Sissi – Gefangen im Glanz der Krone

Beitragsbild Sissi Gefangen im Glanz der Krone

Eine Kaiserin, die es zweimal gibt

Kaum eine Figur der österreichischen Geschichte existiert in so widersprüchlichen Fassungen wie Elisabeth – Sissi – von Österreich-Ungarn. Auf der einen Seite steht die Kinofigur der 1950er-Jahre, auf der anderen eine Frau, deren eigene Aufzeichnungen erst 1984 zugänglich wurden – und die darin über die Dynastie schrieb, in die sie eingeheiratet hatte, mit einer Schärfe, die im Wien des 19. Jahrhunderts unveröffentlichbar gewesen wäre.

Zwischen diesen beiden Fassungen liegt ein Quellenproblem. Vieles, was über Elisabeth erzählt wird, stammt aus Memoiren von Hofdamen, aus der Erinnerungsliteratur ihrer Töchter und aus der populären Biographik des 20. Jahrhunderts. Erst die Arbeit der Historikerin Brigitte Hamann, die Anfang der 1980er-Jahre bis dahin gesperrte Bestände auswertete, hat daraus eine belastbare Grundlage gemacht. Dieser Artikel ordnet die bekannten Stationen entlang der überprüfbaren Daten – und benennt, wo die Forschung bis heute streitet.

Possenhofen und die Rechnung des Wiener Hofes

Elisabeth kam am 24. Dezember 1837 in München zur Welt, als viertes von zehn Kindern des Herzogs Maximilian Joseph in Bayern und der Prinzessin Ludovika. Die Familie gehörte einer herzoglichen Nebenlinie des Hauses Wittelsbach an und hatte am königlich-bayerischen Hof keine festen Repräsentationspflichten. Diese Randstellung erklärt die vielzitierte unbeschwerte Kindheit zwischen dem Herzog-Max-Palais in München und Schloss Possenhofen am Starnberger See besser als jede Charakterbeschreibung der Eltern: Wer nicht repräsentieren muss, muss auch nicht erzogen werden, um zu repräsentieren.

Genau das wurde 1853 zum Problem. Die Zusammenführung in Bad Ischl war eine dynastische Planung von Erzherzogin Sophie, der Mutter des Kaisers und Schwester Ludovikas; vorgesehen war die ältere Schwester Helene. Dass Franz Joseph sich stattdessen für die fünfzehnjährige Elisabeth entschied, kippte eine Personalentscheidung, nicht das Zeremoniell. Die Braut wurde in wenigen Monaten auf eine Rolle vorbereitet, für die andere Jahrzehnte Zeit hatten. Die Hochzeit fand am 24. April 1854 in der Wiener Augustinerkirche statt.

Sissi reitet ein Pferd in rotem Kleid

Die Flucht, die als Krankheit deklariert wurde

Die Jahre 1855 bis 1858 brachten drei Kinder: Sophie, Gisela und den Thronfolger Rudolf. Am 29. Mai 1857 starb die knapp zweijährige Sophie während einer Ungarnreise in Ofen. Der Hof entzog Elisabeth die Erziehung der überlebenden Kinder weitgehend – ein Konflikt, der bis 1865 andauerte.

Ab 1860 folgte die Phase, die das Video weiter unten zusammenfasst und die in der Chronologie häufig verkürzt wird. Der Ablauf im Detail: Im November 1860 reiste Elisabeth mit der Diagnose einer Lungenerkrankung nach Madeira und blieb bis April 1861. Am 18. Mai 1861 betrat sie in Miramare wieder österreichischen Boden. Wenige Wochen später folgte der Rückfall und ein rund viermonatiger Aufenthalt auf Korfu, danach Venedig, wohin Franz Joseph die Kinder Gisela und Rudolf bringen ließ, um die Rückkehr zu befördern. Es folgten Reichenau an der Rax, Bad Kissingen und Possenhofen. Erst am 18. August 1862 kehrte sie dauerhaft nach Wien zurück – nicht 1861. Zwischen Abreise und Heimkehr lagen fast zwei Jahre.

Balkendiagramm der Luftlinienentfernungen von Wien zu Elisabeths Aufenthaltsorten, von Bad Ischl mit 212 Kilometern bis Funchal auf Madeira mit 3268 Kilometern

Ob die Atemwegserkrankung real war, ist bis heute umstritten. Der Bad Kissinger Arzt Fischer stellte 1862 eine Besserung des Lungenbefunds fest, gleichzeitig aber Blutarmut infolge unzureichender Nahrungsaufnahme und eine schlechte seelische Verfassung. Am Wiener Hof zweifelte man offen an der Krankengeschichte. Die Forschung wertet die Reisen überwiegend als Ausbruch aus einer Rolle, für den die medizinische Indikation den zulässigen Vorwand lieferte – ein Muster, das Elisabeth den Rest ihres Lebens beibehielt.

Ungarn 1867: der einzige politische Auftritt

Elisabeths Einsatz für den Ausgleich mit Ungarn ist der einzige Vorgang, bei dem sie nachweislich politisch eingriff. Ihre Mittel waren Sprache und Personal: Ungarisch lernte sie bis zur Perfektion, ab 1864 war die Ungarin Ida von Ferenczy ihre Vorleserin und engste Vertraute, später kamen ungarische Hofdamen wie Marie Festetics hinzu, die in Wien isoliert blieben. Sie vermittelte zwischen Franz Joseph und den ungarischen Verhandlungsführern Gyula Andrássy und Ferenc Deák.

Der eigentliche Auslöser des Ausgleichs war jedoch militärisch: Nach der Niederlage von Königgrätz 1866 und dem Ausschluss aus dem Deutschen Bund war Franz Josephs Position so geschwächt, dass ein Kompromiss unvermeidlich wurde. Wie groß Elisabeths Anteil daran tatsächlich war, ist in der Forschung umstritten – zwischen „maßgeblich“ und „katalysierend, aber nicht entscheidend“ liegt die gesamte Bandbreite.

Am 8. Juni 1867 wurden Franz Joseph und Elisabeth in der Matthiaskirche gekrönt. Die Kirche steht in Buda (Ofen); die Stadt Budapest entstand erst 1873 aus der Vereinigung von Buda, Óbuda und Pest. Als Krönungsgeschenk erhielt das Paar Schloss Gödöllő, das Elisabeth in den folgenden Jahrzehnten häufiger aufsuchte als die Hofburg. Am 22. April 1868 kam in Ofen Marie Valerie zur Welt.

Das zugehörige Video auf dem Kanal erzählt diese Jahre als durchgehende Lebensgeschichte und zeigt die Schauplätze in Bild und Ton – der Artikel ergänzt dazu die Datenlage und den Forschungsstand.

Der Körper als Programm

Nach 1867 verlagerte sich Elisabeths Energie fast vollständig auf die Kontrolle des eigenen Körpers. Die Zahlen sind aus der Hofüberlieferung gut dokumentiert: Bei 172 Zentimetern Körpergröße – für eine Frau ihrer Zeit außergewöhnlich groß – überschritt sie 50 Kilogramm praktisch nie. Das Gewicht wurde bis zu dreimal täglich kontrolliert und protokolliert, ebenso der Umfang von Taille, Schenkeln und Waden. Bei einer Untersuchung 1897 in Territet am Genfersee wog sie 46 Kilogramm. In jedem ihrer Wohnsitze ließ sie Turnzimmer mit Ringen, Reck und Hanteln einrichten; stundenlange Gewaltmärsche gehörten zur Tagesroutine.

Aus heutiger medizinischer Sicht wird dieses Verhalten überwiegend als Essstörung mit depressiven Phasen gedeutet. Diese Einordnung ist eine Rückprojektion moderner Diagnosekriterien auf historische Quellen und entsprechend umstritten – unbestritten ist der massive Widerspruch zwischen dem zeitgenössischen Schönheitsruhm und dem körperlichen Befund.

Parallel dazu entstanden zwei Rückzugsorte. Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten ließ Franz Joseph von 1882 bis 1886 errichten, ausdrücklich in der Hoffnung, seine Frau häufiger in Wien zu halten; der Plan scheiterte. Das Achilleion auf Korfu, nach einem Entwurf der Neapolitaner Architekten Raffaele Carito und Antonio Landi, entstand erst 1889 bis 1891 – also nach dem Tod Rudolfs, nicht in den Erfolgsjahren nach 1867. Bereits 1893 erwog Elisabeth den Verkauf.

Das Testament an die „Zukunfts-Seelen“

Der bemerkenswerteste Teil ihres Nachlasses kam erst im späten 20. Jahrhundert ans Licht – und er ist der Grund, warum die Elisabeth-Forschung seit den 1980er-Jahren anders aussieht als davor.

Elisabeth schrieb, angeregt durch die rumänische Königin Elisabeth zu Wied („Carmen Sylva“), ein umfangreiches poetisches Tagebuch in der Nachfolge Heinrich Heines, den sie abgöttisch verehrte. Nach dem Tod Rudolfs 1889 ordnete sie die Texte – „Nordseelieder“, „Winterlieder“ und ein sogenanntes „Drittes Buch“ – und verschloss sie in einer Kassette.

Entscheidend ist, was sie verfügte: Die Schriften sollten nach ihrem Tod nicht in Habsburger Hand bleiben, sondern von ihrem Bruder Karl Theodor in die Schweiz gebracht und dem Schweizer Bundespräsidenten übergeben werden. Veröffentlicht werden sollten sie erst 60 Jahre nach 1890, die Einnahmen zugunsten politisch Verurteilter und ihrer Angehörigen. Der Brief an die Nachwelt beginnt mit der Anrede „Liebe Zukunfts-Seele!“.

Die Freigabe 1950 unterblieb. Erst 1979 erhielt Brigitte Hamann Einsicht; 1984 erschien das rund 400 Seiten starke „Poetische Tagebuch“ im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Auflage der Kaiserin wurde eingehalten: Die Erlöse gingen an das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Österreich. Damit ist Elisabeth die einzige Habsburgerin, deren literarischer Nachlass bewusst der eigenen Dynastie entzogen und einer Republik anvertraut wurde.

Genf, 10. September 1898

Elisabeth reiste privat als „Gräfin von Hohenems“ an den Genfersee. Eine Indiskretion brachte ihren Aufenthalt in die Zeitungen. Der italienische Anarchist Luigi Lucheni, der ursprünglich Prinz Henri Philippe d’Orléans töten wollte und dessen Spur verloren hatte, las davon und wechselte sein Ziel.

Der Ablauf weicht von der populären Erzählung ab. Gegen 13.35 Uhr verließ Elisabeth mit ihrer Hofdame Irma Sztáray das Hotel Beau-Rivage Richtung Schiffsanlegestelle. Lucheni stieß ihr eine dreikantig geschliffene, zum Stilett umgearbeitete Feile in die Brust; die Wunde war rund 85 Millimeter tief und traf den Herzbeutel. Elisabeth stürzte unter der Wucht des Stoßes, stand wieder auf, bedankte sich bei den Helfenden und bestieg das Dampfschiff – sie ging also nicht „einige Schritte“, sondern setzte die Reise fort.

Erst an Bord verlor sie das Bewusstsein. Das Schiff kehrte um. Um 14.40 Uhr starb sie in ihrer Suite im Beau-Rivage, im Alter von 60 Jahren. Die Beisetzung in der Kapuzinergruft erfolgte am 17. September 1898. Die Tatwaffe ist heute im Josephinum in Wien ausgestellt. Lucheni wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und nahm sich 1910 in seiner Zelle das Leben.

Sissi in Genf

Sisi oder Sissi – wie der Mythos entstand

Die geläufige Schreibweise stammt nicht von ihr. Im familiären Umfeld und in ihrer eigenen Signatur erscheint „Sisi“ mit einem s. Die Doppelschreibung „Sissi“ setzte sich durch die Filmtrilogie von Ernst Marischka mit Romy Schneider durch – „Sissi“ (1955), „Sissi – Die junge Kaiserin“ (1956) und „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ (1957).

Diese Filme sind der eigentliche Grund für die Popularität der Figur und zugleich für die hartnäckigsten Irrtümer. Romy Schneider selbst distanzierte sich später von der Rolle. Erst Hamanns Biographie „Elisabeth. Kaiserin wider Willen“ setzte dem populären Bild eine quellenbasierte Fassung entgegen; seither existieren beide Elisabeths nebeneinander – die des Films und die der Akten.

Was die Forschung offenlässt

Drei Fragen sind bis heute nicht abschließend beantwortet. Erstens die medizinische: Wie viel der Lungensymptomatik ab 1860 organisch war und wie viel psychosomatisch beziehungsweise strategisch, lässt sich aus den Hofberichten nicht sicher rekonstruieren. Zweitens die politische: Elisabeths Gewicht beim Ausgleich von 1867 wird je nach Autor zwischen entscheidend und symbolisch veranschlagt. Drittens die kriminalistische: Die Historikerin Anna Maria Sigmund hat 2020 Dokumente vorgelegt, nach denen Lucheni Mitwisser und möglicherweise Hintermänner hatte; die österreichische Gesandtschaft in Bern meldete im September 1898 nach Wien den Verdacht eines Komplotts. Ein Beweis dafür fehlt.

Zeitleiste zu Kaiserin Elisabeth von 1837 bis 1898 mit den Stationen Geburt, Hochzeit, Madeira, Krönung in Buda, Mayerling und Attentat in Genf

Weiterlesen: Bevor der Christbaum im 19. Jahrhundert Wien eroberte, war der Nikolotag der wichtigste Bescherungstermin des Jahres, auch in der kaiserlichen Familie. Wie dieser Brauch an Rang verlor, erfahrt ihr im Beitrag Vergessenes Erbe: Wie Österreich den echten Nikolaus verlor.

Quellen

  1. Brigitte Hamann (Hrsg.): Kaiserin Elisabeth – Das poetische Tagebuch, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1984, ISBN 3-7001-2681-6.
  2. Die Welt der Habsburger (Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.): Elisabeths Wandel und Franz Josephs Krönung zum König von Ungarn – https://www.habsburger.net/de/kapitel/elisabeths-wandel
  3. Sisi Museum Hofburg Wien, Raum 6: Das Attentat – https://www.sisimuseum-hofburg.at/ueber-das-museum/sisi-museum/raeume/raum-6-das-attentat
  4. Wien Geschichte Wiki (Stadt Wien): Elisabeth (Österreich, Kaiserin) – https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Elisabeth_(%C3%96sterreich,_Kaiserin)
  5. Schweizerisches Nationalmuseum, Blog: Sisis Attentäter – https://blog.nationalmuseum.ch/2021/09/sisi-moerder-lucheni/
  6. Wikipedia: Elisabeth von Österreich-Ungarn, Luigi Lucheni, Achilleion (Korfu), Hermesvilla – https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_%C3%96sterreich-Ungarn

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