Wie die Kolonialreiche im 20. Jahrhundert zerfielen

Beitragsbild Dekolonisierung

Eine Weltordnung verschwindet

Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, lebte fast ein Drittel der Menschheit in Gebieten, die von einer fremden Macht regiert wurden, den Kolonialreichen. Die Vereinten Nationen bezifferten diese Gruppe später auf rund 750 Millionen Menschen. Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Belgien und Portugal kontrollierten große Teile Afrikas und Asiens; die Entscheidungen über Steuern, Gesetze und Verwaltung fielen in London, Paris oder Den Haag.

Drei Jahrzehnte später war diese Ordnung verschwunden. Mehr als 80 ehemalige Kolonien wurden nach Angaben der UNO seit 1945 unabhängig. Die Organisation selbst wuchs von 51 Gründungsmitgliedern auf über 140 im Jahr 1975 – der größte Teil dieses Zuwachses kam aus Asien, Afrika und der Karibik.

Der Begriff für diesen Vorgang lautet Dekolonisation. Er beschreibt keinen einzelnen Beschluss, sondern eine Kette von Verhandlungen, Aufständen, Kriegen und Machtverschiebungen, die sich über rund dreißig Jahre zog und in jeder Region anders verlief.

Dieses Thema gibt es auch als Video. Hier im Artikel gehen wir über das Video hinaus und tauchen in mehr Details ein.

Warum die Imperien schwach wurden

Die Schwäche der Kolonialmächte begann lange vor 1945. Bereits im Ersten Weltkrieg griffen Großbritannien und Frankreich massiv auf ihre Kolonien zurück. Insgesamt dienten rund 2,2 Millionen Männer aus Indien, Afrika und Südostasien in den britischen und französischen Armeen; etwa 650.000 koloniale Soldaten wurden auf europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Allein Britisch-Indien stellte über eine Million Männer als Soldaten und Hilfskräfte, Frankreich rekrutierte zwischen 1914 und 1918 knapp 500.000 Männer in seinen Kolonien, darunter 166.000 aus Westafrika und 140.000 aus Algerien. Ein erheblicher Teil wurde zwangsrekrutiert.

Diese Männer erlebten die europäischen Mächte aus der Nähe – verwundbar, zerstritten, abhängig von fremder Hilfe. Nach 1918 forderten viele von ihnen politische Rechte ein. Der senegalesische Abgeordnete Blaise Diagne hatte die Rekrutierung in Westafrika ausdrücklich mit dem Versprechen späterer Gleichstellung betrieben. Eingelöst wurde es nicht. Aus dieser Enttäuschung entstanden in Indien, Nordafrika und Westafrika die ersten organisierten Unabhängigkeitsbewegungen.

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärfte die Lage. Kolonien waren fast ausschließlich als Rohstofflieferanten aufgebaut; als die Preise für Kakao, Kautschuk oder Erze einbrachen, traf das die Kolonialwirtschaften ohne Puffer.

Der Zweite Weltkrieg beendete dann die letzte Gewissheit. Frankreich wurde 1940 von Deutschland besiegt. In Südostasien besetzte Japan 1941/42 binnen weniger Monate Britisch-Malaya, Singapur, Birma, die Philippinen und Niederländisch-Indien. Französisch-Indochina stand seit 1940 unter japanischer Kontrolle, wurde aber bis März 1945 formal weiter von der französischen Kolonialverwaltung geführt. Für die Bevölkerung dieser Gebiete war die Botschaft dieselbe: Die europäische Herrschaft war militärisch zu brechen.

Kolonialreiche Zeitleiste der Dekolonisation von 1945 bis 1975 mit elf Stationen, von der Gründung der UNO bis zur Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien 1975.

Asien geht voran

Der erste große Bruch kam in Südasien. Am 15. August 1947 wurde Britisch-Indien unabhängig – und zugleich entlang religiöser Linien in Indien und Pakistan geteilt. Zwischen 12 und 20 Millionen Menschen verließen ihre Heimat. Wie viele in der begleitenden Gewalt starben, ist bis heute umstritten: Die Schätzungen der Forschung reichen von 200.000 bis zu zwei Millionen, häufig genannt wird eine Größenordnung von etwa einer Million.

In Südostasien lief es anders. Indonesien erklärte bereits am 17. August 1945 seine Unabhängigkeit, die Niederlande erkannten sie aber erst nach vier Jahren Krieg und internationalem Druck am 27. Dezember 1949 an. Ceylon, das heutige Sri Lanka, wurde dagegen am 4. Februar 1948 ohne größeren Konflikt unabhängig.

1960: Das Jahr, das die Karte veränderte

In Afrika begann die Ablösung später – und dann sehr schnell. Der erste Staat war nicht Ghana, sondern Libyen, das am 24. Dezember 1951 als erstes Land überhaupt unter Aufsicht der Vereinten Nationen in die Unabhängigkeit entlassen wurde. 1956 folgten Sudan, Marokko und Tunesien. Ghana wurde am 6. März 1957 unabhängig – als erste Kolonie südlich der Sahara. Der Regierungschef Kwame Nkrumah machte daraus ein gesamtafrikanisches Signal.

Den Höhepunkt markierte das Jahr 1960: 17 afrikanische Kolonien wurden staatlich unabhängig, darunter 14 französische, dazu Nigeria von Großbritannien, der Kongo von Belgien und Somalia aus britischem und italienischem Gebiet. Der Begriff „Afrikanisches Jahr“ stammt aus dieser Zeit. Im Dezember 1960 verabschiedete die UN-Generalversammlung zudem die Resolution 1514, die ein schnelles Ende der Kolonialherrschaft forderte.

Kolonialreiche: Balkendiagramm der Zahl afrikanischer Staaten, die zwischen 1951 und 1975 unabhängig wurden, mit einem deutlichen Ausschlag von 17 Staaten im Jahr 1960.

Der britische Premierminister Harold Macmillan prägte dafür die bekannteste Formel. Seine „Wind of Change“-Rede hielt er am 3. Februar 1960 vor dem südafrikanischen Parlament in Kapstadt – wenige Wochen zuvor hatte er denselben Text bereits in Accra vorgetragen, wo er kaum beachtet wurde. Die Rede stand also am Anfang des Jahres 1960, nicht an seinem Ende: Sie war Ankündigung, nicht Bilanz.

Zahlenkasten

Menschen in abhängigen Gebieten 1945rund 750 Millionen
Ehemalige Kolonien, die seit 1945 unabhängig wurdenmehr als 80
Afrikanische Staaten, die 1960 unabhängig wurden17
UN-Mitglieder 1945 / 197551 / über 140
Gebiete, die die UNO heute noch als nicht selbstverwaltet führt17

Der Kalte Krieg zieht ein

Die neuen Staaten entstanden nicht in einem leeren Raum. Ab 1947 stand sich in den USA und der Sowjetunion ein Blockgegensatz gegenüber, der jede lokale Auseinandersetzung in eine globale übersetzte. Beide Seiten boten Kredite, Waffen und Ausbildung an – und erwarteten politische Gefolgschaft.

Wie sehr sich das Kräfteverhältnis verschoben hatte, zeigte die Suezkrise 1956. Nachdem Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser den Suezkanal am 26. Juli 1956 verstaatlicht hatte, griffen Großbritannien und Frankreich gemeinsam mit Israel militärisch ein. Militärisch waren sie erfolgreich. Politisch nicht: Die USA setzten London finanziell unter Druck, die Sowjetunion drohte offen, und beide Mächte erzwangen den Rückzug. Die Krise gilt in der Forschung als Zäsur, weil sie öffentlich sichtbar machte, dass europäische Kolonialmächte ohne Rückendeckung einer Supermacht nicht mehr handlungsfähig waren.

Ein Teil der neuen Staaten versuchte daraufhin, sich beiden Blöcken zu entziehen. 1961 trafen sich in Belgrad Vertreter von 25 Staaten zur ersten Konferenz der Blockfreien Bewegung, angestoßen unter anderem von Indien, Ägypten und Jugoslawien. Der Anspruch war Unabhängigkeit von beiden Lagern – ökonomisch blieben die meisten Mitglieder allerdings auf Kredite und Absatzmärkte der Industriestaaten angewiesen.

Was von der Kolonialzeit blieb

Mit der Unabhängigkeit endete die Fremdherrschaft, nicht ihre Struktur. Drei Erblasten wirken bis heute nach.

Grenzen. Die meisten afrikanischen Staatsgrenzen gehen auf europäische Absprachen des späten 19. Jahrhunderts zurück, die Sprach- und Siedlungsräume ignorierten. Die Organisation für Afrikanische Einheit entschied sich 1964 bewusst dafür, diese Grenzen beizubehalten – aus Sorge, jede Korrektur würde eine Kette von Ansprüchen auslösen. In Südasien schuf die Teilung von 1947 mit Kaschmir einen Konflikt, der bis heute ungelöst ist.

Verwaltung. Viele junge Staaten übernahmen Behörden, Armeen und Gesetze der Kolonialzeit weitgehend unverändert. Diese Apparate waren auf Kontrolle ausgelegt, nicht auf Repräsentation. In mehreren Ländern erleichterte das den Weg zu Einparteienherrschaft und Militärregierungen.

Wirtschaft. Die Kolonialwirtschaften waren auf den Export weniger Rohstoffe zugeschnitten – Kakao, Kupfer, Erdöl, Erdnüsse. Weiterverarbeitung fand in Europa statt. Wer nur einen Rohstoff verkauft, ist dem Weltmarktpreis ausgeliefert; dieses Muster überlebte die Unabhängigkeit in vielen Fällen um Jahrzehnte.

Raster aus 54 Quadraten für die 54 afrikanischen Staaten; 45 davon sind hervorgehoben und stehen für Länder, die mehr als 60 Prozent ihrer Warenexporte mit Rohstoffen erzielen

Was die Forschung heute diskutiert

Der Begriff „Dekolonisation“ suggeriert einen abgeschlossenen Vorgang. Historikerinnen und Historiker streiten darüber, ob das trägt.

Umstritten ist erstens die Gewichtung: Wurden die Kolonialreiche vor allem von innen erkämpft – durch Streiks, Parteien und bewaffnete Bewegungen – oder von außen aufgegeben, weil Imperien sich nach 1945 schlicht nicht mehr rechneten? Die Antwort fällt je nach Region verschieden aus: Algerien und Vietnam kämpften jahrelang, andere Gebiete wurden in Verhandlungen entlassen.

Zweitens ist der Endpunkt offen. Die UNO führt bis heute 17 Gebiete als nicht selbstverwaltet, darunter die Westsahara. Und selbst formal unabhängige Staaten blieben über Währungsbindungen, Militärabkommen und Schulden eng an die früheren Metropolen gebunden – ein Zusammenhang, der seit den 1960er-Jahren unter dem Begriff Neokolonialismus diskutiert wird, den Kwame Nkrumah selbst prägte.

Drittens wird die Zählung diskutiert. Ob ein Gebiet als „neuer Staat“ gilt, hängt davon ab, wie man Fälle wie Sansibar behandelt, das 1963 unabhängig wurde und 1964 in Tansania aufging. Zahlen zur Dekolonisation sind deshalb nie exakt, sondern immer Ergebnis einer Abgrenzung.

Weiterlesen: Auch Zypern wurde 1960 unabhängig, nach einem bewaffneten Kampf gegen die britische Kolonialmacht. Warum die Insel trotzdem bis heute geteilt ist, erfahrt ihr im Beitrag Warum Zypern geteilt ist.

Quellen

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