Leonidas und der Mythos von 300

Beitragsbild Leonidas 300

Ein Pass, der zum Nadelöhr wurde

Im Sommer 480 v. Chr. stand ein griechisches Heer mit Leonidas an der Spitze an einer Stelle, an der Größe nichts mehr wert war. Die Thermopylen, benannt nach den heißen Schwefelquellen am Fuß des Kallidromon-Gebirges, waren damals kein Tal, sondern ein Streifen: links die steile Felswand, rechts der Malische Golf, dazwischen ein Weg, der sich an den engsten Punkten nach Herodots Beschreibung auf die Breite eines einzelnen Wagens verjüngte. Wer hier durchwollte, konnte nur wenige Männer nebeneinander schicken – egal, wie viele hinter ihm standen.

Genau darin lag die griechische Rechnung. Ein zahlenmäßig weit unterlegenes Heer konnte hier so lange bestehen, wie der Engpass hielt. Dass die Rechnung am Ende doch nicht aufging, lag nicht an der Taktik, sondern an einem Bergpfad.

Griechische Hopliten stehen in dichter Reihe mit überlappenden Rundschilden und vorgestreckten Speeren im schmalen Pass zwischen Felswand und Meer, davor eine Masse persischer Krieger.
Der Engpass der Thermopylen, Rekonstruktion, KI-generiert.

Wie es so weit kam

Die Vorgeschichte beginnt rund zwanzig Jahre früher an der Westküste Kleinasiens. 499 v. Chr. erhoben sich die dortigen griechischen Städte – darunter Milet und Ephesos – gegen die persische Herrschaft. Athen schickte zwanzig Schiffe zur Unterstützung, Eretria fünf. Militärisch war das wenig, politisch war es für den Großkönig eine Einmischung in seinen eigenen Machtbereich. Nach der Seeschlacht bei Lade und dem Fall Milets 494 v. Chr. war der Aufstand 493 v. Chr. endgültig niedergeschlagen.

Die Unterstützung aus Athen blieb nicht folgenlos. 490 v. Chr. landete ein persisches Heer in der Bucht von Marathon, rund 40 Kilometer nordöstlich von Athen – nicht, wie oft verkürzt erzählt, irgendwo im Osten Griechenlands, sondern mitten in Attika. Die Athener siegten. Dareios I. bereitete daraufhin einen weit größeren Feldzug vor, starb aber 486 v. Chr., lange bevor dieser losging. Erst sein Sohn Xerxes I. setzte das Vorhaben 480 v. Chr. um.

Die Thermopylen waren dabei nicht Xerxes‘ Wahl. Sein Heer nahm die einzige praktikable Küstenroute von Norden nach Mittelgriechenland. Die Griechen entschieden, genau dort zu sperren.

Was Xerxes wirklich aufbot

Die Zahlen in den antiken Quellen sind der Punkt, an dem sich Erzählung und Forschung am weitesten voneinander entfernen.

Antike ÜberlieferungModerne Schätzung
Persisches Landheer1,7 bis 2,6 Millionen (Herodot)ca. 70.000 bis 300.000
Persische Kriegsschiffe1.207 Trieren (Herodot 7,89)ca. 600 bis 800
Griechische Schiffe bei Artemision271 Trieren (Herodot 8,1)weitgehend akzeptiert
Griechen in den Thermopylenrund 7.000rund 7.000
Persische Verlusteca. 20.000 Tote (Herodot)nicht überprüfbar
Griechische Verlusteca. 4.000 Tote (Herodot)nicht überprüfbar

Herodots Millionenheer ist logistisch ausgeschlossen: Ein Marschverband dieser Größe hätte auf der Route weder verpflegt noch mit Wasser versorgt werden können. Was sich halten lässt, ist das Verhältnis. Selbst bei der niedrigsten realistischen Schätzung stand den Griechen ein Vielfaches ihrer eigenen Stärke gegenüber.

Das Heer war zudem kein einheitlicher Verband, sondern ein Aufgebot aus dem ganzen Reich: Perser, Meder, Ägypter, Baktrer aus dem Gebiet des heutigen Nordafghanistan und Südusbekistan, Kontingente aus Nordindien. Sie brachten unterschiedliche Bewaffnung mit – und die war im Nahkampf der entscheidende Nachteil. Persische Infanterie kämpfte mit Speeren von etwa zwei Metern, Flechtschilden und leichtem Panzerzeug. Der griechische Hoplit trug Bronzehelm, Brustpanzer, Beinschienen, einen Rundschild von rund einem Meter Durchmesser und einen Speer von zweieinhalb bis drei Metern. Auf offenem Feld hätte die persische Beweglichkeit gezählt. Im Engpass zählte Reichweite und Masse.

Die Sperre

Im Spätsommer 480 v. Chr. – ob im August oder Anfang September, ist bis heute umstritten – erreichte die persische Vorhut den Pass. Dort stand bereits ein griechisches Aufgebot von rund 7.000 Mann, zusammengesetzt aus Kontingenten mehrerer Städte: unter anderem 1.000 Mann aus Tegea und Mantineia, 400 Korinther, 700 Thespier, 400 Thebaner, dazu 1.000 Phoker und die 300 Spartiaten unter König Leonidas.

Dass nicht mehr Spartaner dabei waren, hatte einen kalendarischen Grund, keinen politischen: Zeitgleich liefen die Olympischen Spiele und das spartanische Karneia-Fest. Während beider Termine galt ein Kriegszug als sakral heikel. Sparta schickte daher zunächst nur eine Vorausabteilung – mit der Absicht, nach den Festen nachzurücken.

Parallel lief die zweite Hälfte des Plans auf See. 62 Kilometer Luftlinie nordöstlich sollte die griechische Flotte bei Artemision die Meerenge zwischen Euböa und dem Festland sperren, damit die persische Flotte die Landstellung nicht umfahren konnte. Beide Schauplätze hingen voneinander ab: Fiel einer, war der andere wertlos.

Lagekarte mit den Thermopylen, Artemision, Delphi, Chalkis, Athen und Marathon; eingezeichnet sind die Entfernungen Thermopylen–Artemision (62 km) und Thermopylen–Athen (138 km).
Die beiden Schauplätze lagen 62 Kilometer auseinander

Vier Tage lang geschah nichts. Xerxes wartete darauf, dass die Griechen abzogen. Sie zogen nicht ab.

Drei Kampftage

Am fünften Tag begann der Angriff. Die persischen Bogenschützen eröffneten, danach griffen reguläre Verbände an, schließlich die Eliteeinheit der sogenannten Unsterblichen unter Hydarnes – 10.000 Mann Sollstärke, deren Name daher rührte, dass jeder Gefallene sofort ersetzt wurde. Herodot berichtet, dass auch sie nicht weiterkamen als die Truppen vor ihnen. Verlustzahlen speziell für die Unsterblichen nennt er nicht.

Die Griechen standen in dichter Formation, Schild an Schild, die langen Speere nach vorn. Sie lösten ihre vordersten Reihen regelmäßig ab und blieben so über zwei volle Tage kampffähig. Die Perser konnten ihre Überzahl nicht entfalten, weil immer nur eine schmale Front gleichzeitig zum Zug kam.

Der Pfad über den Berg

Entschieden wurde die Schlacht abseits des Passes. Ein Einheimischer namens Ephialtes aus Trachis verriet Xerxes einen Bergpfad, die Anopaia, über den sich die Stellung umgehen ließ. In der Nacht setzte sich eine persische Abteilung unter Hydarnes in Marsch. Wie stark sie war, ist unklar: Herodot nennt keine Zahl, der spätere Diodor spricht von 20.000 Mann.

Der Pfad war nicht unbewacht. Auf ihm standen 1.000 Phoker. Als die Perser auf sie stießen, beschossen sie die Griechen mit Pfeilen; die Phoker zogen sich auf eine Bergkuppe zurück. Die Perser verzichteten auf die Verfolgung und stiegen weiter ab – ihr Ziel war der Rücken der Hauptstellung.

Als Leonidas davon erfuhr, war der Pass nicht mehr zu halten. Er entließ den Großteil des Heeres. Zurück blieben die 300 Spartiaten, 700 Thespier und 400 Thebaner, dazu mit einiger Wahrscheinlichkeit mehrere hundert Heloten – zusammen rund 1.400 Kämpfer, nicht ein paar hundert. Die Thespier blieben freiwillig; die Thebaner nach Herodots Darstellung eher als Geiseln.

Der letzte Tag

Am dritten Kampftag griffen die Perser von beiden Seiten an. Leonidas wartete nicht ab. Er ließ seine Männer aus der Mauerstellung heraus in den breiteren Teil des Passes vorrücken und den Kampf suchen. Aussichtslos war das, aber nicht sinnlos: Jede Stunde, die hier gebunden wurde, war eine Stunde Vorsprung für die abziehenden Verbände. Leonidas fiel im Gefecht; um seinen Leichnam entbrannte ein eigener Kampf.

Die Überlebenden zogen sich auf den Hügel Kolonos zurück, wo der Widerstand endete. Die Thebaner ergaben sich nach Herodot und wurden gebrandmarkt statt getötet. Xerxes ließ den Leichnam des Leonidas enthaupten und den Kopf aufspießen – eine Behandlung, die Herodot ausdrücklich als unpersisch und ungewöhnlich kennzeichnet.

Danach zog das Heer weiter. Athen war evakuiert, die Akropolis wurde in Brand gesetzt. Doch noch im selben September schlug die griechische Flotte bei Salamis die persische; 479 v. Chr. folgten die Landschlacht bei Plataiai und der Sieg bei Mykale. Der Feldzug war gescheitert.

Wie sich diese drei Tage im Pass abgespielt haben, zeigt auch die Videofassung dieser Geschichte:

Warum so vieles unsicher bleibt

Fast alles, was über die Thermopylen bekannt ist, stammt aus einer einzigen zusammenhängenden Quelle: dem siebten Buch der Historien Herodots, geschrieben rund fünfzig Jahre nach der Schlacht. Herodot sprach mit Zeitzeugen und deren Nachkommen, aber er schrieb keine Militärgeschichte im heutigen Sinn, und seine Zahlen folgen erkennbar einer Dramaturgie. Diodor (1. Jh. v. Chr.) und Plutarch (1./2. Jh. n. Chr.) schreiben Jahrhunderte später und ergänzen teils abweichende Details.

Das betrifft auch das berühmteste Zitat. Leonidas‘ Antwort auf die Aufforderung, die Waffen niederzulegen – molon labe, „Komm und hol sie dir“ – steht nicht bei Herodot. Sie ist erst bei Plutarch überliefert, gut fünfhundert Jahre nach dem Ereignis, in einer Sammlung spartanischer Aussprüche. Als zeitnaher Beleg taugt sie nicht. Anders der Satz des Spartiaten Dienekes, der auf die Warnung vor pfeilverdunkelter Sonne geantwortet haben soll, man werde eben im Schatten kämpfen: Den berichtet Herodot selbst (7,226).

Archäologisch ist der Schlachtort schwer zu fassen. Auf dem Kolonos-Hügel fanden Ausgrabungen in den 1930er-Jahren große Mengen persischer Pfeilspitzen – einer der wenigen materiellen Anhaltspunkte überhaupt.

Der Ort heute

Wer heute an den Thermopylen steht, sieht die Schlacht nicht mehr. Der Spercheios hat über 2.500 Jahre so viel Sediment in den Malischen Golf geschwemmt, dass die Küstenlinie mehrere Kilometer nach Osten gewandert ist. Geologische Untersuchungen des Deltas konnten den antiken Küstenverlauf rekonstruieren und belegen, dass der Pass in der Antike tatsächlich ein schmaler Streifen zwischen Fels und Wasser war. Heute verläuft dort eine Schnellstraße durch eine breite Ebene; der Kolonos-Hügel liegt weit im Landesinneren.

Am Hügel erinnert eine Steinplatte an das Epigramm des Simonides für die gefallenen Spartaner, das Herodot überliefert. Ein zweites, deutlich jüngeres Denkmal steht für die 700 Thespier, die vollständig fielen und in der Erinnerung fast vollständig hinter den 300 verschwunden sind.

Senkrechte Zeitleiste der Perserkriege von 499 bis 479 vor Christus mit zehn Ereignissen, vom Ionischen Aufstand bis zu den Schlachten bei Plataiai und Mykale.
Zwanzig Jahre in zehn Stationen

Was blieb

Militärisch war Thermopylai eine Niederlage. Der Aufschub, den Leonidas erkaufte, betrug wenige Tage. Sein Wert lag woanders: Die Schlacht lieferte den griechischen Städten in einer Lage, in der ein Teil von ihnen bereits verhandelte, ein Argument dafür, dass Widerstand möglich war. Der eigentliche Umschwung kam wenige Wochen später zur See.

Der Mythos setzte früh ein – und er formte sich schon in der Antike um eine Zahl, die nie die ganze Wahrheit war. Nicht 300 Männer hielten den Pass, sondern anfangs rund 7.000 und am Ende rund 1.400. Dass ausgerechnet die kleinste dieser Zahlen überlebt hat, sagt mehr über die Geschichte des Erzählens als über die Schlacht.

Weiterlesen: Wie weit die antike Überlieferung und die heutige Nacherzählung auseinanderliegen können, zeigt auch die griechische Mythologie: Hesiod und Apollodor erzählen den Sturz des Kronos an entscheidenden Stellen verschieden. Mehr dazu erfahrt ihr im Beitrag Krieg der Titanen und der Aufstieg des Zeus.

Quellen

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