Die Schlacht von Manila 1898 und der Beginn des US-Imperiums

Beitragsbild Schlacht von Manila DE

Ein Morgen, der ein Weltreich beendete

Schlacht von Manila: Am Morgen des 1. Mai 1898 lief ein amerikanisches Geschwader aus sechs Kriegsschiffen in die Bucht von Manila ein und zerstörte innerhalb weniger Stunden die spanische Pazifikflotte. Der militärische Vorgang war unspektakulär, das Ergebnis dagegen folgenschwer: Spanien verlor die Kontrolle über die Philippinen, die Vereinigten Staaten erwarben ihre erste Kolonie jenseits des amerikanischen Kontinents.

Die Schlacht gilt bis heute als eine der einseitigsten Seeschlachten der Neuzeit. Genau diese Einseitigkeit hat allerdings dazu geführt, dass sich um den 1. Mai 1898 eine Erzählung gelegt hat, die mit den Quellen nur teilweise übereinstimmt. Der folgende Text ordnet den Ablauf ein, benennt die belastbaren Zahlen und markiert dort, wo die Forschung bis heute uneins ist.

Der Anlass: die Maine – und was die Forschung heute sagt

Am 15. Februar 1898 explodierte das Schlachtschiff zweiter Klasse USS Maine im Hafen von Havanna. Mehr als 260 Besatzungsmitglieder starben. Die amerikanische Presse machte daraus binnen Tagen einen nationalen Skandal, „Remember the Maine“ wurde zur Parole.

Die Ursache der Explosion ist bis heute nicht abschließend geklärt – und das ist wichtiger, als es klingt, weil die populäre Darstellung meist eine eindeutige Antwort anbietet. Der Stand der Untersuchungen:

  • 1898, Sampson-Untersuchung: Eine Seemine habe die Munitionskammern zur Explosion gebracht.
  • 1911, Vreeland-Kommission: bestätigt im Kern das Minen-Ergebnis, bei abweichender Schadensbeschreibung.
  • 1976, Studie im Auftrag von Admiral Hyman G. Rickover: Das Schadensbild spreche gegen eine äußere Detonation; wahrscheinlichste Ursache sei die Selbstentzündung von Kohle in einem Bunker neben der Munitionskammer.
  • 1998/99, Analyse von Advanced Marine Enterprises für National Geographic: Mit Computersimulation kommt das Team zu dem Schluss, eine Mine erscheine wahrscheinlicher, als zuletzt angenommen wurde.

Die verbreitete Aussage, es sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Kohlebunkerbrand“ gewesen, gibt also den Forschungsstand von 1976 wieder, nicht den von heute. Unstrittig ist dagegen etwas anderes: Ein spanischer Anschlag ergab militärisch keinen Sinn, und Beweise dafür wurden nie vorgelegt. Spanien hatte kein Interesse an einem Krieg, den es kaum gewinnen konnte.

Ebenfalls unstrittig ist, dass der Krieg förmlich erklärt wurde – anders als oft behauptet. Am 21. April brach Spanien die diplomatischen Beziehungen ab, am selben Tag begann die US-Blockade Kubas. Am 23. April erklärte Spanien den Krieg, am 25. April zog der US-Kongress nach und datierte die eigene Kriegserklärung auf den 21. April zurück, um die bereits laufenden Operationen zu decken.

Zwei Flotten, die nicht vergleichbar waren

Das amerikanische Asiengeschwader unter Kommodore George Dewey lag seit Februar in Hongkong. Es bestand aus den geschützten Kreuzern Olympia, Baltimore, Raleigh und Boston sowie den Kanonenbooten Concord und Petrel; hinzu kamen der Zollkutter McCulloch und zwei Versorger, die am Gefecht nicht teilnahmen.

Auf spanischer Seite kommandierte Konteradmiral Patricio Montojo y Pasarón sieben Einheiten, von denen keine über einen Panzerschutz verfügte. Das größte Schiff, die Castilla, war ein Holzrumpfkreuzer ohne funktionierende Antriebswelle und musste geschleppt werden; ihre schwersten Geschütze waren ausgebaut und an Landbatterien abgegeben worden. Auch der Don Antonio de Ulloa fehlten Maschinen und die halbe Bewaffnung.

US-GeschwaderSpanisches Geschwader
Eingesetzte Schiffe67
Gesamtverdrängungrund 19.100 trund 11.300 t
Schwere Geschütze5337
Panzerdecks4 Schiffekeine
Größte EinheitOlympia, 5.870 tCastilla, 3.289 t (antriebslos)

Montojo hatte ursprünglich vorgeschlagen, die Entscheidung vor der Subic-Bucht nordwestlich von Manila zu suchen und deren Zufahrt zu befestigen. Als sich Ende April zeigte, dass weder Minen noch Küstengeschütze rechtzeitig fertig würden und die Castilla Wasser zog, verwarf er den Plan und verlegte die Schiffe zurück. Er ankerte sie bewusst in flachem Wasser bei Cavite – außerhalb der Reichweite der eigenen schweren Küstenartillerie, die das Kräfteverhältnis hätte verbessern können. Sein Kalkül war ein anderes: Manila sollte nicht beschossen werden, und die Besatzungen sollten sich im Fall des Untergangs an Land retten können.

Die Nacht im Südkanal

Die Zufahrt zur Bucht von Manila wird von der Insel Corregidor geteilt. Der übliche, nördliche Weg – Boca Chica – war vermint. Dewey wählte deshalb den südlichen Kanal zwischen den Inseln Caballo und El Fraile, die Boca Grande, und lief dort um Mitternacht des 30. April in die Bucht ein. Zwei Minen detonierten, richteten aber keinen Schaden an: Sie lagen bei der dortigen Wassertiefe weit unter dem Tiefgang der Schiffe. Eine Batterie auf El Fraile gab wenige Schüsse ab, die Entfernung war zu groß.

Möglich wurde dieses Manöver nicht durch Wagemut allein. Der amerikanische Konsul in Manila, Oscar F. Williams, hatte Dewey über Wochen hinweg detailliert über Zustand und Aufstellung der spanischen Verteidigung unterrichtet. Montojo dagegen rechnete mit einem Angriff erst am Morgen, weil die Bucht bei Nacht als für Ortsfremde nicht befahrbar galt.

Karte der Bucht von Manila mit Corregidor, Caballo, El Fraile, Cavite und dem Anmarschweg des US-Geschwaders von Subic Bay

Sieben Stunden

Um 5:15 Uhr stand das Geschwader vor Manila. Küstenbatterien und spanische Schiffe eröffneten das Feuer, doch die Schüsse fielen sämtlich zu kurz. Erst um 5:41 Uhr gab Dewey seinem Flaggkapitän an Bord der Olympia den bekannten Befehl: „You may fire when you are ready, Gridley.“ Der Adressat, Charles Vernon Gridley, fehlt in den meisten Nacherzählungen – dabei ist er der Grund, warum der Satz überhaupt so formuliert war.

Es folgten fünf Anläufe in Kiellinie, abwechselnd mit Backbord- und Steuerbordgeschützen, wobei die Distanz von rund 4.600 auf 1.800 Meter sank. Montojo ließ schließlich die Ankertrossen seines Flaggschiffs Reina Cristina kappen und versuchte zu rammen. Das Schiff geriet in konzentriertes Feuer; von 400 Mann Besatzung wurden mehr als 200 getroffen, darunter Montojo selbst. Der Kreuzer erreichte noch die Küste und wurde dort selbst versenkt.

Zeitleiste des Gefechts in der Bucht von Manila am 1. Mai 1898 von der Einfahrt um Mitternacht bis zur Kapitulation um 12:40 Uhr

Der oft erwähnte Rückzug gegen 7:45 Uhr beruhte nicht auf tatsächlicher Munitionsknappheit, sondern auf einem Übermittlungsfehler: Gemeldet worden war, dass je Geschütz 15 Granaten verschossen seien; verstanden wurde, es seien nur noch 15 vorhanden. Dewey nutzte die Pause, um die Besatzungen frühstücken zu lassen, die seit vier Uhr früh nichts außer Kaffee bekommen hatten. Um 10:40 Uhr wurde das Gefecht wieder aufgenommen, um 12:40 Uhr holten die Spanier die Flagge ein. Die Explosion des Arsenals von Cavite, die häufig in den Gefechtsverlauf hineingeschrieben wird, ereignete sich erst am 2. Mai, als die Olympia das Magazin unter Feuer nahm.

Was die Trefferstatistik verrät

Die Vorstellung, die amerikanische Artillerie habe überlegen präzise geschossen, hält einer Prüfung nicht stand. Nach der Auswertung des spanischen Marinehistorikers Agustín R. Rodríguez González verschoss Deweys Geschwader an diesem Tag 5.859 Granaten. Auf den sieben am Gefecht beteiligten spanischen Schiffen ließen sich davon 145 Treffer nachweisen – eine Quote von rund 2,5 Prozent.

Diagramm: 5.859 abgefeuerte Granaten, davon 145 Treffer auf spanischen Schiffen, sowie Verluste beider Seiten

Entschieden wurde die Schlacht also nicht durch Zielgenauigkeit, sondern durch Material: durch Panzerdecks, größere Reichweite, funktionierende Maschinen und die schlichte Möglichkeit, stundenlang weiterzufeuern, ohne selbst ernsthaft getroffen zu werden. Genau das ist die eigentliche Lehre von Manila – und der Grund, warum europäische Marinen die Schlacht in den folgenden Jahren aufmerksam studierten.

Umstrittene Zahlen

Die amerikanischen Angaben nennen einen einzigen Toten: Francis B. Randall, Chefingenieur des Zollkutters McCulloch, gestorben an Herzversagen, dazu neun Verwundete. Auf spanischer Seite werden üblicherweise 77 Gefallene und 271 Verwundete angeführt; Montojo selbst berichtete von rund 381 Ausfällen insgesamt.

Rodríguez González hat diese Bilanz 1998 in Zweifel gezogen. Er verweist auf Schätzungen des spanischen Konsulats in Hongkong, die von 13 gefallenen und über 30 verwundeten Amerikanern ausgehen, und hält es für möglich, dass Dewey Verluste unter den 155 Mann verbuchte, die während des Feldzugs als desertiert geführt wurden. Diese These ist nicht belegt und in der angelsächsischen Forschung nicht übernommen worden. Sie zeigt aber, worauf die makellose Bilanz beruht: fast ausschließlich auf den Berichten des Siegers. Eine unabhängige Gegenprüfung existiert bis heute nicht.

Vom Seesieg zur Kolonie

Dewey kontrollierte die Bucht, nicht aber die Stadt. Für die Einnahme Manilas fehlten ihm Truppen. In der Zwischenzeit brachte er den philippinischen Revolutionsführer Emilio Aguinaldo aus dem Exil in Hongkong zurück, der am 19. Mai 1898 eintraf und am 12. Juni die Unabhängigkeit der Philippinen erklärte. Die Vereinigten Staaten erkannten diese Erklärung nie an. Am 13. August 1898 ergab sich die spanische Garnison nach einem weitgehend abgesprochenen Gefecht den Amerikanern – ausdrücklich nicht den philippinischen Verbänden, die von der Stadt ferngehalten wurden.

Der Friedensvertrag von Paris vom 10. Dezember 1898 besiegelte das Ergebnis: Kuba wurde formell unabhängig, Puerto Rico und Guam fielen an die USA, die Philippinen wurden für 20 Millionen Dollar abgetreten. Hawaii hatten die Vereinigten Staaten bereits am 7. Juli 1898 annektiert, also noch während des Krieges und ausdrücklich mit Verweis auf den Nachschubweg in den Pazifik.

Wer sehen möchte, wie sich der Anmarsch, die fünf Anläufe und der Zusammenbruch der spanischen Linie im Bild darstellen, findet den Ablauf im Video zu diesem Thema.

Für die Philippinen folgte auf den Herrschaftswechsel kein Frieden. Ab Februar 1899 kämpfte die Unabhängigkeitsbewegung gegen die neue Kolonialmacht. Die Library of Congress beziffert die Verluste dieses Krieges bis 1902 auf mehr als 4.200 amerikanische Soldaten, rund 20.000 philippinische Kämpfer und etwa 200.000 Zivilisten, die überwiegend an Hunger und Seuchen starben. Andere Schätzungen liegen erheblich höher. Der Krieg, der acht Stunden vor Cavite begann, kostete damit mehr Menschenleben als der gesamte Spanisch-Amerikanische Krieg.

Ein Sieg und sein Nachleben

George Dewey wurde am 11. Mai 1898 zum Konteradmiral befördert. 1899 schuf der Kongress eigens den Rang eines Admiral of the Navy; 1903 wurde Dewey rückwirkend in diesen Dienstgrad eingesetzt. Er blieb der einzige Offizier der US-Marine, der ihn je trug. Ein kurzer Anlauf zur Präsidentschaftskandidatur 1900 scheiterte rasch; als Präsident des General Board prägte Dewey stattdessen bis zu seinem Tod 1917 den Aufbau der amerikanischen Flotte.

Die Schlacht selbst wurde zum Gründungsmythos einer Seemacht. Historisch präziser lässt sie sich anders fassen: Sie war der Beleg dafür, dass ein industriell ausgerüsteter Staat ein überdehntes Kolonialreich an einem Vormittag aus dem Pazifik entfernen konnte – und dass der Sieger anschließend vor der Frage stand, was er mit dem Gewonnenen anfangen wollte. Die Antwort darauf fiel 1899 auf den Philippinen aus, nicht 1898 in der Bucht von Manila.

Weiterlesen: Die Philippinen blieben nach 1898 fast ein halbes Jahrhundert amerikanische Kolonie und wurden erst 1946 unabhängig. Wie die Kolonialreiche im 20. Jahrhundert zerfielen, erfahrt ihr im Beitrag Wie die Kolonialreiche im 20. Jahrhundert zerfielen.

Quellen

  1. Agustín R. Rodríguez González: El combate de Cavite: un hito decisivo en la pérdida de Filipinas en 1898. Revista de Indias, Bd. LVIII, Nr. 213, 1998 (Fachpublikation, CSIC) – Volltext
  2. Naval History and Heritage Command (US Navy): The Battle of Manila – Dokumentensammlung mit den Originalberichten Deweys und Montojos – history.navy.mil
  3. Library of Congress: The World of 1898 – The Spanish-American War, Chronologie und Überblicksessay – guides.loc.gov
  4. Hyman G. Rickover: How the Battleship Maine Was Destroyed. Washington 1976, Neuauflage Naval Institute Press 1995; dazu der Forschungsüberblick in Naval History Magazine, April 1998 – usni.org
  5. Encyclopædia Britannica: Battle of Manila Bay – britannica.com
  6. Wikipedia (englisch): Battle of Manila Bay – Schiffslisten, Trefferzahlen und Zeitangaben mit Einzelnachweisen – en.wikipedia.org

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert