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Sedan 1870: Warum das bessere Gewehr die Schlacht nicht rettete

Ölgemälde: französischer Infanterist von 1870 kniet mit seinem Chassepot-Gewehr im Graben und blickt angstvoll zum Himmel, darüber Granatrauch, dazu der Schriftzug Kein Ziel in Sicht

Bei Sedan besaß die französische Infanterie 1870 das modernste Gewehr Europas und konnte es trotzdem nicht einsetzen. Das Chassepot traf auf zwölfhundert Meter, doppelt so weit wie die preußische Waffe. Am 1. September standen aber die deutschen Geschütze auf den bewaldeten Höhen rund um den Talkessel, und ihre Granaten trugen bis zu dreieinhalb Kilometer weit. Am nächsten Tag waren rund hunderttausend Männer in Gefangenschaft, unter ihnen der Kaiser.

Kurz beantwortet: Das französische Chassepot traf doppelt so weit wie das preußische Zündnadelgewehr, aber bei Sedan entschied die Artillerie. Die deutschen Krupp-Geschütze standen auf den Höhen rund um den Talkessel und schossen drei Kilometer und weiter, das Chassepot reichte nur zwölfhundert Meter. Dazu zerfiel an diesem Tag die französische Führung, und am 2. September gingen rund hunderttausend Mann in Gefangenschaft.

Zwei Waffen, zwei Philosophien

Als Frankreich im Juli 1870 gegen Preußen in den Krieg zog, hatte seine Infanterie die beste Handfeuerwaffe Europas. Das Chassepot-Gewehr, 1866 eingeführt, war ein Hinterlader mit einem schlanken Geschoss von elf Millimetern. Sein Visier reichte in Stufen bis zwölfhundert Meter. Das preußische Zündnadelgewehr nach dem System Dreyse hatte dagegen ein dickes Kaliber von rund fünfzehn Millimetern und war auf etwa sechshundert Meter eingerichtet. Auf dem Papier hatte Frankreich damit einen Vorsprung, wie ihn eine Armee selten hat.

In den Grenzschlachten im August zahlte sich dieser Vorsprung auch aus. Preußische Angriffswellen brachen im französischen Feuer zusammen, bevor sie selbst schießen konnten, und einzelne Regimenter verloren an einem einzigen Nachmittag ein Drittel ihrer Männer. Preußische Soldaten sammelten erbeutete Chassepots ein und gaben sie ihren besten Schützen. Trotzdem stand am 2. September eine ganze französische Armee in Gefangenschaft. Die Erklärung dafür liegt nicht im Gewehr selbst, sondern in allem, was rundherum geschah.

Die Geschichte gibt es auch als Video

Die Lehre von Königgrätz, zweimal gezogen

Beide Seiten hatten dieselbe Schlacht studiert: Königgrätz, 3. Juli 1866. Frankreich zog daraus den naheliegenden Schluss. Preußen hatte mit dem Zündnadelgewehr gesiegt, also brauchte man ein besseres Gewehr. Man baute es und war damit zufrieden.

Preußen zog aus derselben Schlacht noch einen zweiten Schluss, den in Paris niemand ernst nahm. Die preußische Artillerie hatte bei Königgrätz nämlich versagt. Sie kam zu spät ins Gefecht, stand ungünstig und schoss zu kurz, während die österreichischen Batterien das eigene, schon geschlagene Heer stundenlang deckten. Für die Sieger war das eine Blamage.

Gustav Eduard von Hindersin, der Generalinspekteur der preußischen Artillerie, machte daraus ein Programm. Er setzte eine Schießschule durch und ließ gezielt auf Entfernungen üben, die vorher als unnötig gegolten hatten. Außerdem trieb er die Umrüstung auf gezogene Hinterlader aus Stahl voran. Sie kamen aus dem Werk von Alfred Krupp in Essen: Rohre aus Gussstahl statt aus Bronze, Ladung von hinten statt von vorne und dazu Zünder, die zuverlässig auslösten. Frankreich blieb bei bronzenen Vorderladern, die langsamer, ungenauer und weniger weit schossen. Wie wenig Zeit zwischen den beiden Schlachten lag, zeigt die Zeitleiste.

Zeitleiste von 1866 bis 1870: Königgrätz am 3. Juli 1866, Einführung des Chassepot 1866, Artillerie-Schießschule 1867, Kriegsbeginn im Juli 1870 und Sedan am 1. und 2. September 1870 mit rund 100.000 Gefangenen
Von Königgrätz bis Sedan vergingen gut vier Jahre. Eigene Darstellung

Bitter ist dabei eine Einzelheit, die selten erwähnt wird: Napoleon III. war selbst ein ausgewiesener Fachmann für Artillerie. Lange vor seiner Zeit als Kaiser hatte er mehrbändige Studien zur Geschichte des Geschützwesens veröffentlicht. Damit stand er in einer Familientradition, denn schon sein Onkel Napoleon I. hatte als Artillerieoffizier begonnen und war im ersten Koalitionskrieg vor Toulon aufgefallen. Und ausgerechnet der Neffe sah diese Entwicklung nicht kommen.

Zahlen zur Lehre von Königgrätz

Schlacht bei Königgrätz3. Juli 1866, rund 220.000 Preußen gegen rund 215.000 Österreicher und Sachsen
Größte europäische Schlachtseit Leipzig 1813
Gustav Eduard von HindersinGeneralinspekteur der preußischen Artillerie ab 1864, gestorben 1872
Artillerie-Schießschule1867 gegründet, also ein Jahr nach der Blamage und drei Jahre vor Sedan
Zeit zwischen beiden Schlachtenvier Jahre und zwei Monate

Das Gelände tat den Rest

Sedan liegt im Département Ardennes nahe der belgischen Grenze, an einer Schleife der Maas. Die Stadt selbst ist tief gelegen, und ringsherum steigt das Gelände zu bewaldeten Höhen an, die den Ort wie der Rand einer Schüssel umschließen. Wer oben steht, sieht alles, was unten passiert, und kann es auch erreichen. Die Karte zeigt, wie weit die beiden Waffen von der Stadtmitte aus reichten.

Karte von Sedan an der Maas mit den Orten Floing, Illy, Givonne, Bazeilles, Frénois und Donchery; ein gestrichelter Kreis mit 3 Kilometern Halbmesser zeigt die Reichweite der deutschen Granaten, ein kleiner Kreis mit 1,2 Kilometern die Visierreichweite des Chassepot
Die Kreise sind um die Stadtmitte gezogen und zeigen Reichweiten, nicht die genauen Stellungen. Eigene Darstellung nach OpenStreetMap-Daten

Bis zum Mittag des 1. September hatten preußische, sächsische und bayerische Verbände diesen Rand besetzt. Die Zahl der Geschütze, die dort auffuhren, gibt die Literatur meist mit rund fünfhundert an. Ihre Granaten trugen drei Kilometer und weiter, das Chassepot nur zwölfhundert Meter. Gegen diese Geschütze war die beste Handfeuerwaffe des Krieges an diesem Tag wirkungslos. Schlecht war sie deshalb nicht, ihr Ziel lag einfach außerhalb ihrer Reichweite. Einen Infanterieangriff auf die Senke brauchte es gar nicht. Wie weit die drei Waffen jeweils trugen, zeigt das Diagramm.

Balkendiagramm: preußisches Zündnadelgewehr 600 Meter, französisches Chassepot 1.200 Meter, Krupp-Feldkanone 3.500 Meter
Bei den Gewehren ist die Visierreichweite angegeben, bei der Feldkanone die größte Schussweite. Eigene Darstellung

Ein Tag, drei Oberbefehlshaber

Was das Video nicht erzählt: Die französische Führung brach an diesem Morgen zusammen, bevor der Ring überhaupt geschlossen war. Marschall Patrice de Mac-Mahon wurde schon in den ersten Stunden von einem Granatsplitter verwundet. General Auguste Ducrot übernahm und befahl den Durchbruch nach Westen. Kurz darauf meldete sich General Emmanuel de Wimpffen, der erst am Vortag in Sedan angekommen war. Er hatte ein Schreiben des Kriegsministers aus Paris in der Tasche, das ihn für diesen Fall zum Nachfolger bestimmte. Wimpffen widerrief den Befehl und ordnete das Gegenteil an, einen Durchbruch nach Südosten. Innerhalb weniger Stunden führten also drei Männer nacheinander dieselbe Armee, und der dritte hob auf, was der zweite angeordnet hatte.

Am Nachmittag versuchte die französische Kavallerie bei Floing, den Ring zu durchbrechen, und wurde in mehreren Anläufen zerschlagen. Am späten Nachmittag ließ Napoleon III. gegen den Willen von Wimpffen die weiße Flagge hissen. Am frühen Morgen des 2. September traf der Kaiser in einem Weberhaus bei Donchery mit Otto von Bismarck zusammen. Am späten Vormittag wurde die Kapitulation unterzeichnet.

Was die Zahlen sagen

Wie stark die Artillerie wirkte, zeigen die Zahlen. Am 1. September fielen auf französischer Seite rund dreitausend Mann, etwa vierzehntausend wurden verwundet, und rund einundzwanzigtausend gerieten noch während der Schlacht in Gefangenschaft. Mit der Kapitulation am 2. September ergaben sich weitere rund dreiundachtzigtausend. Insgesamt gingen damit etwa hunderttausend Soldaten in Gefangenschaft, unter ihnen der Kaiser. Die deutschen Verluste lagen bei knapp neuntausend Mann. Der Verlierer büßte also den größten Teil seiner Armee ein, ohne dass es zu einem entscheidenden Nahkampf gekommen wäre. Die Grafik zeigt die Zahlen nebeneinander. Zusammenzählen darf man sie nicht, weil ein Teil der Verwundeten auch in Gefangenschaft geriet.

Balkendiagramm zur Bilanz von Sedan: rund 3.000 französische Gefallene, rund 14.000 Verwundete, rund 21.000 Gefangene während der Schlacht, rund 83.000 Gefangene mit der Kapitulation am 2. September und knapp 9.000 deutsche Verluste
Die Werte dürfen nicht addiert werden. Eigene Darstellung nach Howard, Wawro und DHM/LeMO

Dabei darf man nicht vergessen, wer bei Sedan gar nicht kämpfte. Die eigentliche französische Hauptarmee war zu diesem Zeitpunkt in Metz eingeschlossen. Bei Sedan kämpfte die Armee von Châlons, die erst im August neu aufgestellt worden war, mit hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend Mann.

Was die Forschung heute betont

Die ältere Literatur aus dem 19. Jahrhundert erklärte den Ausgang gerne mit nationalen Eigenschaften oder mit dem Genie Moltkes, des preußischen Generalstabschefs. Die neuere Militärgeschichte sieht das nüchterner. Michael Howard hat in seiner bis heute maßgeblichen Darstellung des Krieges gezeigt, wie genau das Chassepot in den Grenzschlachten traf und wie wenig ihm das am Ende half. Geoffrey Wawro hat herausgearbeitet, was das deutsche Artilleriefeuer mit der Moral der eingeschlossenen Verbände machte: Einheiten lösten sich auf, ohne je einen deutschen Fußsoldaten gesehen zu haben. Dennis Showalter hat den Gedanken allgemein gefasst. Technik entscheidet nicht von selbst, es kommt auf die Organisation an, die gelernt hat, sie einzusetzen.

Abgeschlossen ist diese Debatte nicht. Diskutiert wird weiterhin, wie viel Gewicht die Artillerie hatte, wie viel das Versagen der französischen Führung und wie viel die deutsche Organisation von Aufmarsch und Eisenbahn. Unstrittig ist, dass die Erklärung nicht in einem einzelnen Gerät liegt. Ebenso unstrittig sind die Folgen: Mit Sedan endete das französische Kaiserreich, und das Gleichgewicht, das Europa seit dem Wiener Kongress getragen hatte, verschob sich mit der deutschen Reichsgründung 1871 endgültig.

Was sich nicht belegen lässt

Zwei Bilder gehören fest zur Erzählung von Sedan und sind trotzdem nur Überlieferung. König Wilhelm I. soll beim Anblick der Reiterangriffe bei Floing ausgerufen haben, wie tapfer diese Männer seien. Zeitgenössisch gesichert ist dieser Ausruf nicht. Genauso verhält es sich mit der Deutung, Napoleon III. habe bei seinen Ritten durch das Feuer bewusst den Tod gesucht. Zeitzeugen berichten davon, beweisen lässt es sich nicht. Erzählenswert sind beide Bilder, aber eben als das, was sie sind.

Weiterlesen: Sedan war nicht die erste Katastrophe, die mit dem Namen Napoleon verbunden ist. 55 Jahre davor verlor sein Onkel die Entscheidungsschlacht seines Lebens. Warum, erfahrt ihr im Beitrag Warum Napoleon 1815 bei Waterloo verlor.

Quellen

  • Michael Howard: The Franco-Prussian War. The German Invasion of France 1870–1871. London 1961 (zahlreiche Neuauflagen)
  • Geoffrey Wawro: The Franco-Prussian War. The German Conquest of France in 1870–1871. Cambridge University Press 2003
  • Dennis E. Showalter: Railroads and Rifles. Soldiers, Technology and the Unification of Germany. Hamden 1975
  • Deutsches Historisches Museum, LeMO: Rückblick — Die Schlacht bei Sedan 1870, https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/die-schlacht-bei-sedan-1870.html
  • Deutsches Historisches Museum, LeMO: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/reich/krieg1870

Häufige Fragen

Warum verlor Frankreich die Schlacht bei Sedan 1870?

Weil die deutsche Artillerie die Höhen rund um Sedan besetzte und die französische Armee in der Senke beschoss, auf eine Entfernung, die das Chassepot mit seinen zwölfhundert Metern nicht erreichte. Dazu wechselte an diesem Tag dreimal der Oberbefehl, und Befehle wurden widerrufen. Am Abend war die Armee von Châlons eingeschlossen.

Was war besser, das Chassepot oder das Zündnadelgewehr?

Das Chassepot. Es verschoss ein schlankes Geschoss von elf Millimetern und war bis zwölfhundert Meter eingerichtet, das preußische Zündnadelgewehr nach dem System Dreyse mit rund fünfzehn Millimetern nur auf etwa sechshundert Meter. In den Grenzschlachten im August 1870 machte sich das deutlich bemerkbar, bei Sedan nicht mehr.

Wie viele Soldaten gerieten bei Sedan in Gefangenschaft?

Rund hunderttausend Franzosen. Etwa einundzwanzigtausend gerieten schon während der Schlacht am 1. September in Gefangenschaft, weitere rund dreiundachtzigtausend mit der Kapitulation am 2. September. Unter ihnen war Kaiser Napoleon III.

Wer führte die französische Armee bei Sedan?

Zuerst Marschall Patrice de Mac-Mahon, der in den ersten Stunden des 1. September verwundet wurde. Danach übernahm General Auguste Ducrot, kurz darauf General Emmanuel de Wimpffen, der ein Schreiben aus Paris vorlegte. Am späten Nachmittag ließ Napoleon III. gegen den Willen von Wimpffen die weiße Flagge hissen.

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