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Göbekli Tepe: Warum der älteste Tempel der Welt die Archäologie spaltet
Rund 15 Kilometer nordöstlich der türkischen Stadt Şanlıurfa liegt ein künstlicher Hügel, den die Einheimischen Göbekli Tepe nennen, übersetzt Nabelberg. Unter ihm stehen Kreise aus Steinpfeilern in T-Form, verziert mit Reliefs von Füchsen, Wildschweinen, Schlangen und Geiern, manche davon zehn Tonnen schwer. Gebaut wurden sie zwischen etwa 9500 und 8000 vor Christus, also vor rund 11.500 Jahren. Damit ist die Anlage ungefähr sechstausend Jahre älter als Stonehenge und älter als jede bekannte Pyramide. Seit 2018 gehört sie zum UNESCO-Welterbe.
Besonders ist dieser Ort aber nicht nur wegen seines Alters. Dazu kommt eine Behauptung, die die gewohnte Reihenfolge der Zivilisationsgeschichte auf den Kopf stellt. Und genau diese Behauptung ist in der Fachwelt heute umstritten.
Der Mann, der den Hügel las
Entdeckt wurde Göbekli Tepe nicht erst 1994. Schon 1963 hatten die Universitäten Istanbul und Chicago den Hügel bei einer gemeinsamen Geländeerkundung erfasst, einem sogenannten Survey. Der Archäologe Peter Benedict beschrieb damals eine Gruppe rötlicher Erdhügel, auf denen überall Feuerstein lag. Die Steine, die aus dem Boden ragten, hielt er für zwei kleine islamische Friedhöfe. Danach verschwand der Fund in den Akten.
Erst dreißig Jahre später kam der Heidelberger Prähistoriker Klaus Schmidt (1953–2014) hierher. Er hatte zuvor in Nevalı Çori gearbeitet, einer Siedlung mit T-Pfeilern, die 1991 im Stausee des Atatürk-Damms unterging. 1994 suchte er die in der Fachliteratur erwähnten Fundorte der Region aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) der Reihe nach ab. Weil er solche Pfeiler schon kannte, erkannte er die angeblichen Grabsteine auf dem Nabelberg als bearbeitete Steine aus dieser Zeit. Ein Jahr später begannen die Grabungen, gemeinsam mit dem Museum Şanlıurfa und der Istanbuler Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Wo Göbekli Tepe, Şanlıurfa, Nevalı Çori und der Atatürk-Damm liegen, zeigt die Karte.

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Ein Hinweis, bevor es weitergeht: Das Video erzählt den älteren Forschungsstand, der sich über zwei Jahrzehnte gehalten hat. Es folgt der Deutung von Klaus Schmidt, die bis heute die meisten Darstellungen bestimmt. Dieser Artikel geht einen Schritt weiter und stellt daneben, was die Grabungen der letzten Jahre ergeben haben. Und das widerspricht Schmidt an mehreren Stellen. Beides steht hier bewusst nebeneinander.
Zuerst der Tempel, dann die Stadt
Mit seiner Deutung wurde Schmidt weltberühmt. Er brachte sie in einem Satz auf den Punkt, der 2000 zum Titel seines Grabungsberichts wurde: Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt.
Bis dahin wurde die Jungsteinzeit anders erzählt. Zuerst kam der Ackerbau, dann die Vorratshaltung, dann feste Dörfer und die Arbeitsteilung. Erst ganz am Ende, wenn genug Überschuss da war, entstanden Tempel und Monumente. Schmidt drehte das um. Am Nabelberg fand er keine Getreidespeicher, keine Haustiere, keine Keramik und keine gewöhnlichen Wohnhäuser. Trotzdem stand dort eine Anlage, für die nach seiner Einschätzung mehrere hundert Menschen viele Monate gearbeitet haben müssen. Die Pfeiler wiegen zwischen 740 Kilogramm und zehn Tonnen. Wer solche Steine ohne Metall, ohne Rad und ohne Zugtiere aufstellt, braucht einen Plan, geschulte Steinmetze und jemanden, der die Arbeit einteilt.
Schmidt folgerte daraus: Nicht der Ackerbau brachte die Religion hervor, sondern die Religion den Ackerbau. Jäger und Sammler kamen in bestimmten Abständen an diesem Ort zusammen, um zu feiern und zu bauen. Dafür mussten sehr viele Menschen über Monate satt werden, und genau dieser Zwang wurde nach Schmidts Ansicht zum Antrieb für den ersten Getreideanbau.
Die Gegenrede kommt aus dem eigenen Haus
In Darstellungen für ein breites Publikum hält sich diese Erzählung bis heute. In der Forschung gilt sie nicht mehr.
Den ersten großen Widerspruch erhob 2011 der kanadische Archäologe Edward Banning, und zwar in der Fachzeitschrift Current Anthropology unter dem Titel So Fair a House. Sein Einwand stützte sich weniger auf einen Fund als auf die Methode: Die Trennung in Tempel und Wohnhaus sei eine Einteilung unserer Zeit, die man einer jungsteinzeitlichen Gesellschaft überstülpe. Die Pfeilerbauten könnten genauso gut reich verzierte Wohnhäuser gewesen sein, wie man sie von anderen Fundorten aus der Zeit vor der Keramik kennt.
Schwerer wog allerdings, was nach Schmidts Tod im Jahr 2014 aus der Grabung selbst kam. Unter der Leitung von Lee Clare wurden die Aufzeichnungen aus zwei Jahrzehnten neu ausgewertet und Tiefschnitte angelegt, also schmale Gräben, die weit in die älteren Schichten hinunterreichen. In seinem Forschungsbericht über die Jahre 2015 bis 2019 beschreibt Clare im Nordwesten des Hügels rund-ovale Bauten, die auf Wohnhäuser hindeuten. Dazu kommen Feuerstellen, Spuren der Perlenherstellung und Werkzeuge, wie man sie aus Haushalten kennt. Was Schmidt für später errichtete, kleinere Kultbauten gehalten hatte, sieht das heutige Team als Wohngebäude, die zur selben Zeit wie die großen Rundbauten genutzt wurden.
Auch ein zweites Argument von Schmidt hielt nicht. Er hatte betont, dass es auf dem Hügel kein Wasser gebe und daher niemand dauerhaft dort leben könne. Inzwischen sind eine in den Fels geschlagene Grube mit rund acht Metern Durchmesser und ein Kanal dokumentiert, der Regenwasser auffing. Clare sieht darin einen guten Hinweis darauf, dass hier Menschen dauerhaft lebten.
Clare selbst hat die Lehrmeinung der letzten zwanzig Jahre offen in Frage gestellt. Man habe uns erzählt, Göbekli Tepe sei ein rein rituelles Zentrum ohne Alltagsleben gewesen, es habe dort kein Wasser gegeben, und große Feste hätten die Arbeitskräfte zusammengetrieben. All das gehöre überprüft.
Der schärfste Widerspruch gegen die Tempel-These kommt also ausgerechnet vom selben Institut, das sie einst in die Welt getragen hat.
Eine Umkehrung der Umkehrung
Aus dieser Neubewertung ist noch eine dritte Lesart entstanden, und sie widerspricht der bekannten Erzählung am stärksten. Ein Teil der Forscher um Clare sieht in der Anlage nicht den Startpunkt der Jungsteinzeit, sondern eine Gegenbewegung dazu. Demnach versuchten Gemeinschaften von Jägern und Sammlern hier, an einer Lebensweise festzuhalten, die gerade verschwand, während ringsherum die Landwirtschaft Fuß fasste. Göbekli Tepe wäre dann kein Aufbruch in etwas Neues gewesen, sondern eher das letzte Aufgebot des Alten.
Damit wurde Göbekli Tepe in rund dreißig Jahren zweimal umgedeutet. Zuerst wurde aus dem vermeintlichen Friedhof der älteste Tempel der Welt, danach aus dem reinen Tempel eine bewohnte Siedlung, deren Monumente vielleicht von einem Rückzugskampf zeugen.
Die Zahlen im Überblick
1963 wurde der Hügel erstmals archäologisch erfasst und falsch eingeordnet. 1994 erkannte Klaus Schmidt die T-Pfeiler, und 1995 begannen die Grabungen. 2014 starb Schmidt, und Lee Clare übernahm die Koordination. 2018 wurde Göbekli Tepe UNESCO-Welterbe, 2020 erschien Clares Bericht mit den Belegen für Wohnhäuser. Die Zeitleiste zeigt die wichtigsten Stationen der Forschung, dazu Schmidts Bericht von 2000 und Bannings Widerspruch von 2011, und daneben die drei Phasen der Deutung: unerkannt, ältester Tempel der Welt, Debatte offen.

Die Anlage selbst stammt aus der Zeit von etwa 9500 bis 8000 vor Christus. Der Schutthügel ist rund neun Hektar groß und bis zu fünfzehn Meter hoch. Ein Punkt kommt in jeder Diskussion allerdings zu kurz: Ausgegraben ist erst ein kleiner Teil des Hügels. Die nächste Umdeutung ist also nicht ausgeschlossen.
Warum hier beide Erzählungen stehen
An dieser Stelle braucht es ein paar Worte zur Unsicherheit selbst. Bei diesem Thema ist sie nämlich kein Schönheitsfehler, sie ist das eigentliche Ergebnis.
In rund dreißig Jahren wurde Göbekli Tepe zweimal grundlegend neu gedeutet. 1963 hielt man den Fundort für islamische Friedhöfe, in den Neunzigerjahren wurde er zum ältesten Tempel der Welt, und heute sieht ein Teil der Forschung darin eine bewohnte Siedlung, deren Monumente vielleicht sogar einen Rückzugskampf gegen die Landwirtschaft zeigen. Jede dieser Deutungen galt zu ihrer Zeit als gut begründet und beruhte auf sorgfältiger Arbeit. Trotzdem wurde jede von der nächsten korrigiert.
Es gibt keinen Grund zu glauben, dass diese Kette jetzt abreißt. Nur ein kleiner Teil des Hügels ist ausgegraben, die Arbeit geht weiter, und jede neue Fläche kann das Bild wieder verschieben. Vielleicht bestätigt sich die heutige Siedlungsthese. Es kann aber auch sein, dass neue Funde Schmidts alte Deutung in Teilen wieder stützen und sich der Kreis schließt. Genauso denkbar ist, dass keine der beiden Erzählungen stimmt und in zehn Jahren jemand etwas findet, das eine ganz andere Erklärung verlangt, an die heute noch niemand denkt. Und manche Fragen lassen sich womöglich nie sicher beantworten, etwa wozu genau die Pfeiler dienten oder wem die Reliefs gewidmet waren. Die Menschen, die es wussten, haben nämlich keine Schrift hinterlassen.
Deshalb hat hier jede Deutung ihren Platz. Die ältere wird nicht gelöscht, nur weil eine neuere aufgekommen ist, und die neuere wird nicht als endgültige Wahrheit ausgegeben. Wer immer nur den aktuellen Stand erzählt und alles Frühere stillschweigend streicht, erzeugt eine Sicherheit, die es nicht gibt. Die Abfolge der Deutungen gehört selbst zur Geschichte dieses Ortes. Sie zeigt auch, wie Forschung tatsächlich arbeitet: Statt Gewissheiten anzuhäufen, korrigiert sie sich laufend.
Was bleibt
Dass Göbekli Tepe kein Tempel im modernen Sinn war, heißt noch lange nicht, dass es ein gewöhnliches Dorf war. Der heutige Stand läuft eher darauf hinaus, dass diese Trennung gar nicht passt. Rituelles und alltägliches Leben waren an diesem Ort wahrscheinlich verflochten. Die großen Rundbauten hatten Aufgaben, die sich in keine unserer Schubladen fügen: Versammlungsraum, Zeichen der eigenen Herkunft, Ort für Handlungen, die über den Tag hinausreichten.
Sicher ist jedenfalls die Leistung. Menschen ohne Schrift, ohne Metall und ohne Rad bauten hier etwas, dessen Nutzen sich nicht in Nahrung oder Sicherheit messen ließ. Sie hatten dieselben geistigen Fähigkeiten wie wir, nur nicht unseren Erfahrungsschatz. Und es war ihnen wichtig genug, dafür tonnenschwere Steine zu bewegen.
Weiterlesen: Ein Forscher aus Edinburgh hat die V-förmigen Kerben auf Pfeiler 43 von Göbekli Tepe als Kalender gedeutet, die These ist umstritten. Wie die Menschen gelernt haben, die Zeit zu messen, erfahrt ihr im Beitrag Wie der Mensch die Zeit und den Kalender erfand.
Quellen
- Lee Clare: Göbekli Tepe, Turkey. A brief summary of research at a new World Heritage Site (2015-2019). E-Forschungsbericht des DAI 2020. https://doi.org/10.34780/efb.v0i2.1012
- Klaus Schmidt: Göbekli Tepe, Southeastern Turkey. A Preliminary Report on the 1995-1999 Excavations. Paléorient 26/1, 2000, 45-54. http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/paleo_0153-9345_2000_num_26_1_4697
- E. B. Banning: So Fair a House. Göbekli Tepe and the Identification of Temples in the Pre-Pottery Neolithic of the Near East. Current Anthropology 52/5, 2011.
- Tepe Telegrams, Blog des Deutschen Archäologischen Instituts zum Göbekli-Tepe-Projekt. https://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/
- Archaeology Magazine: Last Stand of the Hunter-Gatherers? Mai/Juni 2021. https://archaeology.org/issues/may-june-2021/features/turkey-gobekli-tepe-hunter-gatherers/

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