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Warum Napoleon 1815 bei Waterloo verlor

Beitragsbild Waterloo

Am 18. Juni 1815 verlor Napoleon Bonaparte die letzte Schlacht seines Lebens. Die Erklärung, die sich seither hält, ist einfach: zu viel Regen, ein sturer Marschall, ein hartnäckiger Gegner. Falsch ist sie nicht, aber unvollständig, und in einigen Punkten ist sie schlicht eine Legende. Dieser Artikel ordnet die Ereignisse zeitlich und räumlich ein, prüft die gängigen Zahlen nach und zeigt, was bis heute umstritten ist.

Battle of Waterloo 1815, William Sadler, June 1815
Battle of Waterloo 1815, William Sadler, June 1815

Ein Schlachtfeld, das gar nicht Waterloo heißt

Die Schlacht trägt den Namen eines Dorfes, in dem kaum gekämpft wurde. Waterloo lag rund vier Kilometer nördlich des eigentlichen Schlachtfelds. Dort hatte Wellington sein Hauptquartier, und von dort schrieb er seinen Bericht nach London. Gekämpft wurde auf dem Höhenrücken von Mont-Saint-Jean, etwa 19 Kilometer südlich von Brüssel. In Frankreich heißt die Schlacht bis heute bataille de Mont-Saint-Jean, in Preußen sprach man lange von der Schlacht bei Belle-Alliance.

Auch „belgisch“ war die Gegend 1815 noch nicht. Das Gebiet gehörte zum Vereinigten Königreich der Niederlande, Belgien entstand erst 1830. Wellington wird gerne als Engländer beschrieben, wurde aber in Dublin geboren und war anglo-irischer Herkunft. Seine Armee bestand nur zu etwa einem Drittel aus Briten. Der Rest waren Niederländer, Hannoveraner, Braunschweiger und Nassauer.

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Der Boden, auf den Napoleon wartete

In der Nacht zum 18. Juni ging über der Gegend ein schweres Gewitter nieder. Der Lehmboden der Felder saugte sich voll, Geschütze sanken ein, und die Kavallerie kam kaum auf Tempo. Napoleons Taktik beruhte auf dem Feuer vieler zusammengezogener Kanonen und auf schnellen Stößen. Deshalb wartete er mit dem Angriff, bis der Boden abtrocknete.

Dadurch begann die Schlacht erst gegen 11:30 Uhr mit dem Angriff auf das Gutshaus Hougoumont, rund zweieinhalb Stunden später als geplant. Der italienische Historiker Alessandro Barbero hat den Tag in The Battle. A New History of Waterloo (italienisches Original 2003) genau rekonstruiert. Er gehört zu den Autoren, die das Verschieben des Angriffs zu den schwersten Fehlentscheidungen auf französischer Seite zählen.

Dabei geht in der bekannten Erzählung meist ein Punkt unter: Der Schlamm war kein einseitiger Nachteil. Er bremste auch die anrückenden Preußen, und er machte den französischen Angriffskolonnen jede Bewegung bergauf schwer. Entschieden hat er die Schlacht nicht, aber er hat den Zeitplan zerstört, und der Zeitplan war alles, was Napoleon an diesem Tag hatte.

Grouchy und der Kanonendonner

Nach dem Sieg über die Preußen bei Ligny am 16. Juni hatte Napoleon Marschall Emmanuel de Grouchy mit rund 33.000 Mann und 80 Geschützen losgeschickt. Grouchy sollte die geschlagene preußische Armee verfolgen und von Wellington fernhalten. Der Befehl war militärisch vernünftig, ausgeführt wurde er aber zu wörtlich.

Am Vormittag des 18. Juni stand Grouchy bei Sart-lez-Walhain. Gegen 11:30 Uhr hörten er und sein Stab Kanonendonner aus Nordwesten, in der Luftlinie rund 20 Kilometer entfernt. General Étienne Maurice Gérard drängte ihn, „dem Kanonendonner zu folgen“. Grouchy blieb aber bei seinem Auftrag und marschierte weiter auf Wavre. Dort traf er am Nachmittag auf das preußische III. Korps unter Johann von Thielmann. Diesen Nebenkampf gewann er sogar. Nur band Thielmann mit 17.000 bis 24.000 Mann ein Drittel der französischen Armee, während 14 Kilometer weiter westlich die Entscheidung fiel. Die Karte zeigt, wer an diesem Tag wie weit vom Schlachtfeld entfernt war.

Entfernungen als Luftlinie nach der Haversine-Formel berechnet.
Eigene Darstellung. Entfernungen als Luftlinie nach der Haversine-Formel berechnet.

Gegen Grouchy spricht weniger seine Entscheidung um 11:30 Uhr als das, was er vorher versäumt hatte. Seine Truppen brachen erst am Morgen auf und zogen über Sart-lez-Walhain östlich des Flusses Dyle nach Norden. Von dort führte keine direkte Straße zum Schlachtfeld. Ein Umschwenken um 11:30 Uhr wäre daher wohl zu spät gekommen. Um noch etwas zu bewirken, hätte Grouchy schon früh am Morgen westlich der Dyle marschieren müssen. Zu seiner Verteidigung wird bis heute angeführt, dass er den Befehl befolgte, den er hatte, und dass er als Befehlshaber in diesem Feldzug kein Gefecht verlor. Napoleon selbst hatte nach 1815 außerdem ein handfestes Interesse daran, die Schuld bei Grouchy und Ney abzuladen.

Zahlen zum 18. Juni 1815

Franzosen (Armée du Nord)rund 72.000 Mann
Wellingtons Armeerund 68.000 Mann, davon etwa ein Drittel Briten
Preußen, im Lauf des Tages eintreffendrund 45.000 bis 50.000 Mann
Bei Grouchy gebunden33.000 Mann, 80 Geschütze
Dauer der Schlachtrund neuneinhalb Stunden (11:30 bis gegen 21:00 Uhr)
Entfernung Wavre – Mont-Saint-Jean14 km Luftlinie
Entfernung Sart-lez-Walhain – Mont-Saint-Jean20 km Luftlinie

Warum die Preußen durchkamen

Den Unterschied zwischen Napoleon und Blücher machte am 18. Juni nicht der Schlamm, sondern die Handlungsfreiheit. Napoleon konnte warten, Blücher nicht.

Gebhard Leberecht von Blücher war 72 Jahre alt und zwei Tage zuvor bei Ligny unter seinem gestürzten Pferd eingeklemmt worden. Trotzdem setzte er die Armee in Bewegung. Wichtiger als sein persönlicher Wille war dabei aber eine Entscheidung seines Stabes. Nach der Niederlage bei Ligny wichen die Preußen nicht nach Osten aus, in Richtung ihrer eigenen Nachschublinien, was militärisch naheliegend gewesen wäre. Sie zogen sich nach Norden auf Wavre zurück und blieben damit in Reichweite von Wellington. Diese Marschrichtung, die die Forschung meist August von Gneisenau zuschreibt, machte die Vereinigung der beiden Armeen überhaupt erst möglich.

Bülows IV. Korps erreichte gegen 15:00 Uhr Chapelle-Saint-Lambert, rund sieben Kilometer vor Plancenoit. Ab 16:30 Uhr griff es die rechte Flanke der Franzosen an. Lobaus VI. Korps hatte Napoleon schon zu Mittag gegen die anrückenden Preußen nach rechts geschickt, nun musste er auch Teile der Garde aus der Reserve abziehen, also genau die Truppen, die im Zentrum den Durchbruch hätten erzwingen sollen. Die Zeitleiste zeigt den Tag Stunde für Stunde, links das Geschehen auf dem Schlachtfeld, rechts den Anmarsch der Preußen und Grouchys Marsch auf Wavre.

Eigene Darstellung nach Wikipedia und Waterloo Association. Einzelne Uhrzeiten sind in der Literatur strittig.

Die Garde: was wirklich beispiellos war

Gegen 19:30 Uhr schickte Napoleon Bataillone der Kaisergarde gegen Wellingtons Zentrum. Sie wurden aus kürzester Entfernung zurückgeschlagen und wichen. Kurz darauf löste sich die französische Front auf.

Die oft wiederholte Formel, die Garde habe „in zwanzig Jahren nie eine Schlacht verloren“, ist ungenau. Gardeverbände kämpften bei Aspern-Essling 1809 und bei Leipzig 1813 in Schlachten, die Napoleon verlor. Beispiellos war etwas anderes: Ein Angriff der Garde war noch nie abgewiesen worden, und noch nie war die Garde vor den Augen der ganzen Armee zurückgewichen. Genau darin lag die Wirkung auf die Moral. Der Ruf „La Garde recule!“ traf eine Armee, die seit Stunden kämpfte und die Preußen schon in der Flanke hatte.

Auch hier ist umstritten, was Ursache und was Folge war. Brach die Front zusammen, weil der Angriff der Garde scheiterte? Oder wäre die französische Stellung durch das Vordringen der Preußen auf Plancenoit ohnehin innerhalb einer Stunde nicht mehr zu halten gewesen? Die Antwort hängt davon ab, wie stark man den preußischen Anteil gewichtet, und darüber wird seit 200 Jahren gestritten.

Was die Forschung offen lässt

Die Debatte über Waterloo ist bis heute auffällig von der Nationalität der Autoren geprägt. Britische Darstellungen betonen traditionell, wie Wellington den Höhenrücken verteidigte. Peter Hofschröer hat dagegen in seinen Arbeiten (1815: The Waterloo Campaign) argumentiert, die englischsprachige Literatur habe den Beitrag der Preußen jahrzehntelang kleingeredet. Diese These wurde ihrerseits scharf kritisiert. Andrew Roberts (Napoleon the Great, 2014) urteilt milder über Napoleons Fähigkeiten und härter über seine Unterführer.

Realistisch betrachtet gibt es keine einzelne Ursache. Der verschobene Beginn des Angriffs, Grouchys Marsch nach Wavre, Neys Reiterangriffe gegen 16:00 Uhr und die Marschrichtung der Preußen nach der Niederlage bei Ligny wirkten zusammen. Ney ließ seine Reiter ohne Unterstützung durch Fußtruppen gegen unversehrte Karrees anrennen, also gegen Vierecke der Infanterie, die nach allen Seiten feuern konnten. Jede dieser Entscheidungen lässt sich für sich erklären. Zusammen kosteten sie ein Kaiserreich.

Vier Tage später, am 22. Juni 1815, dankte Napoleon zum zweiten Mal ab. Er wurde nach St. Helena im Südatlantik verbannt und starb dort am 5. Mai 1821.

Weiterlesen: Als Napoleon bei Waterloo verlor, war die Neuordnung Europas schon beschlossen. Die Schlussakte des Wiener Kongresses wurde am 9. Juni 1815 unterzeichnet, neun Tage vor der Schlacht. Wie es dazu kam, erfahrt ihr im Beitrag Der Kongress tanzt: Europas Neuordnung in Wien.

Quellen

  • Alessandro Barbero: The Battle. A New History of Waterloo, Atlantic Books 2005 (ital. Original 2003) – detaillierte Rekonstruktion des Schlachtverlaufs.
  • Andrew Roberts: Napoleon the Great, Allen Lane 2014.
  • Peter Hofschröer: 1815: The Waterloo Campaign, Greenhill Books 1998/1999 – Gegenposition zur britisch geprägten Darstellung, selbst umstritten.
  • Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: Die Schlacht bei Waterloo. https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/die-schlacht-bei-waterloo-5807336
  • Wikipedia: Schlacht bei Waterloo sowie Battle of Wavre und Waterloo campaign: Ligny through Wavre to Waterloo (für Uhrzeiten, Truppenstärken und Marschwege). https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Waterloo

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