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Blutberg
Der „Blutberg“ Col di Lana liegt im Kronland Tirol und war im Ersten Weltkrieg einer der umkämpftesten Punkte im Gebirgskrieg zwischen dem Königreich Italien und der k.u.k. Monarchie. Obwohl der Berg nicht zu den höchsten Gipfeln der Region zählt, hatte er große militärische Bedeutung, weil er wichtige Wege und Übergänge im Raum der Dolomiten überblickte. Wer den Col di Lana kontrollierte, konnte Artilleriebeobachtung betreiben, Nachschubwege stören und Angriffe in benachbarte Stellungen vorbereiten.
Ab 1915 entwickelte sich der Gipfel zu einem dauerhaften Brennpunkt. Zuerst wurde die Stellung vom Deutschen Alpenkorps besetzt, später übernahmen Tiroler Kaiserjäger die Verteidigung. Die österreichische Seite baute den Gipfel systematisch aus, legte Schützengräben und Unterstände an und befestigte Zugänge mit Hindernissen, um italienische Angriffe früh zu stoppen.
Auf italienischer Seite wurden wiederholt größere Kräfte eingesetzt, darunter 12 Infanterie- und 14 Alpini-Kompanien. Die Alpini galten als spezialisierte Gebirgstruppen, doch auch sie hatten mit extremen Bedingungen zu kämpfen. Neben dem Feuer der Verteidiger wurden Schnee, Kälte und Lawinen zu einem entscheidenden Faktor. Allein durch Lawinen kamen in diesem Abschnitt fast 300 italienische Soldaten ums Leben.
Durch die hohe Zahl an Gefallenen und Verwundeten erhielt der Berg bei den Italienern den Namen „Col di Sangue“, also „Blutberg“. Damit war nicht nur die Härte der Kämpfe gemeint, sondern auch die Tatsache, dass die italienische Führung trotz hoher Verluste immer wieder neue Sturmversuche anordnete. So wurde der Col di Lana zu einem Symbol dafür, wie unerbittlich und verlustreich der Krieg in den Alpen geführt wurde.
Der Gipfel entscheidet alles
Im Frühjahr und Sommer 1915 wurde rasch klar, dass der Col di Lana mehr war als nur ein weiterer Punkt auf der Landkarte. Der Gipfel lag so, dass von dort aus Bewegungen in den Tälern und auf den Versorgungswegen gut beobachtet werden konnten. Für beide Armeen war das entscheidend, weil im Gebirge jede Nachschubroute und jeder Übergang über Leben und Tod entscheiden konnte. Wer die Höhe hielt, hatte nicht nur den besseren Überblick, sondern konnte auch Artillerie gezielter einsetzen und den Gegner unter dauerhaften Druck setzen.
Für die italienische Armeeführung war der Berg deshalb ein Schlüsselziel, um die österreichischen Stellungen im Raum der Dolomiten aufzubrechen. Ein Erfolg am Col di Lana hätte die Möglichkeit eröffnet, die österreichische Verteidigungslinie zu umgehen und weitere Höhenzüge zu bedrohen. In der Praxis erwies sich der Gipfel jedoch als äußerst schwer einnehmbar, weil die österreichische Besatzung ihre Stellungen ständig ausbaute und die Zugänge gut absicherte.
Die Verteidiger nutzten natürliche Vorteile des Geländes. Steile Hänge, felsige Abschnitte und enge Anmarschwege machten es für Angreifer schwierig, größere Kräfte gleichzeitig nach oben zu bringen. Viele italienische Sturmangriffe mussten über offene Flächen erfolgen, wodurch die Soldaten bereits beim Aufstieg in das Feuer der Verteidiger gerieten. Dazu kamen erschwerte Bedingungen durch Nebel, Schneefall und starke Kälte, die Orientierung und Versorgung regelmäßig behinderten.
Im Verlauf der Kämpfe wurde der Blutberg Col di Lana zu einem Fixpunkt der Front. Italien setzte immer wieder neue Kompanien an, um den Gipfel Schritt für Schritt zu erobern, doch jeder Versuch brachte hohe Verluste. Auch auf österreichischer Seite waren die Belastungen enorm, weil die Männer wochenlang unter Dauerbeschuss standen und Versorgungswege oft nur nachts genutzt werden konnten. Der Kampf um diesen Berg wurde damit zu einem typischen Beispiel dafür, wie ein einzelner Gipfel im Gebirge ganze Frontabschnitte binden und eine große Zahl an Soldaten in dauerhafte Abnützungskämpfe zwingen konnte.
Alpini, Lawinen und verlorene Kompanien
Mit jedem Monat verschärfte sich die Lage am Col di Lana, weil beide Seiten den Gipfel nicht als Nebenfront behandelten, sondern als Hauptziel. Italien setzte wiederholt große Kräfte ein und versuchte, den österreichischen Stützpunkt durch frontale Sturmangriffe zu brechen. An den Angriffen waren Infanterieverbände ebenso beteiligt wie Alpini-Kompanien, die als speziell ausgebildete Gebirgstruppen galten und in schwierigem Gelände Vorteile haben sollten.
In der Realität blieb jedoch der entscheidende Nachteil bestehen: Der Angreifer musste aufsteigen. Die Anmarschwege führten über steile Hänge, Schneefelder und schmale Grate, wodurch Bewegungen langsam waren und oft nur in kleinen Gruppen erfolgen konnten. Sobald sich Soldaten am Hang zeigten, wurden sie von den österreichischen Verteidigern unter Feuer genommen, was den Angriff bereits vor dem eigentlichen Sturm stark dezimierte. Viele Einheiten erreichten die vorderen Stellungen nur in Bruchstücken, was koordinierte Durchbrüche zusätzlich erschwerte.
Neben dem Kampf spielte die Natur eine zentrale Rolle. Gerade im Winter 1915/16 wurden Schnee und Wetter zu einem ernsthaften Risiko, weil sich durch Beschuss und Bewegungen in den Hängen Schneemassen lösen konnten. Mehrfach gingen Lawinen ab, die nicht nur Material zerstörten, sondern auch ganze Gruppen von Soldaten unter sich begruben. Allein durch Lawinen kamen in diesem Abschnitt fast 300 italienische Soldaten ums Leben. Diese Zahl zeigt, wie gefährlich die Front in den Alpen war, weil der Tod nicht nur durch Gewehr und Artillerie, sondern oft auch durch unberechenbare Umweltbedingungen am Blutberg eintrat.
Trotz dieser Verluste wurden neue Angriffe angesetzt. Die italienische Armeeführung hoffte, durch Masse und ständigen Druck irgendwann eine Schwachstelle zu finden. Für die Soldaten vor Ort bedeutete das einen wiederkehrenden Ablauf aus Vorbereitung, Aufstieg, Beschuss, Rückzug und erneuter Aufstellung. So entwickelte sich der Kampf am Col di Lana zu einem Abnützungskrieg, bei dem einzelne Kompanien innerhalb kurzer Zeit schwer dezimiert werden konnten, ohne dass sich die Frontlinie entscheidend verschob.

Caetanis Mine und die Gegenminen
Nachdem die italienischen Sturmangriffe 1915 und Anfang 1916 trotz hoher Verluste keinen entscheidenden Durchbruch brachten, suchte die italienische Führung nach einer Lösung, die die österreichische Gipfelstellung mit einem Schlag ausschalten konnte. In dieser Phase entstand der Plan, den Col di Lana nicht mehr von außen zu erobern, sondern den Gipfel von unten zu zerstören. Der italienische Leutnant Caetani entwarf dafür ein Konzept, bei dem ein Stollen in den Berg getrieben und anschließend eine große Sprengladung unter der österreichischen Stellung gezündet werden sollte.
Die Arbeiten an der Unterminierung mussten äußerst geräuscharm erfolgen, weil die Distanz zwischen den Stellungen teilweise gering war. Deshalb wurden vor allem Handbohrmaschinen, Meißel und andere Werkzeuge verwendet, die zwar langsam waren, aber weniger auffällige Geräusche erzeugten als größere Maschinen. Der Vortrieb des Stollens war körperlich extrem belastend, weil im engen Tunnel kaum Luft zirkulierte, Material abtransportiert werden musste und gleichzeitig das Risiko bestand, entdeckt zu werden. Parallel dazu mussten die italienischen Stellungen oberirdisch weiter verteidigt werden, damit die Arbeiten nicht durch einen österreichischen Gegenangriff gestoppt werden konnten.
Anfang 1916 gelang es den Österreichern, Hinweise auf die Unterminierung zu erhalten und den Plan aufzuklären. Daraufhin wurde eine Gegenmine angelegt, um den italienischen Stollen rechtzeitig zu erreichen oder durch eine eigene Sprengung unschädlich zu machen. Dieser Gegenbau war ebenfalls ein Wettlauf gegen die Zeit, weil jede Verzögerung die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass Italien zuerst zünden würde.
Am 5. April 1916 sprengten die Österreicher ihre Gegenmine, allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Die italienische Anlage wurde dadurch nicht entscheidend getroffen, und die Vorbereitungen gingen weiter. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der Auseinandersetzung zunehmend in den Blutberg hinein, und der Kampf am Col di Lana wurde zu einem typischen Beispiel für den sogenannten Minenkrieg, wie er im Ersten Weltkrieg an mehreren Frontabschnitten eingesetzt wurde.
Als der Gipfel verschwand
In der zweiten Aprilhälfte 1916 verdichteten sich die Anzeichen, dass der italienische Minenbau kurz vor dem Abschluss stand. Trotz der österreichischen Gegenmaßnahmen war es nicht gelungen, die italienische Sprengkammer rechtzeitig zu erreichen oder zuverlässig zu zerstören. Damit blieb den Verteidigern am Col di Lana nur, die Stellung weiter zu halten und sich auf das vorzubereiten, was sie zwar erwarteten, aber nicht genau berechnen konnten.
In der Nacht vom 16. auf den 17. April 1916 wurde die 5. Kompanie des 2. Regiments der Tiroler Kaiserjäger am Gipfel abgelöst. Die 6. Kompanie übernahm die Stellung unter dem Kommando von Oberleutnant Anton von Tschurtschenthaler. Solche Ablösen waren in diesem Abschnitt notwendig, weil die Belastung durch Kälte, Schlafmangel und Dauerbeschuss selbst für erfahrene Gebirgssoldaten kaum dauerhaft zu ertragen war.
Am Höhepunkt der Kampfhandlungen kam es in der Nacht vom 17. auf den 18. April zur entscheidenden Detonation. Um 23:30 Uhr zündeten die italienischen Angreifer die vorbereitete Sprengladung. Durch die Explosion wurde ein großer Teil des Gipfels samt der österreichischen Befestigungen zerstört. Felsmassen, Erdreich und Trümmer rissen Teile der Stellung mit sich und machten eine geordnete Verteidigung am Col di Lana unmöglich. Ein Teil der Besatzung kam sofort ums Leben, andere Soldaten wurden verschüttet oder schwer verletzt.
Die überlebenden Kaiserjäger mussten den Berg in der Folge aufgeben, weil die Position nicht mehr zu halten war und der Stützpunkt praktisch ausgelöscht wurde. Trotz dieses Verlustes gelang es den Österreichern jedoch, sich am Monte Sief zu behaupten. Dieser Gipfel ist über einen Grat mit dem Col di Lana verbunden und hatte entscheidende Bedeutung, um weitere italienische Vorstöße zu verhindern. Damit blieb der italienische Durchbruch in diesem Abschnitt aus, obwohl der Blutberg Col di Lana selbst nach Monaten der Kämpfe und hohen Verlusten schließlich in italienische Hand fiel.
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