr Menschen, rund vierzig Millionen, das entsprach aber etwa zwölf Prozent ihrer Bevölkerung. Gemessen am Anteil der Bevölkerung war der Dreißigjährige Krieg für das Heilige Römische Reich also verheerender als der Zweite Weltkrieg für die Sowjetunion. Diese Relation macht begreiflich, warum der Krieg im deutschen Gedächtnis eine Sonderstellung behielt, lange bevor es Nationalstaaten gab, die ihn hätten verwalten können.
Wie sich diese Zahlen an einem einzelnen Ort anfühlten, zeigt Magdeburg. Die Stadt wurde im Mai 1631 von kaiserlichen Truppen erstürmt, brannte fast vollständig nieder und verlor über zwanzigtausend Menschen. Sie war danach praktisch entvölkert. Für die Propaganda beider Seiten wurde Magdeburg sofort zum Argument, und der Vorgang prägte über Jahrhunderte das Bild vom Krieg. Ein einziger Tag löschte damit eine der größten Städte Norddeutschlands aus.

Entscheidend ist außerdem, woran die Menschen starben. Die Schlachten forderten weniger Opfer als das, was den Armeen folgte. Söldnerheere finanzierten sich über das sogenannte Kontributionssystem: Sie erhoben in den Gebieten, durch die sie zogen, Zwangsabgaben in Geld, Nahrung und Unterkunft, statt regulären Sold von ihrem Kriegsherrn zu beziehen. Für die Landbevölkerung bedeutete das, dass es kaum einen Unterschied machte, welche Armee gerade vorbeikam. Hunger und Seuchen erledigten den Rest. Der amerikanische Historiker Geoffrey Parker hat gezeigt, dass diese Jahrzehnte zugleich in eine Phase globaler Klimaabkühlung fielen, sodass Missernten und Kriegszüge sich gegenseitig verstärkten.
Was in Münster und Osnabrück tatsächlich beschlossen wurde
Der Westfälische Friede wird oft als Geburtsstunde der staatlichen Souveränität beschrieben. Das ist richtig, verdeckt aber, wie konkret und kleinteilig die Verträge tatsächlich waren. Unterzeichnet wurden sie am 24. Oktober 1648, nach jahrelangen parallelen Verhandlungen in zwei Städten: Die katholischen Mächte tagten in Münster, die protestantischen in Osnabrück, damit man sich nicht an einen Tisch setzen musste.

Das wichtigste Instrument war das sogenannte Normaljahr. Man legte fest, dass für die konfessionellen Verhältnisse der Stand vom 1. Januar 1624 gelten sollte. Wer zu diesem Stichtag ein Kloster, ein Hochstift oder eine Kirche besaß, behielt sie. Damit wurde ein Datum zum Schiedsrichter über Besitzansprüche, um die zuvor dreißig Jahre lang gekämpft worden war. Neu war außerdem, dass die Calvinisten erstmals offiziell in den Reichsreligionsfrieden aufgenommen wurden. Bis dahin hatten nur Katholiken und Lutheraner diesen Schutz genossen, obwohl der Aufstand von 1618 wesentlich von calvinistischen Adligen getragen worden war.
Territorial wurden Württemberg und Baden wiederhergestellt, die Kurpfalz mit Ausnahme der Oberpfalz zurückgegeben, und mehrere Reichsstädte wie Augsburg, Biberach, Ravensburg und Dinkelsbühl erhielten paritätische Regelungen, in denen beide Konfessionen nebeneinander bestanden. Die Reichsstände bekamen die Landeshoheit nach innen bestätigt und durften Bündnisse schließen, solange diese sich nicht gegen Kaiser und Reich richteten. Im selben Vertragswerk wurden die Unabhängigkeit der Niederlande von Spanien und die faktische Loslösung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom Reich völkerrechtlich anerkannt.
Was vom Krieg geblieben ist
Der Wiederaufbau dauerte länger als der Krieg selbst. Manche Regionen erreichten ihre Vorkriegsbevölkerung erst mehr als hundert Jahre später wieder. Ganze Dörfer verschwanden und existieren heute nur noch als Namen in Kirchenbüchern.

Was blieb, war ein Verfahren. Der Gedanke, dass Staaten ihre Konflikte an einem Tisch regeln und sich dabei an Regeln halten, die sie vorher miteinander vereinbart haben, entstand nicht aus Einsicht, sondern aus Erschöpfung. Der deutsche Historiker Herfried Münkler hat den Krieg deshalb als eine Art Labor der Gewalt beschrieben: als Erfahrungsraum, in dem Europa lernte, wohin Machtpolitik führt, wenn ihr niemand Grenzen setzt.
Darin liegt die eigentliche Ironie dieses Krieges. Eine der größten humanitären Katastrophen der europäischen Geschichte legte das Fundament für eines der stabilsten politischen Prinzipien der Weltgeschichte. Wer heute von der Souveränität eines Staates spricht, benutzt einen Begriff, der in den Trümmern von 1648 geformt wurde.
Weiterlesen: Dass 1618 ein Habsburger über Böhmen herrschte, geht auf das Jahr 1526 zurück: Nach dem Tod König Ludwigs II. in der Schlacht bei Mohács wählten die böhmischen Stände Ferdinand I. zu ihrem König. Was bei Mohács und danach geschah, erfahrt ihr im Beitrag Erster österreichischer Türkenkrieg 1526.
Quellen
- Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie. Theiss Verlag. Zahlenangaben zu den Bevölkerungsverlusten auch in seinem Vortrag am Gresham College (2018): https://s3-eu-west-1.amazonaws.com/content.gresham.ac.uk/data/binary/2752/2018-05-23_PeterWilson_ThirtyYearsWar-T.pdf
- LWL-Internetportal „Westfälische Geschichte“, https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=459&url_tabelle=tab_websegmente
- LEO-BW, Landeskunde Baden-Württemberg, https://www.leo-bw.de/en/themenmodul/dreissigjaehriger-krieg/friedensschlusse/westfalischer-frieden
- Wikipedia:https://de.wikipedia.org/wiki/Westfälischer_Friede

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