Wikingerzeit: Wie ein kleines Volk Europa veränderte

Beitragsbild Wikingerzeit

Eine Tätigkeit, kein Volk

Der Begriff „Wikinger“ beschreibt im zeitgenössischen Sprachgebrauch keine Ethnie und keine politische Einheit. Altnordisch bezeichnet víkingr einen Mann, der auf Fahrt geht, víking die Fahrt selbst – Handel, Beutezug oder beides. Wer aus Norwegen, Dänemark oder Schweden „auf Wiking“ fuhr, gehörte einer Gefolgschaft an, nicht einem Staat. Erst die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts machte daraus eine Epochenbezeichnung: Der dänische Archäologe Jens Jacob Asmussen Worsaae prägte den Begriff „Wikingerzeit“ als Periodenname.

Diese Unterscheidung ist mehr als sprachliche Pedanterie. Sie erklärt, warum sich dieselben Gruppen in irischen Annalen als Plünderer, in arabischen Berichten als Kaufleute und in byzantinischen Quellen als Söldner wiederfinden. Die Rolle hing vom Ort, vom Zeitpunkt und vom Kräfteverhältnis ab.

Der Anfang, der kein Anfang war

Der 8. Juni 793 gilt als Beginn der Epoche: An diesem Tag überfielen skandinavische Seefahrer das Kloster Lindisfarne vor der Küste Northumbriens. Das Datum ist präzise überliefert und markant – aber es markiert eher den Moment, in dem westeuropäische Chronisten aufmerksam wurden, als den Beginn der Entwicklung selbst.

Die Archäologie zeichnet ein anderes Bild. Auf der estnischen Insel Saaremaa wurden bei Salme zwei Schiffe gefunden, die als Grabkammern für gefallene Krieger dienten. Sie datieren in die Zeit zwischen etwa 700 und 750. Isotopen- und DNA-Analysen weisen die Bestatteten Mittelschweden zu; fünf von ihnen trugen unverheilte Verletzungen. Bewaffnete skandinavische Seeexpeditionen über größere Distanzen gab es also mindestens vier Jahrzehnte vor Lindisfarne.

Dazu kommen Belege für Organisation und Infrastruktur: Ribe in Jütland war bereits im frühen 8. Jahrhundert ein Handelsplatz, der Kanhave-Kanal auf Samsø wurde 726 angelegt. Auch für die Zeit davor sind Kriegszüge überliefert – der Zug des Dänen Chlochilaicus wird zwischen 516 und 522 angesetzt. Die Wikingerzeit beginnt deshalb nicht 793 aus dem Nichts, sondern verdichtet sich im Lauf des 8. Jahrhunderts zu einer neuen Phase. 793 bleibt ein brauchbarer Merkposten, mehr nicht.

Was Nachbauten über das Langschiff verraten

Über die Geschwindigkeit von Langschiffen kursieren große Zahlen. Belastbar sind die Messwerte seetüchtiger Rekonstruktionen. Das Wikingerschiffsmuseum Roskilde baute zwischen 2000 und 2004 den „Havhingsten fra Glendalough“ nach – eine Rekonstruktion von Skuldelev 2, mit 30 Metern das längste archäologisch belegte Langschiff. Das Original wurde nach Jahresringanalyse um 1042 in oder bei Dublin gebaut.

Die vom Museum angegebenen Fahrwerte fallen differenzierter aus, als die gängige Erzählung vermuten lässt:

Wikingerzeit: Balkendiagramm der gemessenen Geschwindigkeiten von Skuldelev 2 unter Segel und unter Riemen, dazu Kenndaten des Schiffs

Unter Segel erreichte das Schiff im Spitzenwert 17 Knoten, im Reisemittel jedoch 6 bis 8 Knoten. Unter Riemen sind es nur 2,5 Knoten Dauerleistung und 4,2 Knoten im Maximum. Rudern diente also nicht der Geschwindigkeit, sondern der Unabhängigkeit vom Wind – beim Manövrieren, in Flussmündungen und bei Flaute. Der taktische Vorteil lag im Zusammenspiel: geringer Tiefgang, Segelantrieb auf offener See, Rudermanöver im Flachwasser.

Der Materialaufwand war beträchtlich. Für die Rekonstruktion wurden 150 Raummeter Eichenholz verbaut, 400 Kilogramm Eisen zu Nieten verarbeitet, 3.000 Meter Tauwerk aus Hanf geschlagen und ein Rahsegel von 112 Quadratmetern aus Leinen gefertigt. Ein solches Schiff war kein Gebrauchsgegenstand, sondern eine Investition auf dem Niveau eines Repräsentationsbaus – und ein Instrument königlicher Machtpolitik.

Entscheidend für die Seetüchtigkeit war die Klinkerbauweise: überlappend angeordnete Eichenplanken, vernietet statt vernagelt, mit vergleichsweise elastischer Verbindung zu den Spanten. Der Rumpf gab dem Seegang nach, statt ihm starr zu widerstehen. Wie belastbar dieses Prinzip ist, zeigte bereits 1893 Magnus Andersen: Er überquerte mit einem Nachbau des Gokstad-Schiffs den Atlantik von Norwegen nach New York in 27 Tagen und erreichte bei günstigem Wind 11 Knoten. Der „Havhingsten“ selbst segelte 2007 von Roskilde nördlich um Schottland nach Dublin und 2008 südlich um England zurück – beide Fahrten dienten ausdrücklich der Forschung.

Ein weiterer Vorteil lag außerhalb des Wassers: Langschiffe ließen sich bei Bedarf über Land bewegen. Snorri überliefert von Olav dem Heiligen, er habe die Schiffe über die Landrücken zwischen den Seen bringen lassen. Auf den osteuropäischen Flusswegen war genau das die Voraussetzung dafür, überhaupt von einem Stromsystem ins nächste zu gelangen.

Verbreitet ist auch die Vorstellung, Langschiffe hätten wegen der symmetrischen Steven ohne Wendemanöver die Richtung wechseln können. Der Rumpf war tatsächlich weitgehend symmetrisch, doch das Steuerruder saß fest an der rechten Heckseite. Rückwärtsfahrt unter Rudern war in engen Gewässern möglich, eine gleichwertige Fahrt in beide Richtungen war es nicht.

Drei Richtungen, eine Logik

Die Expansion folgte drei Hauptachsen, die grob mit den Herkunftsregionen korrespondieren: Norweger nach Westen über den Nordatlantik, Dänen nach Süden und Südwesten, Schweden nach Osten über die russischen Flusssysteme.

Karte des Nordatlantiks und Europas mit den drei Hauptrouten der Wikingerzeit und den berechneten Etappenlängen

Die Zahlen machen den Maßstab greifbar. Von Bergen bis Neufundland summieren sich die Etappen auf rund 3.900 Kilometer – zurückgelegt in offenen Booten ohne Kompass, in Abschnitten von jeweils mehreren Tagen. Die Strecke Island–Brattahlíð allein misst 1.242 Kilometer; bei einer Reisegeschwindigkeit von 6 bis 8 Knoten entspricht das etwa 3,5 bis 4,7 Tagen ununterbrochener Fahrt. Nach Osten war die Distanz ähnlich: Von Birka bis Konstantinopel sind es über die Flusswege rund 2.960 Kilometer, unterbrochen von Stromschnellen und Landtransporten zwischen den Flusssystemen.

Dauerhaft wurden diese Routen dort, wo Siedlungen entstanden. Dublin geht auf ein befestigtes Schiffslager von 841 zurück und blieb bis zur anglonormannischen Eroberung 1170 nordisch geprägt – über drei Jahrhunderte. Die Normandie entstand 911 durch den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte, in dem der westfränkische König Karl III. dem Anführer Rollo Land an der unteren Seine überließ. Der Vertragstext ist nicht erhalten; bekannt ist er nur über Dudo von Saint-Quentin, der ein Jahrhundert später schrieb.

Der Knotenpunkt zwischen Nordsee und Ostsee war Haithabu am Schlei-Ende, der wichtigste Hafen des dänischen Reiches. Von dort aus verbanden sich die Achsen: Wer aus dem Westen kam, konnte Waren über die schmale Landenge Jütlands weitergeben, ohne Skagen zu umrunden. Dass in Haithabu und in den Ringburgen Harald Blauzahns Pressmodel für Schmuck im sogenannten Hiddensee-Stil gefunden wurden, zeigt, wie eng Handel, Handwerk und Königsmacht dort verzahnt waren.

Island wurde ab etwa 870 besiedelt. Diese Datierung ist ungewöhnlich gut abgesichert: Die frühesten Siedlungsbefunde liegen unmittelbar über einer Vulkanascheschicht, die zweifach unabhängig auf 871 ± 2 datiert wurde. Die Landnahme gilt um 930 als abgeschlossen. Von Island aus führte der Weg nach Grönland – und weiter.

Die Ökonomie dahinter: Silber

Was die Expansion trug, war weniger Abenteuerlust als ein Rohstoff: Silber. Über die Ostroute floss islamisches Münzsilber in gewaltigen Mengen nach Norden, bezahlt vor allem mit Pelzen, Wachs, Honig – und Menschen. Der Sklavenhandel war ein zentraler Bestandteil des Systems, kein Randphänomen.

Die Fundzahlen sind eindrücklich. Zwischen 800 und 970 dominierten arabische Dirhams im gesamten Ostseeraum. Allein auf Gotland wurden über 700 Silberhorte dokumentiert; der Fund von Timerevo bei Jaroslawl umfasst mit über 2.000 Münzen das größte bekannte Vorkommen frühmittelalterlicher arabischer Münzen Nordeuropas. Serienmäßig gefertigte Waagen und genormte Gewichtssätze sicherten ab etwa 870 eine einheitliche Bewertung im gesamten Handelsraum – ein Hinweis darauf, wie standardisiert dieser Wirtschaftsraum funktionierte.

Ein zweiter Silberstrom kam aus England, und zwar als Tribut. Unter König Æthelred II. (978–1016) summierten sich die Danegeld-Zahlungen auf über 200.000 Pfund Silber. Rund 53.750 englische Münzen dieser Zeit wurden in nordeuropäischen Funden geborgen. Beutezug und Handel waren damit keine Gegensätze, sondern zwei Zugriffe auf dieselbe Ressource.

Für einen erzählerischen Überblick über die Epoche – mit Fokus auf die Menschen und den Verlauf der Ereignisse – gibt es zu diesem Thema auch ein Video auf unserem Kanal:

Wer waren die Wikinger? Die genetische Antwort

2020 veröffentlichte ein internationales Team um Ashot Margaryan und Eske Willerslev in Nature die bis dahin größte DNA-Studie zur Wikingerzeit: 442 sequenzierte Genome aus Grönland, Skandinavien, Polen, Russland, der Ukraine und Großbritannien.

Zwei Befunde sind für das populäre Bild relevant. Erstens gab es kein homogenes „Wikingervolk“. Innerhalb Skandinaviens zeigte sich genetische Struktur, und die Ausbreitung verlief regional differenziert: dänische Herkunft überwiegt in England, schwedische im Baltikum, norwegische in Irland, Island und Grönland. Zweitens verlief der Austausch in beide Richtungen – während der Wikingerzeit floss erhebliche Abstammung von außerhalb nach Skandinavien hinein.

Dazu kam ein Befund, der die Perspektive verschiebt: In einem der Bootsgräber von Salme lagen vier leibliche Brüder, die am selben Tag starben. Eine Fahrt „auf Wiking“ war demnach oft ein Familienunternehmen – mit entsprechendem Risiko für ganze Haushalte.

Vom Gefolgschaftsführer zum König

Im 9. und 10. Jahrhundert verfestigten sich aus Gefolgschaften politische Zentren. Harald Schönhaar gilt traditionell als erster Reichseiniger Norwegens, entscheidend sei die Seeschlacht im Hafrsfjord gewesen.

Hier lohnt Vorsicht. Das oft genannte Jahr 872 ist nicht überliefert, sondern aus Angaben Ari fróðis und der Sagas errechnet; andere Forscher setzen die Schlacht um 900 oder kurz davor an. Vor allem aber gilt die Vorstellung einer Herrschaft „über ganz Norwegen“ in der Forschung als spätere Überhöhung – als Herrscherlob Snorri Sturlusons für das Harald-Geschlecht, verfasst rund drei Jahrhunderte nach den Ereignissen. Haralds tatsächliches Herrschaftsgebiet dürfte im Wesentlichen den Südwesten Norwegens umfasst haben.

Die Christianisierung beschleunigte diesen Prozess, weil sie Herrschaft legitimierte und Verwaltungsstrukturen mitbrachte. Olav Tryggvason und Olav II. Haraldsson (St. Olav) trieben sie in Norwegen voran; Harald Blauzahn ließ sich in Dänemark um 960 taufen. Der Konflikt zwischen alten und neuen Loyalitäten prägte die Innenpolitik über Generationen.

Warum die Epoche endet

Das traditionelle Enddatum ist der 25. September 1066: Harald Hardrada fällt bei Stamford Bridge, wenige Wochen vor Hastings. Wie beim Anfangsdatum handelt es sich um einen Merkposten, nicht um einen Schnitt.

Vertikale Zeitleiste der Wikingerzeit von etwa 700 bis 1066 mit farblicher Kennzeichnung der Belegart je Ereignis

Drei Entwicklungen liefen parallel. Skandinavien konsolidierte sich zu Königreichen mit zentraler Herrschaft, Kirchenorganisation und Rechtsformen, in denen unabhängige Beutezüge keinen Platz mehr hatten. Westeuropa rüstete auf: befestigte Brücken, Burgen und organisierte Küstenwehr machten schnelle Überfälle unrentabel. Und der Silberstrom aus dem Osten versiegte – der Handelsweg durch die Rus wurde nach den Auseinandersetzungen um 1015 unterbrochen, deutsche und englische Münzen lösten die Dirhams ab.

Ökonomisch lohnte sich das Modell nicht mehr. Das erklärt das Ende besser als jedes einzelne Schlachtdatum.

Was offen bleibt

Mehrere Fragen sind ungeklärt. Wie viele Atlantikfahrten es tatsächlich gab, weiß niemand: L’Anse aux Meadows ist die einzige gesicherte nordische Fundstelle in Nordamerika, und botanische Funde dort belegen lediglich, dass die Reisenden auch südlicher gelegene Gebiete erreichten. Die Studie von 2021 – die das Fälljahr 1021 über den Sonnensturm des Jahres 993 in den Jahresringen bestimmte – liefert einen chronologischen Anker, keine Gesamtbilanz. Die Autoren gehen von einer sehr kurzen Besiedlung aus, maximal etwa 13 Jahre.

Auch der isländische Anfang ist weniger eindeutig, als die Tephradatierung suggeriert. Unterhalb der Landnahmeschicht wurden vereinzelt Gerstensamen und Spuren von Bebauung gefunden, und auf den Westmännerinseln deuten Befunde auf Siedlungen aus dem 7. und 8. Jahrhundert hin, die in der Landnámabók nicht vorkommen. Ob es sich um dauerhafte Niederlassungen oder um zeitweilige Aufenthalte handelte, ist offen – die Hinweise sind selten.

Ebenso unklar bleibt die Größenordnung der Bevölkerungsbewegung. Wie viele Menschen tatsächlich auswanderten, ob Not, Überbevölkerung oder politischer Druck den Ausschlag gaben, wird weiter diskutiert. Und die Frage, wie stark die Sagas als historische Quelle belastbar sind, begleitet die Forschung seit ihren Anfängen.

Was sich sagen lässt: Eine vergleichsweise kleine Bevölkerung an der europäischen Peripherie verband über rund drei Jahrhunderte Bagdad mit Neufundland. Nicht weil sie besonders kriegerisch war, sondern weil sie über die zu ihrer Zeit beste maritime Technologie verfügte und diese konsequent einsetzte.

Weiterlesen: Offene Boote auf hoher See waren keine Erfindung der Wikinger: Schon vor rund 8.500 Jahren erreichten Jäger und Sammler die Insel Malta über mindestens 85 Kilometer offenes Meer. Wie das gelang, erfahrt ihr im Beitrag 8500 Jahre alt: die erste Hochseefahrt der Menschheit.

Quellen

  1. Kuitems, M., Wallace, B. L., Lindsay, C. et al.: Evidence for European presence in the Americas in ad 1021. In: Nature 601, 388–391 (2022). https://www.nature.com/articles/s41586-021-03972-8
  2. Margaryan, A., Lawson, D. J., Sikora, M. et al.: Population genomics of the Viking world. In: Nature 585, 390–396 (2020). https://www.nature.com/articles/s41586-020-2688-8
  3. Wikingerschiffsmuseum Roskilde: Der Meereshengst von Glendalough (Kenndaten und Fahrwerte der Rekonstruktion von Skuldelev 2). https://www.vikingeskibsmuseet.dk/de/professionen/e-laering/baadsamlingen/der-meereshengst-von-glendalough
  4. University of Cambridge: World’s largest-ever DNA sequencing of Viking skeletons reveals they weren’t all Scandinavian (Pressemitteilung zur Studie von Margaryan et al.). https://www.cam.ac.uk/research/news/worlds-largest-ever-dna-sequencing-of-viking-skeletons-reveals-they-werent-all-scandinavian
  5. Wikipedia: Wikingerzeitliche Münzfunde im Ostseeraum. https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerzeitliche_M%C3%BCnzfunde_im_Ostseeraum
  6. Wikipedia: Harald I. (Norwegen) und Wikingerzeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_I._(Norwegen) · https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerzeit

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