Erster österreichischer Türkenkrieg 1526

Beitragsbild 1. Türkenkrieg

Zwischen 1526 und 1568 wurde nicht entschieden, wer Ungarn beherrscht, sondern dass es niemand ganz beherrschen würde. Am Ende dieses Krieges war das Königreich dreigeteilt, und die neue Grenze lief quer durch ein Land, das kurz zuvor noch die Mittelmacht Ostmitteleuropas gewesen war. Die Ereignisfolge ist gut dokumentiert; die Zahlen, mit denen sie meist erzählt wird, sind es nicht. Genau darin liegt der interessantere Teil der Geschichte.

Der Feldzug vor dem Türkenkrieg 1526

Der Angriff von 1526 kam nicht überraschend. Bereits 1521 hatten die Osmanen Belgrad genommen, den zentralen Stützpunkt des südungarischen Verteidigungssystems. Die Aufgabe, die Belgrad erfüllt hatte, fiel danach an die Festung Peterwardein am rechten Donauufer, das heutige Petrovaradin bei Novi Sad.

Sultan Süleyman I. brach am 23. April 1526 von Konstantinopel auf; Großwesir Ibrahim Pascha marschierte dem Hauptheer voraus. Peterwardein fiel nicht an einem Tag: Die Belagerung begann am 12. Juli und endete nach etwa zwei Wochen mit dem Fall der Festung Ende Juli. Die ungarische Mobilmachung setzte erst im Juni ein, als osmanische Verbände bereits an der Donau standen.

Die Marschleistung selbst ist bemerkenswert. Zwischen Konstantinopel und Wien liegen gut 1.270 Kilometer Luftlinie, zwischen Ofen und Wien 214. Ein Heer mit Belagerungsartillerie, Trossen und Kamelen bewegte sich darin in einer Saison, die im Oktober endete. Diese Logistik, nicht der Mut der Verteidiger, setzte der osmanischen Expansion in Mitteleuropa die eigentliche Grenze.

Karte zum Türkenkrieg 1526 des Donauraums zwischen Wien und Belgrad mit dem Verlauf der Donau und zehn markierten Orten des Krieges, darunter Wien, Ofen, Mohács, Güns und Belgrad; osmanische und habsburgische Erfolge sind farblich unterschieden.
Schauplätze des Ersten Österreichischen Türkenkriegs. Eigene Darstellung, Koordinaten und Distanzen berechnet.

Mohács: was die Zahlen hergeben und was nicht

Am 29. August 1526 trafen die Heere bei Mohács in Südungarn aufeinander. Das ungarische Aufgebot zählte nach gängigen Angaben 25.000 bis 30.000 Mann, das osmanische deutlich mehr. Die ungarische schwere Reiterei griff an, bevor das eigene Heer vollständig aufgestellt war. Osmanische Sipahi wichen geordnet zurück und lockten die Angreifer in das Feuer der Artillerie. König Ludwig II. ertrank auf der Flucht im Bach Csele; seine Leiche wurde erst zwei Monate später gefunden.

Bei den Verlustzahlen beginnt das Quellenproblem. Die in Nachschlagewerken verbreiteten Angaben – etwa 12.000 enthauptete Gefangene und insgesamt 24.000 Gefallene, darunter 4.000 Panzerreiter – gehen auf die osmanische Feldzugstagebuch-Tradition und deren spätere Bearbeitungen zurück. Unabhängig überprüfbar sind sie nicht, und in der Literatur schwanken sie erheblich. Auch die Stärke des ungarischen Heeres wird unterschiedlich angesetzt: Nicolae Iorga nannte 25.000 bis 40.000 Mann und hielt den Großteil für Bauern, während Michael Klein darauf hinweist, dass die ungarische Bauernschaft sich passiv verhielt und das Heer deshalb nur wenige Fußtruppen besaß. Wer solche Zahlen ohne Bandbreite nennt, gibt eine Schätzung als Messwert aus.

Ein Detail zur Geografie, das oft durcheinandergerät: Ofen ist der deutsche Name für Buda am rechten, westlichen Donauufer. Pest liegt gegenüber am linken Ufer. Beide wurden erst 1873 zu Budapest vereinigt.

Den Ablauf des Krieges erzählt auch das Video zu diesem Thema.

Zwei Könige, ein Thron

Nach der Schlacht erreichte Süleyman am 10. September Ofen, ließ plündern und zog über Belgrad wieder ab. Besetzt wurde Ungarn 1526 nicht – zerstört wurde seine Handlungsfähigkeit.

Zwei Männer beanspruchten die Krone. Johann Zápolya, Woiwode von Siebenbürgen, wurde am 11. November 1526 gekrönt. Ferdinand I. von Habsburg, Schwager des gefallenen Ludwig II., wurde am 17. Dezember 1526 von einem Teil der Stände gewählt – gekrönt wurde er erst am 3. November 1527. Die verbreitete Darstellung, beide seien noch 1526 gekrönt worden, verkürzt einen Vorgang, in dem die Reihenfolge politisch bedeutsam war: Zápolya besaß die Krönung, Ferdinand die Erbverträge von 1515.

1527 marschierte Ferdinand nach Ungarn, etwa 18.000 Mann stark, überwiegend deutsche Söldner. Am Feldzug beteiligt war Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach, der im Juli 1527 in Ofen einzog – dort aber am 21. September 1527 an der Ruhr starb, sechs Tage vor der Entscheidungsschlacht. Diese fand am 27. September 1527 bei Tarcal nahe Tokaj statt; das Kommando lag bei Niklas Graf Salm, Johann Katzianer und Bálint Török. Zápolya verlor mit 7.000 bis 8.000 Mann und floh nach Großwardein.

Ferdinand hielt Ungarn damit für gewonnen. Zápolya zog die andere Karte: Am 29. Februar 1528 verbündete er sich mit der Hohen Pforte. Aus dem innerungarischen Thronstreit wurde ein Krieg zwischen Habsburgern und Osmanen.

Wien 1529 und die Frage nach der Heeresgröße

Süleyman verließ Konstantinopel am 10. Mai 1529. Ofen fiel am 8. September, Zápolya wurde dort als König bestätigt. Am 27. September stand das Heer vor Wien, am 14. Oktober begann der Abzug. Die erste Belagerung Wiens dauerte also keine drei Wochen.

Die Verteidigung führte der einundsiebzigjährige Niklas Graf Salm mit rund 17.000 bis 21.000 Mann: etwa 12.000 Söldner Ferdinands, 5.000 Soldaten der „eilenden Reichshilfe“ unter Pfalzgraf Philipp, dazu bewaffnete Bürger und Studenten. Salm wurde beim letzten Sturmangriff am 14. Oktober von einem Steinsplitter am Schenkel verwundet und starb daran am 4. Mai 1530.

Bei der Größe des Belagerungsheeres lohnt ein genauer Blick, weil hier die populären Zahlen am weitesten von der Forschung abweichen:

AngabeGrößenordnung
Ältere und zeitgenössische Berichte 120.000 bis über 300.000
Gesamtes Feldzugsheer, heutige Forschung120.000–125.000
Kampftruppen vor Wien, heutige Forschung75.000–100.000
Verteidiger Wiens17.000–21.000
Balkendiagramm, das vier Angaben zur Heeresstärke bei der Belagerung Wiens 1529 als Bandbreiten vergleicht, von 17.000 Verteidigern bis zu über 300.000 in älteren Berichten.
Angaben zur Heeresstärke vor Wien 1529 im Vergleich. Eigene Darstellung nach Angaben der Forschungsliteratur

Zeitgenössische Chronisten hatten kein Interesse an Untertreibung, auf keiner Seite: Für die Osmanen belegte die Zahl die Macht des Sultans, für die Habsburger die Größe der abgewehrten Gefahr. Eine Zahl wie „270.000 Mann“ ist deshalb keine Messung, sondern ein Argument. Auch Vorboten gehören zur Rechnung: Im September 1529 erschienen etwa 20.000 Akıncı vor Wien, unbesoldete leichte Reiterei, die vom Plündern lebte und den Widerstandswillen brechen sollte. Ab dem 17. September verließ ein großer Teil der Bürgerschaft die Stadt, darunter sieben von zwölf Stadträten.

1532: Güns statt Wien

1532 zog Süleyman erneut nach Westen. Diesmal traf er früher auf Widerstand – und auf ein Hindernis, mit dem niemand gerechnet hatte. Vom 5. bis 30. August belagerte das osmanische Heer die kleine Festung Güns, ungarisch Kőszeg, 92 Kilometer südlich von Wien. Stadt- und Burghauptmann Nikola Jurišić verteidigte sie mit wenigen hundert Soldaten und Bauern, ohne Artillerie, gegen achtzehn Sturmangriffe. Als das Pulver ausging, einigte man sich auf eine Scheinübergabe: Eine osmanische Fahne wurde gehisst, die Stadt aber nicht besetzt. Am 30. August zogen die Belagerer ab. In Kőszeg läuten die Kirchenglocken seit 1777 um 11 Uhr – zu dieser Stunde hatten die letzten Kontingente die Stadt verlassen.

Auf eine zweite Belagerung Wiens verzichtete der Sultan. Beim Abzug durch das Wiener Becken kam es am 19. September 1532 bei Leobersdorf am Steinfeld zur einzigen größeren Feldschlacht des Jahres: Ein etwa 10.000 Mann starker Akıncı-Verband unter Kasim Bey wurde aufgerieben. Zu einem habsburgischen Gegenangriff kam es trotzdem nicht – das kaiserliche Heer löste sich Anfang Oktober wegen der Pest auf.

Die Einfälle der Jahre 1529 und 1532 kosteten in Niederösterreich und der Steiermark nach verbreiteter Schätzung etwa 200.000 Menschen das Leben oder die Freiheit. Die Zahl betrifft diese beiden Feldzüge, nicht einen jahrzehntelangen Dauerzustand.

Die Grenze als Institution

Nach 1532 verwandelte sich die Grenzregion in eine militärische Dauereinrichtung. Entlang der bedrohten Gebiete entstanden befestigte Linien aus Burgen, Wachtürmen und kleinen Garnisonen; wehrhafte Bauern erhielten Land und persönliche Freiheiten und standen dafür ständig bewaffnet bereit. Aus diesen Anfängen entwickelte sich die Militärgrenze in Kroatien und Slawonien, deren Verwaltung erst Jahrzehnte später zentral organisiert wurde.

Das war zugleich eine Finanzierungsfrage. Die „Türkenhilfe“ – Steuern und Kontingente aus dem Reich und den Erbländern – machte die Verteidigung Ungarns zu einer Angelegenheit des Reichstags. Wien lernte in diesen Jahren, dass Ungarn nicht zu halten war, Österreich aber gehalten werden musste.

Dreiteilung und Frieden

1533 schlossen Ferdinand I. und Süleyman I. in Konstantinopel einen Frieden, der die Habsburger im Königlichen Ungarn bestätigte. Am 24. Februar 1538 folgte der Friede von Großwardein, geschlossen zwischen Ferdinand I. und Zápolya – nicht zwischen Ferdinand und Kaiser Karl V., der dabei lediglich durch einen Gesandten vertreten war. Zápolya wurde als König anerkannt; nach seinem erbenlosen Tod sollte sein Gebiet an Ferdinand fallen. Diese Abmachung traf er als kinderloser Mann. Nach seiner Heirat mit Isabella Jagiellonica 1539 und der Geburt seines Sohnes Johann Sigismund am 7. Juli 1540 erklärte er sie für ungültig. Zápolya starb am 22. Juli 1540.

Statt Ferdinand wurde der wenige Tage alte Johann Sigismund zum König ausgerufen, unterstützt von Süleyman I. – nicht von Süleyman II., der erst 1687 zur Herrschaft kam. Ferdinands Versuch, Ofen 1541 militärisch zu nehmen, scheiterte; der Befehlshaber Wilhelm von Roggendorf starb an seinen Verwundungen. Am 29. August 1541, auf den Tag fünfzehn Jahre nach Mohács, annektierten die Osmanen Mittelungarn mit Ofen.

Damit stand die Dreiteilung: Königliches Ungarn im Westen und Norden bei den Habsburgern, die Mitte als osmanische Provinz, Siebenbürgen im Osten als halb unabhängiger Vasallenstaat. Keine Seite hatte ihr Ziel erreicht. Die Kämpfe gingen weiter, um Gran, Temesvár und andere Plätze. Süleyman starb am 7. September 1566 während der Belagerung von Szigetvár. Am 17. Februar 1568 schlossen Kaiser Maximilian II. und Sultan Selim II. den Frieden von Adrianopel: Der Kaiser erkannte die osmanischen Besitzungen an und zahlte Tribut.

Senkrechte Zeitleiste mit achtzehn Ereignissen von 1521 bis 1568, vom Fall Belgrads über Mohács, die Belagerung Wiens und Güns bis zum Frieden von Adrianopel.
Kernereignisse 1521 bis 1568. Eigene Darstellung.

Was offen bleibt

Drei Punkte lassen sich mit den vorliegenden Quellen nicht klären. Erstens die Verlustzahlen von Mohács: 12.000 Enthauptete und 24.000 Gefallene sind überliefert, aber nicht unabhängig belegt. Zweitens die Frage, ob Wien 1529 überhaupt das Hauptziel des Feldzugs war oder ob der Angriff eine spät im Jahr getroffene Gelegenheitsentscheidung war – beides wird in der Forschung vertreten. Drittens die Wirkung der Grenzverteidigung: Dass Wien 1529 und 1532 hielt, wird häufig der Tapferkeit zugeschrieben. Regen, aufgeweichte Straßen, zurückgelassene schwere Artillerie, Seuchen im Lager und eine Kampagnensaison, die im Oktober endete, dürften mindestens genauso viel erklären.

Weiterlesen: Dass 1529 ein Habsburger Wien verteidigen ließ, geht auf das Jahr 1278 zurück: Auf dem Marchfeld besiegte Rudolf von Habsburg mit ungarischer Hilfe den böhmischen König Ottokar II. Wie diese Schlacht Mitteleuropa neu ordnete, erfahrt ihr im Beitrag Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen 1278.

Quellen

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