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Eine Insel, zwei Erzählungen
Zypern ist mit 9.251 Quadratkilometern die drittgrößte Insel des Mittelmeers und gleichzeitig der einzige EU-Staat, dessen Territorium zu einem großen Teil unter fremder militärischer Kontrolle steht. Quer durch das Land verläuft seit 1974 eine Waffenstillstandslinie, die von den Vereinten Nationen überwacht wird. Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas.
Über die Ursachen dieser Teilung gibt es keine gemeinsame Erzählung. Im Süden gilt der 20. Juli 1974 als Invasionstag, im Norden als Beginn einer Schutzoperation. Wer den Konflikt verstehen will, kommt an dieser doppelten Perspektive nicht vorbei. Was sich dagegen ziemlich genau rekonstruieren lässt, ist die Abfolge der Ereignisse und die Zahlen, die sie hinterlassen haben.

Wie Großbritannien auf die Insel kam
Zypern gehörte seit 1571 zum Osmanischen Reich. Die Insel war mehrheitlich orthodox, die politische Macht lag bei einer muslimischen Oberschicht. Diese Ordnung hielt gut drei Jahrhunderte.
Der Wechsel zu Großbritannien geschah nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg, wie es oft verkürzt dargestellt wird, sondern in drei Etappen. 1878 übernahm London im Rahmen der Zypern-Konvention die Verwaltung der Insel, während sie formell osmanisch blieb; Gegenleistung war britische Rückendeckung gegen Russland. Als das Osmanische Reich 1914 an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintrat, annektierte Großbritannien Zypern. Die Türkei erkannte diesen Schritt 1923 im Vertrag von Lausanne an, und 1925 wurde Zypern förmlich zur Kronkolonie erklärt.
Der Grund für das britische Interesse war nicht die Insel selbst, sondern der Weg nach Osten. Seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 lag Zypern an der Route zwischen Großbritannien und Indien.
Enosis und Taksim: zwei Programme, ein Territorium
Der Wunsch nach einer Vereinigung mit Griechenland, auf Griechisch Enosis, war älter als der Zweite Weltkrieg, gewann danach aber an Wucht. 1947 sprach sich der griechische König öffentlich dafür aus. Als die Kolonialverwaltung eine Abstimmung ablehnte, organisierte die orthodoxe Kirche eine eigene.
Diese Abstimmung vom Januar 1950 wird häufig als Volksabstimmung bezeichnet. Das ist ungenau. Sie war kein staatlicher Akt, sondern eine Unterschriftensammlung, die zwischen dem 15. und dem 22. Januar in den Kirchen auslag und ausschließlich die orthodoxe Bevölkerung erfasste. 215.108 Menschen unterschrieben für den Anschluss, 9.639 dagegen, also 95,71 Prozent Zustimmung. Die türkischsprachige Minderheit von damals rund 18 Prozent der Bevölkerung war gar nicht gefragt worden.
1955 begann unter Oberst Georgios Grivas die bewaffnete Kampagne der EOKA gegen die Kolonialmacht. Weil die Briten für ihre Sicherheitskräfte bevorzugt türkische Zyprioten rekrutierten, traf der Aufstand die Minderheit unmittelbar mit. Als Gegenprogramm zu Enosis entstand Taksim, die Forderung nach Teilung, und mit der TMT eine eigene bewaffnete Organisation. Von diesem Moment an standen sich nicht mehr Kolonialmacht und Kolonie gegenüber, sondern zwei Bevölkerungsgruppen mit unvereinbaren Endzielen.
Die Geschichte der Teilung Zyperns gibt es auch als Video – der Artikel geht darüber hinaus und nennt die Quellen.
Die Republik von 1960 und ihre Sollbruchstelle
Am 16. August 1960 wurde Zypern unabhängig, auf Grundlage der Zürcher und Londoner Abkommen. Die Verfassung war bewusst kompliziert gebaut: ein griechisch-zypriotischer Präsident, ein türkisch-zypriotischer Vizepräsident mit Vetorecht, feste Quoten in Parlament und Verwaltung, getrennte Gemeindekammern. Griechenland, die Türkei und Großbritannien wurden Garantiemächte mit einem vertraglich verankerten Interventionsrecht. Großbritannien behielt zwei souveräne Militärbasen, Akrotiri und Dhekelia.
Keine der beiden Seiten betrachtete dieses Gebilde als Ziel. Erzbischof Makarios III., der erste Präsident, legte dem Vizepräsidenten Fazıl Küçük am 30. November 1963 dreizehn Verfassungsänderungen vor, darunter die Abschaffung des Vetorechts. Für die türkischen Zyprioten bedeutete das den Verlust ihres Status als gleichberechtigtes Staatsvolk. Sie lehnten ab.
In der Nacht des 21. Dezember 1963 eskalierte in Nikosia eine Polizeikontrolle zu Straßenkämpfen. Bei den folgenden Tagen, die in der türkisch-zypriotischen Erinnerung als Blutige Weihnachten gelten, starben 49 türkische und 20 griechische Zyprioten. Ein britischer General zeichnete Ende Dezember mit grünem Stift eine Trennlinie auf seine Wandkarte: die Green Line. Am 4. März 1964 beschloss der UN-Sicherheitsrat mit Resolution 186 die Friedenstruppe UNFICYP, die bis heute im Einsatz ist. Die Teilung Nikosias war damit elf Jahre vor der Invasion bereits Realität.
Juli und August 1974: zwei Operationen, nicht eine
Am 15. Juli 1974 stürzte die zypriotische Nationalgarde Präsident Makarios. Der Putsch wurde von der Athener Militärjunta gelenkt, neuer Staatschef wurde Nikos Sampson. Das erklärte Ziel war der Anschluss an Griechenland.
Die Türkei berief sich auf ihr Interventionsrecht als Garantiemacht und schlug Großbritannien ein gemeinsames Vorgehen vor. London lehnte ab. Am Morgen des 20. Juli landeten türkische Truppen bei Kyrenia. Diese erste Operation, Atilla I, sicherte einen Brückenkopf zwischen Kyrenia und Nikosia.
Damit hätte die Sache enden können. Die griechische Militärjunta brach am 23. Juli zusammen, Sampson trat zurück, in Athen begann der Übergang zur Demokratie, in Nikosia wurde die verfassungsmäßige Ordnung wiederhergestellt. Der Kriegsgrund war entfallen. In Genf verhandelten die Garantiemächte über eine Nachkriegsordnung; die türkische Seite forderte 34 Prozent des Territoriums für die türkischen Zyprioten und stellte ein Ultimatum von 36 Stunden.
Als die Gespräche scheiterten, begann am Morgen des 14. August Atilla II. Binnen drei Tagen rückten türkische Verbände nach Osten auf Famagusta und nach Westen auf Morfou vor. Am 16. August stand die sogenannte Attila-Linie. Unter türkischer Kontrolle lagen nun rund 36 bis 37 Prozent der Insel. In denselben Tagen verübten griechisch-zypriotische Paramilitärs Massaker an türkischen Zyprioten, unter anderem in Maratha, Santalaris und Aloda mit 126 Toten.
Der entscheidende Punkt für das Verständnis des Konflikts liegt hier: Die Teilung in ihrer heutigen Form entstand nicht im Juli als Reaktion auf den Putsch, sondern im August, vier Wochen nachdem der Putsch bereits gescheitert war.
Was die Teilung kostet

| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Türkisch kontrollierte Fläche | rund 36 bis 37 % der Insel |
| Wirtschaftsleistung dieses Gebiets vor 1974 | rund 70 % der Gesamtleistung der Insel |
| Vertriebene griechische Zyprioten 1974 | 150.000 bis 200.000 (UN-Schätzung) |
| Vertriebene türkische Zyprioten 1974 | 45.000 bis 60.000 |
| Vermisste beider Volksgruppen | 2.002 (1.510 griechische, 492 türkische Zyprioten) |
| Davon exhumiert / identifiziert (30.06.2026) | 1.719 / 1.075 |
| Länge der Pufferzone | 180 km, von Kato Pyrgos bis Famagusta |
| Fläche der Pufferzone | rund 346 km², etwa 3 % der Insel |
| UN-Mission | UNFICYP, seit 4. März 1964 |
Die Zahlen zu den Vermissten stammen vom Committee on Missing Persons, einem bikommunalen Gremium, das seit 1981 besteht und mit einem gemeinsamen Team aus über 60 zypriotischen Archäologen, Anthropologen und Genetikern arbeitet. Es klärt weder Todesursachen noch Verantwortlichkeiten, sondern gräbt aus, identifiziert und übergibt. Nach mehr als vier Jahrzehnten ist gut die Hälfte der Fälle abgeschlossen.
Die wirtschaftliche Schieflage von 1974 erklärt einen Teil der späteren Entwicklung. Im besetzten Norden lagen 66 Prozent der touristischen Anlagen, 80 Prozent der Zitrusbäume und der Handelshafen von Famagusta. Der Süden verlor diese Substanz, öffnete sich aber zum Westen. Der Norden behielt sie und wurde durch die fehlende internationale Anerkennung von Handel, Flugverkehr und Kapitalmärkten weitgehend abgeschnitten, wirtschaftlich abhängig von der Türkei.
Die Pufferzone selbst ist an manchen Stellen der Altstadt von Nikosia nur sechs Meter breit, andernorts mehrere Kilometer. In ihr liegt das Dorf Pyla, in dem griechische und türkische Zyprioten durchgehend zusammenleben.
Zwei Staaten, ein Völkerrecht
Am 15. November 1983 rief der Norden die Türkische Republik Nordzypern aus. Anerkannt wird sie bis heute ausschließlich von der Türkei; der UN-Sicherheitsrat erklärte die Ausrufung für rechtlich ungültig.
Besonders sichtbar wird der eingefrorene Zustand in Varosha, dem abgeriegelten Stadtteil von Famagusta. Der einst wichtigste Badeort der Insel wurde 1974 evakuiert und militärisch abgesperrt. Die UN-Resolution 550 von 1984 verlangte, dass er nur von seinen rechtmäßigen Bewohnern wieder besiedelt werden dürfe. Im Oktober 2020 öffneten die türkisch-zypriotischen Behörden einen Küstenabschnitt für Besucher. Der UN-Sicherheitsrat bekräftigte daraufhin den bisherigen Status, das Europäische Parlament verurteilte die Öffnung. Geändert hat sich nichts.
Der Annan-Plan 2004 und das Nein aus dem Süden

Der bislang weitreichendste Lösungsversuch trägt den Namen von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Die Endfassung vom 31. März 2004 sah eine Föderation aus zwei Teilstaaten vor, mit schwacher Zentralregierung, Gebietsrückgaben, Eigentumsregelungen und einem Zeitplan für den Abzug türkischer Truppen. Der Umfang des Werks ist selbst ein Hinweis auf die Komplexität: Der Haupttext hatte rund 220 Seiten, die Anhänge mehrere tausend.
Abgestimmt wurde am 24. April 2004 getrennt in beiden Inselteilen. Im Norden stimmten 64,91 Prozent zu, im Süden lehnten 75,83 Prozent ab. Weil der Plan die Zustimmung beider Volksgruppen voraussetzte, war er damit gescheitert.
Das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Erwartung, die Ablehnung müsse von der türkischen Seite kommen. Für das Nein im Süden werden mehrere Gründe genannt: die Sorge, dass der Truppenabzug nicht durchsetzbar sei, die als unzureichend empfundene Eigentums- und Rückkehrregelung sowie die Einschätzung, dass die Verhandlungsposition nach dem bereits gesicherten EU-Beitritt besser sein würde. Präsident Tassos Papadopoulos hatte kurz vor der Abstimmung offen für Ablehnung geworben.
Eine Woche später, am 1. Mai 2004, trat die Republik Zypern der Europäischen Union bei. Im Norden ist die Anwendung des EU-Rechts seither ausgesetzt. Die Trennlinie ist damit faktisch eine Außengrenze der Union geworden, ohne dass der Konflikt gelöst wäre.
Wo der Konflikt 2026 steht
Nach dem Scheitern des Annan-Plans folgten Jahre, die sich im Kreis drehten. Der letzte große Anlauf, die Konferenz von Crans-Montana im Juli 2017, endete ergebnislos an der Frage der Garantiemächte und des Truppenabzugs. Danach vertrat Ankara fast ein Jahrzehnt lang die Position, nur eine Zwei-Staaten-Lösung komme noch infrage.
Seit der Wahl von Tufan Erhürman zum Führer der türkisch-zypriotischen Gemeinschaft im Oktober 2025 hat sich die Lage bewegt. Erhürman befürwortet anders als sein Vorgänger eine föderale Wiedervereinigung. Im Juli 2026 besuchte UN-Generalsekretär António Guterres die Insel, der erste Besuch eines Generalsekretärs seit 2010, und kündigte eine erweiterte Konferenz im Format 5+1 an, also beide Volksgruppen, die drei Garantiemächte und die Vereinten Nationen. Auch Ankara signalisierte Zustimmung, was gegenüber der bisherigen Linie einen Kurswechsel darstellt.
Seit Ende August 2026 treffen sich Nikos Christodoulides und Tufan Erhürman wöchentlich in der Pufferzone. Verhandelt wird über Methodik, Inhalte und vertrauensbildende Maßnahmen, konkret etwa über die gleichzeitige Öffnung neuer Übergänge bei Athienou und Mia Milia. Fortschritte gibt es, Streitpunkte ebenfalls. Ob aus dem Format eine Verhandlung über eine Gesamtlösung wird, ist offen.
Offene Fragen
Vier Punkte haben jeden bisherigen Anlauf blockiert und werden auch über den nächsten entscheiden.
Erstens die Eigentumsfrage: Zehntausende Familien besitzen Urkunden für Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Rückgabe, Tausch oder Entschädigung sind rechtlich wie politisch ungeklärt.
Zweitens die Garantiemächte: Die griechisch-zypriotische Seite will das Interventionsrecht von 1960 abschaffen, die türkische Seite sieht darin ihre Sicherheitsgarantie.
Drittens die Frage der Zuwanderer aus der Türkei, die seit 1974 in den Norden gekommen sind. Ihr Status in einem wiedervereinigten Zypern ist ungelöst.
Viertens die Grundarchitektur selbst: Föderation oder zwei souveräne Staaten. Alle UN-Resolutionen gehen von einer bizonalen, bikommunalen Föderation aus. Solange darüber kein Einvernehmen besteht, verhandeln beide Seiten über unterschiedliche Endpunkte.
Zypern ist damit kein Konflikt, der auf eine Lösung wartet, sondern einer, der sich eingerichtet hat. Genau das macht ihn so schwer aufzulösen.
Weiterlesen: Zypern wurde 1960 unabhängig, im selben Jahr wie 17 afrikanische Kolonien. Wie die europäischen Kolonialreiche nach 1945 insgesamt zerfielen, erfahrt ihr im Beitrag Wie die Kolonialreiche im 20. Jahrhundert zerfielen.
Quellen
- Heinz A. Richter: Historische Hintergründe des Zypernkonflikts, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung — https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/32116/historische-hintergruende-des-zypernkonflikts/
- Committee on Missing Persons in Cyprus (CMP), Zahlen und Statistik — https://www.cmp-cyprus.org/
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: Aktuelle Karte Zypern (Pufferzone, Übergänge) — https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/aktuelle-karte-zypern-5957566
- Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: Die Öffnung der nordzyprischen Stadt Varosha im Lichte des Völkerrechts, WD 2 – 096/20 — https://www.bundestag.de/resource/blob/813402/6fa46a1bf67cde45a15ed08518f32aec/WD-2-096-20-pdf-data.pdf
- Referendumsergebnisse 2004 nach Direct Democracy, dokumentiert bei Wikipedia — https://en.wikipedia.org/wiki/2004_Cypriot_Annan_Plan_referendums
- Cyprus Mail, laufende Berichterstattung zu den Gesprächen Christodoulides–Erhürman 2026 — https://cyprus-mail.com/2026/09/13/christodoulides-and-erhurman-set-for-final-meeting-before-un-assembly
- eurotopics / Presseschau zum Guterres-Besuch und zur geplanten 5+1-Konferenz, Juli 2026 — https://www.eurotopics.net/de/361753/zypern-guterres-will-neue-verhandlungen-starten

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