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Zehn Tage, die Jugoslawien beendeten
Zwischen dem 26. Juni und dem 7. Juli 1991 zerbrach in Slowenien die Klammer, die sechs Teilrepubliken seit 1945 zusammengehalten hatte. Der Konflikt dauerte kürzer als eine Urlaubswoche (10-Tage-Krieg), forderte weniger Todesopfer als ein einzelner Gefechtstag im späteren Bosnienkrieg – und hatte dennoch eine Wirkung, die kaum zu überschätzen ist: Er machte sichtbar, dass die Jugoslawische Volksarmee nicht mehr in der Lage war, den Bundesstaat mit Gewalt zusammenzuhalten.
Für Österreich war dieser Krieg mehr als ein außenpolitisches Ereignis. Die Kämpfe fanden teilweise in Sichtweite steirischer und Kärntner Ortschaften statt. Zum ersten und bislang einzigen Mal in der Zweiten Republik ordnete ein Verteidigungsminister einen Einsatz des Bundesheeres zum Zweck der militärischen Landesverteidigung an. Dieser Artikel ordnet den Krieg chronologisch ein, prüft die gängigen Zahlen und beleuchtet jene Aspekte, die in kurzen Darstellungen meist fehlen: die österreichische Perspektive und die bis heute ungeklärten Episoden.
Der Weg in den Krieg
Die Loslösung Sloweniens war kein plötzlicher Entschluss des Sommers 1991, sondern das Ergebnis eines Prozesses von etwa achtzehn Monaten. Den öffentlich sichtbaren Bruch markierte der außerordentliche Parteitag des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in Belgrad im Jänner 1990. Als der serbisch dominierte Kongress den slowenischen Antrag zur Abschaffung des demokratischen Zentralismus ablehnte, verließen die 114 slowenischen Delegierten den Saal. Die Beratungen wurden abgebrochen und nie wieder aufgenommen – der Bund der Kommunisten Jugoslawiens hörte als gesamtstaatliche Organisation faktisch auf zu existieren.
Im April 1990 fanden die ersten freien Wahlen statt. Das Oppositionsbündnis DEMOS gewann, der Christdemokrat Lojze Peterle wurde Regierungschef. Bei der gleichzeitig abgehaltenen Präsidentenwahl setzte sich im zweiten Wahlgang der frühere Parteichef Milan Kučan durch. Diese Doppelspitze ist wichtig für das Verständnis des folgenden Jahres: Slowenien führte die Unabhängigkeitsbewegung nicht gegen die alten Eliten, sondern mit einem Teil von ihnen.
Am 23. Dezember 1990 folgte das Referendum. Bei einer Beteiligung von 93,2 Prozent stimmten 95 Prozent der abgegebenen Stimmen für die Eigenstaatlichkeit – das entspricht 88,5 Prozent aller Wahlberechtigten. Diese Unterscheidung ist kein Detail: Das slowenische Parlament hatte im Vorfeld festgelegt, dass die Abstimmung nur gültig ist, wenn mindestens die Hälfte aller Wahlberechtigten zustimmt. Die Hürde war bewusst hoch gesetzt worden, damit das Ergebnis international nicht als knappe Mehrheit abgetan werden konnte.

Wie der Krieg tatsächlich ablief
Am 25. Juni 1991 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit. Slowenische Polizei und Territorialverteidigung übernahmen unmittelbar danach die Grenzübergänge nach Italien, Österreich und Ungarn sowie die Kontrolle über die Flughäfen. Der jugoslawische Ministerpräsident Ante Marković beauftragte daraufhin die Volksarmee, die Staatsgrenzen zu schützen – juristisch eine Anordnung zum Grenzschutz, militärisch der Befehl zum Einmarsch.
Am 26. Juni verließen Einheiten des XIII. Korps ihre Kasernen in Rijeka. Am 27. Juni rückten Kräfte aus Karlovac nach, eine Panzerkolonne aus Vrhnika besetzte den Flughafen Ljubljana, Verbände aus Maribor stießen Richtung Šentilj und Dravograd vor. Am Ende dieses Tages hatte die Volksarmee alle Übergänge nach Italien und alle bis auf drei Übergänge nach Österreich unter Kontrolle. Rein operativ war der erste Kriegstag also ein Erfolg Belgrads.
Entscheidend war, was danach geschah. In der Nacht auf den 28. Juni befahl die slowenische Führung die allgemeine Offensive. Die Territorialverteidigung griff nicht frontal an, sondern blockierte Nachschubwege, schloss Kolonnen ein und zwang Besatzungen zur Aufgabe. Innerhalb weniger Tage ergaben sich nach offiziellen Angaben 4.693 Angehörige der Volksarmee und 252 Bundespolizisten. Materiell verlor die Armee nach eigenen Nachkriegsangaben 31 Panzer, 22 Schützenpanzer und sechs Hubschrauber.
Die Zahlen hinter dem Mythos
Der 10-Tage-Krieg gilt als Beispiel dafür, wie eine kleine, entschlossene Streitmacht eine überlegene Armee besiegt. Die Zahlen stützen dieses Bild nur teilweise. Das Kräfteverhältnis war weit ausgeglichener, als der Begriff „Übermacht“ nahelegt.

Der eigentliche Vorteil Sloweniens lag nicht in der Truppenstärke, sondern in der inneren Verfassung des Gegners. Die Volksarmee war multiethnisch zusammengesetzt; kroatische und bosnische Wehrpflichtige hatten kein erkennbares Interesse daran, gegen Slowenen zu kämpfen. Viele ergaben sich beim ersten Kontakt. Hinzu kam ein politisches Problem: Belgrad hatte keinen klaren Kriegszweck formuliert. Die Anordnung lautete auf Grenzschutz, nicht auf Rückeroberung der Republik – ein Auftrag, der militärisch kaum durchzuhalten war, sobald der Gegner Widerstand leistete.
Österreich: 7.700 Soldaten an der Südgrenze
Die österreichische Seite dieses Krieges wird in kurzen Darstellungen meist auf einen Satz reduziert. Tatsächlich war es der bis heute größte sicherheitspolitische Ernstfall der Zweiten Republik nach 1968.
Bereits ab Mai 1991 beobachtete die Bundesregierung die Lage. Nach der Unabhängigkeitserklärung ordnete Verteidigungsminister Werner Fasslabend zunächst Bereitschaftsdienst in den grenznahen Garnisonen an. Am 27. Juni wurde der österreichische Luftraum bei Mureck, Lichendorf, Gersdorf und Spielfeld verletzt, als jugoslawische Hubschrauber eine Infanteriekompanie auf dem Bubenberg nur 300 Meter östlich des Grenzübergangs Spielfeld absetzten. Am 28. Juni drang eine MiG-21 bei einem Aufklärungsflug bis Graz-Thalerhof vor.
Am Abend des 28. Juni ordnete Fasslabend aus eigenem Entschluss den Einsatz nach § 2 Abs. 1 lit. a des Wehrgesetzes an – die Bestimmung zur militärischen Landesverteidigung. Formal war das eine Premiere: Die Einsätze von 1956 und 1968 waren anders begründet worden. Schon am nächsten Tag standen rund 5.000 Soldaten an der Grenze, am 3. Juli erreichte der Einsatz mit etwa 7.700 Mann seinen Höchststand.

Bemerkenswert ist, worauf verzichtet wurde. Es gab keine Teilmobilmachung, und der Ende Juni auslaufende Grundwehrdienst der im Jänner eingerückten Rekruten wurde nicht verlängert. Beides hätte als Provokation gelesen werden können. Stattdessen setzte man präsente Kräfte ein, deren wichtigste Aufgabe die Sichtbarkeit war: Panzer an den Übergängen, Draken und Saab 105Ö im Luftraum. Ein glücklicher Zufall half dabei. Die Gefechtsübung der Militärakademie fand vom 17. bis 28. Juni im Raum Feldkirchen statt, also bereits in Kärnten. Das Akademikerbataillon konnte deshalb innerhalb weniger Stunden als erster Verband einen Verfügungsraum beziehen.
Bilanz nach 33 Tagen: 7.700 Soldaten, 1.400 Räder- und 170 Kettenfahrzeuge sowie 62 Luftfahrzeuge auf einer Sicherungslinie von über 300 Kilometern.
Zwei Tote am Flughafen Brnik
Am 28. Juni 1991 starben am Flughafen Ljubljana-Brnik die beiden österreichischen Journalisten Nikolas Vogel und Norbert Werner. Vogel, Jahrgang 1967, war Schauspieler gewesen, bevor er als freier Pressefotograf aus Nordirland, Afghanistan und Rumänien berichtete. Werner war 23 Jahre alt. Eine Rakete der Volksarmee traf ihr Auto auf dem Flughafengelände. Beide gelten als die ersten getöteten Journalisten des Krieges. 2008, bei der Feier zum vollständigen Schengen-Beitritt Sloweniens, gedachte Ministerpräsident Janez Janša der beiden auf ebendiesem Flugfeld.
Insgesamt kamen im 10-Tage-Krieg zwölf ausländische Staatsangehörige ums Leben, überwiegend Lkw-Fahrer, die an blockierten Grenzübergängen festsaßen.
Umstritten bis heute: Holmec und der Fall Mrlak
Zwei Episoden dieses Krieges sind bis heute nicht abschließend geklärt – und genau deshalb aufschlussreich.
Am 27. Juni schossen slowenische Kräfte zwei Hubschrauber über Ljubljana ab, einen bei Ig, einen über Rožna Dolina. Der zweite war eine unbewaffnete SA-341 Gazelle, die Brot zu einer Kaserne der Volksarmee bringen sollte. Pilot war der Slowene Toni Mrlak, Kopilot der Mazedonier Bojance Šibinovski; beide starben. Recherchen des Balkan Investigative Reporting Network ergaben, dass Mrlak selbst den Überlauf mehrerer Piloten zur slowenischen Seite vorbereitet hatte, sein Kontakt nach Ljubljana aber abgerissen war. Er wurde von der Seite erschossen, zu der er überlaufen wollte. Ein Denkmal erinnert an ihn; über seine Rolle wird bis heute gestritten.
Die zweite Episode betrifft den Grenzübergang Holmec gegenüber von Bleiburg-Grablach, wo am 28. Juni das zweitgrößte Gefecht des Krieges stattfand. Ein ORF-Kameramann filmte eine Gruppe von Soldaten der Volksarmee, die mit erhobenen Händen und einem weißen Tuch auf die slowenische Stellung zuging; kurz darauf fallen Schüsse, die Männer gehen zu Boden. Die Aufnahmen gingen um die Welt und wurden später zum Gegenstand eines langen politischen Streits. Die slowenische Generalstaatsanwaltschaft bekräftigte 2006, es bestehe kein Verdacht auf ein Kriegsverbrechen; serbische Stellen sahen das anders. Selbst das Schicksal der gefilmten Soldaten ist umstritten – manche Berichte nennen drei Tote, andere geben an, die Männer hätten überlebt.
Beide Fälle zeigen, dass auch ein kurzer Krieg mit geringen Opferzahlen keine saubere Geschichte hinterlässt.
Brioni und der lange Weg zur Anerkennung
Am 3. Juli willigte die Volksarmee in eine Waffenruhe ein. Vier Tage später unterzeichneten die Konfliktparteien auf den kroatischen Brijuni-Inseln – Titos einstigem Rückzugsort – das Brioni-Abkommen. Vermittelt hatten die Europäische Gemeinschaft und die UNO, unterstützt von österreichischer Diplomatie.
Der Kompromiss war präzise gebaut: Slowenien setzte den Vollzug seiner Unabhängigkeit für drei Monate aus, erhielt im Gegenzug aber die tatsächliche Kontrolle über das eigene Territorium. Die Soldaten der Volksarmee mussten abziehen und schweres Gerät übergeben. Auf dem Papier ein Aufschub, praktisch die Kapitulation Belgrads.
Am 8. Oktober 1991 lief das Moratorium aus. Slowenien vollzog die Unabhängigkeit und führte am selben Tag den Tolar ein, zunächst als Wertgutscheine im Verhältnis 1:1 zum jugoslawischen Dinar. Die internationale Anerkennung folgte langsamer als oft dargestellt: Deutschland erkannte Slowenien am 23. Dezember 1991 im Alleingang an, die übrigen EG-Staaten zogen am 15. Jänner 1992 nach. Mitglied der Vereinten Nationen wurde das Land am 22. Mai 1992 – fast elf Monate nach der Unabhängigkeitserklärung.
Wer den Ablauf dieser zehn Tage lieber zuhören will, findet in unserem Video zum Thema die Ereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge erzählt, samt zeitgenössischem Material von den Grenzübergängen.
Warum Slowenien davonkam – und die anderen nicht
Der übliche Erklärungsansatz lautet: ethnische Homogenität, Bergland, entschlossene Vorbereitung. Alle drei Punkte stimmen, greifen aber zu kurz.
Der wichtigste Faktor war geografisch und politisch zugleich. Slowenien lag am äußersten Nordwestrand des Bundesstaates, grenzte an keine serbisch besiedelte Region und war für ein serbisches Nationalprojekt schlicht uninteressant. In Kroatien und später in Bosnien und Herzegowina lebten große serbische Bevölkerungsgruppen, deren Anspruch auf Verbleib in einem gemeinsamen Staat den Kriegen dort ihre Dauer und Brutalität gab. In Slowenien fehlte dieses Motiv vollständig. Belgrad verlor eine Republik – aber keine Bevölkerungsgruppe, für die es zu kämpfen behauptete.
Hinzu kam der Zeitpunkt. Im Juni 1991 war die Volksarmee noch eine gesamtjugoslawische Institution mit gemischten Einheiten und unklarem Auftrag. Erst in den folgenden Monaten wurde sie zu einer faktisch serbischen Armee. Slowenien führte seinen Krieg gegen einen Gegner, der sich noch nicht entschieden hatte, wer er sein wollte.
Drei verbreitete Irrtümer
„Der erste Krieg in Europa seit 1945.“ Diese Formulierung findet sich häufig, ist aber unzutreffend. Zwischen 1945 und 1991 gab es unter anderem den griechischen Bürgerkrieg, den Aufstand in Ungarn 1956, den Nordirlandkonflikt und die Kämpfe auf Zypern 1974. Korrekt ist: Es war der erste bewaffnete Konflikt des jugoslawischen Zerfalls – und der erste Krieg unmittelbar an einer österreichischen Grenze seit Kriegsende.
„Freie Wahlen schon 1989.“ Die ersten freien Wahlen in Slowenien fanden im April 1990 statt. Der oft damit verwechselte Bruch mit Belgrad war der Auszug der slowenischen Delegierten vom Parteitag im Jänner 1990.
„88,2 Prozent beim Referendum.“ Diese Zahl kursiert in mehreren Darstellungen. Die Regierung Sloweniens und die Banka Slovenije nennen 88,5 Prozent aller Wahlberechtigten, was 95,7 Prozent der gültigen Stimmen entspricht.
Weiterlesen: Auch 1921 stand das österreichische Bundesheer an einer umstrittenen Grenze, damals allerdings im Gefecht: Bei Kirchschlag wurde das Burgenland mit Waffen verteidigt. Was dort geschah, erfahrt ihr im Beitrag Kirchschlag: Als das Burgenland 1921 mit Waffen verteidigt wurde.
Quellen
- Theresianische Militärakademie, Oberst Thomas Lampersberger: Sicherungseinsatz 1991 – milak.at
- Bundesministerium für Landesverteidigung: Vor 30 Jahren: Bundesheer im Einsatz an der jugoslawischen Grenze – bmlv.gv.at
- Republik Slowenien, Regierungsportal: Independence and Unity Day – gov.si
- Banka Slovenije: 30th anniversary of the referendum on Slovenia’s independence – bsi.si
- Balkan Investigative Reporting Network (BIRN): Pilot’s Killing in Slovenia’s ‚Ten-Day War‘ Causes Enduring Controversy, 22. Juni 2021 – detektor.ba
- Wikipedia: 10-Tage-Krieg sowie Nikolas Vogel und Norbert Werner (Verlust- und Gefangenenzahlen, Angaben zu den Journalisten) – de.wikipedia.org

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