Geschichte der Ukraine: Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Ein Durchgangsland, kein abgeschlossener Raum

Die Geschichte der Ukraine lässt sich schwer als Geschichte eines Staates erzählen, weil es diesen Staat über weite Strecken nicht gab. Erzählbar ist sie als Geschichte eines Raumes: der Steppe und Waldsteppe nördlich des Schwarzen Meeres, über die Reiternomaden, Händler, Ordensritter, Imperien und Armeen zogen, und in dem sich trotzdem eine eigene Sprache, Religionspraxis und politische Tradition hielt.

Die ersten namentlich fassbaren Bewohner sind die Skythen. Die Forschung datiert ihr Auftreten im Nordschwarzmeerraum auf das frühe 7. Jahrhundert v. Chr.; Radiokarbondaten aus südsibirischen Gräbern stützen diese Einordnung, die früher um rund zwei Jahrhunderte jünger angesetzt wurde. Die Skythen hinterließen keine eigenen Schriftquellen. Alles, was über sie bekannt ist, stammt aus Bodenfunden und aus fremden Berichten, vor allem von Herodot – ein Punkt, der bei populären Darstellungen oft untergeht. Zwischen dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. wurden sie von den kulturell verwandten Sarmaten verdrängt und aufgesogen; Reste hielten sich auf der Krim bis ins 3. Jahrhundert n. Chr.

Zeitleiste mit 18 Meilensteinen der ukrainischen Geschichte von 700 v. Chr. bis 2022

Die Rus: ein Reich, zwei Erinnerungen

Ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstand entlang der Flusswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer das Reich der Rus, seit 862 von der Dynastie der Rjurikiden beherrscht. Es war kein Nationalstaat, sondern ein Verbund von Teilfürstentümern mit ostslawischer, baltischer, finno-ugrischer und turksprachiger Bevölkerung. 988 nahm Großfürst Wolodymyr I. das Christentum byzantinischer Prägung an und erklärte es zur Staatsreligion – ein Schritt, der Handel, Schrift und Recht neu ausrichtete, aber nicht über Nacht die Bevölkerung christianisierte.

Bei der Größe Kyjiws lohnt Vorsicht. Verbreitete Angaben von 100.000 Einwohnern im 11. Jahrhundert gehören zum oberen Rand der Schätzungen; gängiger sind rund 50.000. Für vormoderne Städte gibt es keine Zählungen, sondern Hochrechnungen aus bebauter Fläche, Kirchenzahl und Chronikangaben. Als Orientierung für die Bedeutung der Stadt taugt die Zahl – als harte Größe nicht. Gesichert ist eher die Gesamtgrößenordnung des Reiches: Schätzungen gehen für die Spätzeit von rund 7,5 Millionen Menschen aus, davon etwa eine Million in den rund 340 aus Chroniken bekannten Städten.

Der Zerfall begann lange vor den Mongolen. Erbfolgekämpfe zwischen den Teilfürsten und Einfälle von Steppenvölkern schwächten Kyjiw bereits im 11. und 12. Jahrhundert; die Eroberung von 1240 traf ein längst zersplittertes Gebilde. Bemerkenswert ist, was aus diesem Erbe später wurde: Die Rus ist der Gründungsbezug zweier konkurrierender Nationalerzählungen. Die ukrainische Unabhängigkeitserklärung von 1991 berief sich auf eine „tausendjährige Staatlichkeit“, während die russische Geschichtspolitik dieselbe Epoche als gemeinsamen Ursprung beansprucht. Der Streit um die Kiewer Rus ist deshalb kein akademisches Detail, sondern Teil der politischen Auseinandersetzung bis heute.

Zwischen Wilna, Krakau und der Steppe

Nach dem Zerfall der Rus fielen die meisten ukrainischen Gebiete an das Großfürstentum Litauen. Mit der Union von Lublin 1569 gingen sie an die polnische Krone über; es entstand die polnisch-litauische Adelsrepublik, die bis zu den Teilungen 1772 bis 1795 bestand. Die Kirchenunion von Brest 1596, die Teile der orthodoxen Kirche dem Papst unterstellte, spaltete die geistliche Landschaft dauerhaft und verschärfte den Konflikt zwischen polnisch-katholischer Elite und orthodoxer Bevölkerung.

In diesem Grenzraum entstand das Kosakentum: entlaufene Bauern, Grenzkrieger und verarmte Adlige, die sich jenseits der Dnipro-Stromschnellen niederließen. Ihr Zentrum, die Saporoger Sitsch, entstand um 1556 auf der Insel Chortyzja. Die Kosaken waren militärisch nützlich – sie schützten die Südgrenze gegen Krimtataren und Osmanen – und politisch unbequem, weil sie eigene Wahl- und Rechtstraditionen pflegten.

Das Hetmanat: ein Staat auf Zeit

Hier ist eine oft wiederholte Angabe zu korrigieren: Der Kosakenstaat entstand nicht im 16. Jahrhundert. Auslöser war der Aufstand Bohdan Chmelnyzkyjs ab 1648; rechtlich anerkannt wurde das Hetmanat im Vertrag von Sboriw 1649. Die Eigenbezeichnung in den Quellen lautete „Heer der Saporoger Kosaken“ – die Einstufung als „Staat“ ist eine spätere, vor allem ukrainische Deutung.

1654 unterstellte sich das Hetmanat in Perejaslaw dem Schutz des Moskauer Zaren. Auch dieser Vertrag wird bis heute gegensätzlich gelesen: als befristetes Militärbündnis eines autonomen Gemeinwesens oder als Beginn einer „Wiedervereinigung“. Praktisch folgte daraus ein dreizehnjähriger russisch-polnischer Krieg. Sein Ergebnis, der Waffenstillstand von Andrussowo 1667, zerschnitt das Hetmanat entlang des Dnipro: Das linke (östliche) Ufer samt Kyjiw kam unter russische Oberherrschaft, das rechte Ufer blieb bei Polen-Litauen. Die Jahrzehnte danach gingen als „Ruin“ in die ukrainische Historiografie ein. 1764 wurde das Amt des Hetmans abgeschafft, das Hetmanat ging im Russischen Reich auf.

Zwei Imperien, zwei Entwicklungswege

Im 18. Jahrhundert wurde der Raum erneut aufgeteilt – und hier enthält die verbreitete Erzählung einen klaren Fehler. Galizien ist nicht die „rechtsufrige Ukraine“. Die rechtsufrige Ukraine liegt westlich des Dnipro und fiel 1793 in der Zweiten Teilung Polens an Russland. Galizien dagegen kam bereits 1772 in der Ersten Teilung an Österreich, 1775 folgte die Bukowina; Transkarpatien gehörte ohnehin zum Habsburgerreich. Die Krim annektierte Russland 1783.

Schematische Karte der Ukraine um 1800 mit habsburgischem Westen, russischem Rest und der Teilungslinie von 1667 am Dnipro

Die Folgen dieser Grenzziehung waren tiefgreifend. Im Russischen Reich wurde die ukrainische Sprache administrativ bekämpft: 1863 untersagte das Zirkular von Innenminister Pjotr Walujew Schulbücher und religiöse Schriften auf Ukrainisch – mit der berüchtigten Begründung, diese Sprache habe es nie gegeben und könne es nicht geben. Der Emser Erlass, den Zar Alexander II. am 30. Mai 1876 während eines Kuraufenthalts in Bad Ems unterzeichnete, verschärfte das Verbot auf Druck, Einfuhr und Aufführung ukrainischsprachiger Werke.

In der Habsburgermonarchie galt anderes Recht. Hier konnten ukrainische Vereine, Zeitungen und Parteien legal arbeiten. 1868 gründeten 65 Delegierte in Lemberg die Bildungsgesellschaft Prosvita, die bis 1913 auf 77 Zweigvereine und rund 2.600 Lesesäle wuchs. Genau deshalb galt Galizien Zeitgenossen als „ukrainisches Piemont“: Die Nationalbewegung entwickelte sich dort weiter, wo das Imperium schwächer zensierte – nicht dort, wo die Bevölkerung größer war. Beide Gebiete blieben umkämpft: In Galizien standen ukrainische Bauern einer polnischen Grundbesitzerschicht gegenüber, in der Bukowina einer rumänischen.

Der kurze Staat: 1917 bis 1921

Mit dem Zusammenbruch der Monarchien entstanden 1917/18 gleich mehrere ukrainische Staatsbildungen – die Ukrainische Volksrepublik in Kyjiw, ein deutsch gestütztes Hetmanat unter Pawlo Skoropadskyj, die Westukrainische Volksrepublik in Lemberg. Sie scheiterten an der Gleichzeitigkeit von Bürgerkrieg, sowjetischer Intervention, polnischem Anspruch auf Galizien und fehlender internationaler Unterstützung. Der Großteil des Landes wurde als Ukrainische SSR Teil der 1922 gegründeten Sowjetunion, Galizien und Wolhynien fielen an Polen.

Zu diesem Abschnitt und zur gesamten Entwicklung gibt es auf dem Kanal „Geschichten der Welt“ ein Video, das die Ereignisse in Bildern und Karten erzählt und den Bogen chronologisch schlägt.

Holodomor: Was die Zahlen hergeben

Die Hungerkatastrophe von 1932/33 ist der am besten quantifizierte und zugleich am heftigsten umstrittene Abschnitt. Ausgelöst wurde sie durch Zwangskollektivierung, überhöhte Ablieferungssolls, Strafrequirierungen und die Abriegelung ganzer Dörfer über sogenannte Schwarze Listen.

Balkendiagramm mit Opferschätzungen zum Holodomor zwischen 2,6 und 5 Millionen Menschen

Die derzeit methodisch solideste Schätzung stammt von Demografinnen und Demografen des Ptoukha-Instituts in Kyjiw und der University of North Carolina. Sie rekonstruierten die Bevölkerung zwischen den Volkszählungen von 1926 und 1939 und kommen auf 3,9 Millionen zusätzliche Todesfälle für 1932 bis 1934 sowie 0,6 Millionen ausgefallene Geburten, zusammen rund 4,5 Millionen Verluste. 90 Prozent der Todesfälle entfielen auf 1933, 3,6 Millionen auf die Landbevölkerung. Aus demografischen Daten abgeleitete Schätzungen liegen insgesamt zwischen 2,6 und 5 Millionen; Angaben von 10 Millionen stützen sich laut derselben Studie auf anekdotische Belege und gelten als nicht haltbar.

Die Einordnung als Völkermord ist eine rechtlich-politische, keine rein demografische Frage. Der Deutsche Bundestag nahm 2022 einen Antrag an, der eine „historisch-politische Einordnung als Völkermord“ nahelegt; das Europäische Parlament beschloss im selben Jahr eine entsprechende Resolution. In der Forschung ist unstrittig, dass die Hungersnot menschengemacht war; umstritten bleibt, ob die Absicht auf die Vernichtung der Ukrainer als Gruppe gerichtet war oder ob die Katastrophe primär aus Kollektivierung und Getreideexportpolitik folgte.

Krieg, Besatzung, Sowjetukraine

Von 1941 bis 1944 stand die Ukraine unter deutscher Besatzung. Von etwa 2,7 Millionen ukrainischen Jüdinnen und Juden wurden rund 1,5 Millionen ermordet, der größte Teil erschossen – ein Muster, das als „Holocaust durch Kugeln“ bezeichnet wird. Allein am 29. und 30. September 1941 töteten Einsatzgruppen in der Schlucht Babyn Jar bei Kyjiw 33.771 Menschen. Forschende gehen von mehr als 5.000 Erschießungsorten auf ukrainischem Gebiet aus. An den Verbrechen waren neben deutschen Einheiten auch einheimische Hilfspolizisten beteiligt; zugleich retteten Geistliche verschiedener Konfessionen Verfolgte.

Nach 1945 verschoben sich die Grenzen erneut: Galizien, Wolhynien, die Nordbukowina und Transkarpatien kamen zur Sowjetukraine, es folgten Zwangsumsiedlungen und Deportationen. Erst die Lockerung sowjetischer Kontrolle unter Michail Gorbatschow eröffnete politischen Spielraum. Am 24. August 1991 erklärte das Parlament die Unabhängigkeit; ein Referendum am 1. Dezember 1991 bestätigte sie mit rund 90 Prozent Zustimmung.

Die Gegenwart – und eine Zahl, die veraltet ist

2004 erzwang die Orange Revolution die Wiederholung einer manipulierten Präsidentenwahl, 2014 stürzte die Revolution der Würde Präsident Wiktor Janukowytsch. Im selben Jahr annektierte Russland die Krim und unterstützte bewaffnete Gruppen im Donbas.

Hier steht in vielen älteren Texten eine Zahl, die heute irreführend ist: rund 14.000 Tote. Sie bezieht sich auf den Donbas-Konflikt von 2014 bis Anfang 2022 und schließt Kombattanten beider Seiten ein. Seit dem russischen Großangriff vom Februar 2022 liegen die Größenordnungen deutlich höher: Das UN-Menschenrechtsbüro hat bis 2026 über 15.000 getötete und mehr als 40.000 verletzte Zivilistinnen und Zivilisten bestätigt und betont, die tatsächlichen Zahlen lägen erheblich höher, weil Angaben aus umkämpften Gebieten verzögert eintreffen. Für die militärischen Verluste beider Seiten kursieren Schätzungen von mehr als 250.000 Gefallenen bis Anfang 2026; belastbare offizielle Zahlen gibt es nicht.

Offene Fragen

Vieles bleibt strittig, und das gehört zu einer ehrlichen Darstellung: die Bevölkerungszahlen der Rus, die Reichweite des Vertrags von Perejaslaw, die juristische Bewertung des Holodomor, die Frage, wie stark eine ukrainische Identität schon im 17. Jahrhundert ausgeprägt war und wie sehr sie im 19. Jahrhundert erst gemacht wurde. Was sich gut belegen lässt, ist ein Muster: Ukrainische Eigenstaatlichkeit entstand mehrfach – 1649, 1917, 1991 – und wurde zweimal von außen beendet. Der Verweis darauf, dass sich die Ukraine „schon einmal von Russland gelöst“ habe, taugt deshalb als Hoffnung, nicht als historische Prognose.

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Quellen

  1. Omelian Rudnytskyi, Nataliia Levchuk, Oleh Wolowyna u. a.: Demography of a Man-Made Human Catastrophe: The Case of Massive Famine in Ukraine 1932–1933, Canadian Studies in Population 42 (2015), S. 53–80. https://journals.library.ualberta.ca/csp/index.php/csp/en/article/view/21772
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Geschichte der Ukraine im Überblick sowie Zeittafel, Informationen zur politischen Bildung. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/209719/geschichte-der-ukraine-im-ueberblick/
  3. Deutscher Bundestag: Antrag „Holodomor in der Ukraine: Erinnern – Gedenken – Mahnen“, Drucksache 20/4681, beschlossen am 30. November 2022. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw48-de-holodomor-923060
  4. Geschichtsportal „Deutschland und die Ukraine im 20. Jahrhundert“: Der Holocaust in der Ukraine 1941–1944. https://www.ukrainianhistoryportal.org/themenmodule/der-zweite-weltkrieg/der-holocaust-in-der-ukraine/
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 80 Jahren: Massaker von Babyn Jar. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/340854/vor-80-jahren-massaker-von-babyn-jar/
  6. Wikipedia (als Übersichtsquelle für Datierungen): Hetmanat, Rechtsufrige Ukraine, Emser Erlass, Skythen. https://de.wikipedia.org/wiki/Hetmanat
  7. UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR), Zahlen zu zivilen Opfern, aufbereitet bei Statista (Stand 2026). https://de.statista.com/themen/8939/russland-ukraine-konflikt/

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