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Ein Schädel, der vier Jahrzehnte Streit auslöste
Im Jahr 1942 barg David H. Dunkle vom Cleveland Museum of Natural History in der Hell-Creek-Formation von Montana einen auffallend kleinen Raubsaurierschädel. Vier Jahre später beschrieb ihn Charles W. Gilmore als neue Art einer bereits bekannten Gattung: Gorgosaurus lancensis. Erst 1988 stellten Robert Bakker, Michael Williams und Philip Currie dasselbe Fossil, inventarisiert als CMNH 7541, in eine eigene Gattung – Nanotyrannus, der „winzige Tyrann“.
Damit begann eine der zähesten Auseinandersetzungen der Wirbeltierpaläontologie. Die Streitfrage war denkbar einfach formuliert und denkbar schwer zu beantworten: Handelt es sich um eine eigenständige, kleinwüchsige Raubsaurierart, die neben Tyrannosaurus rex lebte? Oder um ein Jungtier des Königs selbst, das seine endgültige Gestalt schlicht noch nicht erreicht hatte?
Das Problem war methodischer Natur. Junge Tyrannosaurier sahen anders aus als ausgewachsene: schlanker, langbeiniger, mit feineren Zähnen. Genau diese Merkmale trennten auch Nanotyrannus vom T. rex. Solange kein sicher ausgewachsenes Exemplar vorlag, ließ sich Wachstum nicht von Artunterschied trennen.
Von 1942 bis 2025: die Stationen der Debatte
Der Streit verlief nicht linear. Er beschleunigte sich immer dann, wenn ein neues Fossil auftauchte – und stagnierte in den Jahren dazwischen.

Ein Wendepunkt schien 2020 erreicht, als Holly Woodward und Kolleginnen und Kollegen im Fachjournal Science Advances die Knochenmikrostruktur der Exemplare „Jane“ und „Petey“ auswerteten. Ihr Befund: zwei unreife Tiere im Alter von 13 bis 15 Jahren, also halbwüchsige Tyrannosaurus rex. Die Studie sprach sich ausdrücklich dafür aus, Nanotyrannus mit Tyrannosaurus zusammenzulegen. Bemerkenswert ist eine Personalie: Zu den Mitautorinnen dieser Arbeit zählte Lindsay Zanno – dieselbe Forscherin, die fünf Jahre später die Gegenposition begründen sollte.
Der Umweg des Schlüsselfossils durch den Gerichtssaal
Dass der entscheidende Fund überhaupt in einem Museum landete, war lange alles andere als sicher. 2006 stießen der kommerzielle Fossiliensammler Clayton Phipps und zwei Begleiter auf privatem Weideland in Montana auf zwei ineinander verkeilte Skelette: einen Triceratops und einen kleinen Tyrannosaurier. Der Fund wurde als „Dueling Dinosaurs“ bekannt.
Eine Versteigerung 2013 blieb ohne Zuschlag – die Schätzpreise lagen im Millionenbereich, Museen konnten nicht mitbieten, und Teile der Fachwelt lehnten den Verkauf grundsätzlich ab. Danach folgte ein Rechtsstreit, der weit über diesen Einzelfall hinausreichte: Die früheren Geschäftspartner der Grundeigentümer beanspruchten die Fossilien, weil ihnen ein Großteil der Mineralrechte am Grundstück gehörte. Die juristische Kernfrage lautete damit: Sind Fossilien Mineralien?
Untergerichte urteilten zwischenzeitlich, dass sie es seien. Montana verabschiedete 2019 ein Gesetz, das Fossilien ausdrücklich von Mineralien abgrenzt; im Jahr darauf entschied der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates zugunsten der Oberflächenrechte. Erst danach konnte das Fossil verkauft werden. Es ging an das North Carolina Museum of Natural Sciences, finanziert über eine private Spendenkampagne, und erhielt die Inventarnummer NCSM 40000.
Für die Forschung war der Ausgang glücklich: Anders als bei vielen kommerziell geborgenen Spitzenfossilien war der Fundort dokumentiert, und Zannos Team hatte Zugang zur Grabungsstelle. Der Paläontologe Jack Horner, der die „Dueling Dinosaurs“ zunächst als wissenschaftlich wertlos abgetan hatte, revidierte seine Einschätzung genau deshalb.
Was im Gesteinsblock noch steckt
Der Beiname „Dueling Dinosaurs“ ist eine Deutung, keine gesicherte Tatsache. Beide Tiere weisen Verletzungen auf, und im Bereich des Triceratops stecken Zähne des kleinen Tyrannosauriers – ein Hinweis auf eine Auseinandersetzung, aber kein Beweis dafür, dass die Tiere im Kampf miteinander starben. Ob einer den anderen tötete, ob beide Opfer desselben Ereignisses wurden oder ob sie erst bei der Einbettung nebeneinander gerieten, ist offen. Der Präparator Peter Larson vertritt die Hypothese, ein Erdbeben habe die Kadaver in wassergesättigten Sand einsinken lassen; das würde erklären, warum sie unversehrt und unzerlegt erhalten blieben.
Auch nach der Nature-Studie ist das Fossil nicht ausgewertet. Teile stecken weiterhin im Gestein, samt erhaltener Hautreste bei beiden Tieren. Nach Einschätzung von James Napoli wird der Fund noch für einige Zeit Material liefern, das mit der Artfrage gar nichts zu tun hat.
Was die Knochen von NCSM 40000 zeigen

Im Oktober 2025 legten Lindsay Zanno und James Napoli in Nature ihre Auswertung vor. Das Skelett ist praktisch vollständig – jeder Knochen ist zumindest in Teilen vorhanden, was bei Tyrannosauriern extrem selten ist. Erstmals lag damit auch ein kompletter Schwanz dieser Tiere vor.
Die Merkmalsliste, die das Team zusammentrug, ist lang. Drei Punkte wiegen besonders schwer:
- Schwanzwirbel: NCSM 40000 besitzt 35 Schwanzwirbel, Tyrannosaurus rex je nach Exemplar 40 bis 45. Die Zahl der Wirbel wird früh in der Embryonalentwicklung festgelegt und ändert sich im Wachstum nicht mehr.
- Vordergliedmaßen: Die Handknochen sind mehr als doppelt so lang wie bei bekanntem T.-rex-Material, Finger und Krallen größer als bei den massigsten ausgewachsenen Exemplaren. Ein Tier, das im Laufe des Wachstums zum Tyrannosaurus rex würde, müsste seine Hände schrumpfen lassen. Napoli formulierte das in der begleitenden Pressemitteilung so: Es sei nicht nur unwahrscheinlich, sondern unmöglich.
- Schädel: Am Quadratojugale – einem Knochen im hinteren Schädelbereich – sitzt eine große luftgefüllte Nebenhöhle, die T. rex fehlt. Außerdem unterscheiden sich die Verläufe der Nervenkanäle.
Hinzu kommt eine höhere Zahl an Zahnpositionen. Die Zähne selbst sind schlanker und seitlich stärker abgeflacht als die berüchtigten „bananenförmigen“ Zähne des erwachsenen T. rex – ein Gebiss zum Schneiden und Greifen, nicht zum Knochenbrechen.
Ein verbreitetes Detail aus populären Darstellungen sei hier korrigiert: Die zusätzliche Nebenhöhle liegt nicht über der Schnauze, sondern im hinteren Schädelabschnitt.
Warum das Alter den Ausschlag gab
Die Anatomie allein hätte den Streit nicht beendet, denn über Merkmale lässt sich diskutieren. Entscheidend war das Alter.
Zanno und Napoli schnitten Knochen an und zählten die zyklischen Wachstumsmarken – jene Linien, die entstehen, wenn das Knochenwachstum periodisch pausiert. Sie fanden 25 solcher Marken, die auf mindestens 14 Wachstumsjahre hindeuten, und schätzten das Sterbealter auf 17 bis 22 Jahre. Zusammen mit dem Verwachsungsgrad der Skelettelemente ergibt sich das Bild eines nahezu fertig ausgewachsenen Tieres von rund 700 Kilogramm. Ein Tyrannosaurus rex dieses Alters war bereits mehrere Tonnen schwer.
Damit kippte das Argument der Gegenseite. Sollten die Nanotyrannus-Exemplare junge T. rex sein, hätte Tyrannosaurus zwei Jahrzehnte lang langsam wachsen, dann abrupt stagnieren und anschließend erneut in eine lange Wachstumsphase eintreten müssen. Ein solches Muster ist von keinem Archosaurier bekannt.
Das zugehörige Video auf dem Kanal erzählt die Geschichte des Fundes in kompakter Form und zeigt die Rekonstruktionen des Tieres in Bewegung.
Unabhängig davon veröffentlichte eine Arbeitsgruppe um Griffin und Kollegen 2025 in Science eine Analyse der Zungenbeinknochen. Auch sie kam zu dem Ergebnis, dass der ursprüngliche Schädel von 1942 von einem ausgewachsenen Tier stammt – ein zweiter, methodisch andersartiger Beleg für dieselbe Schlussfolgerung.
Zwei Arten statt einer
Die zweite Überraschung der Nature-Studie betrifft ein Fossil, das seit Jahren in einer Museumsvitrine steht. Bei der Durchsicht von über 200 Tyrannosaurier-Fossilien fiel Zanno und Napoli auf, dass das 2001 vom Burpee Museum geborgene Skelett „Jane“ (BMRP 2002.4.1) zwar zu Nanotyrannus gehört, sich aber in Details von NCSM 40000 unterscheidet. Sie stellten es als Holotyp einer zweiten Art auf: Nanotyrannus lethaeus, benannt nach dem Fluss Lethe der griechischen Mythologie, dessen Wasser das Vergessen bringt.
Der offene Teil der Debatte

Kurios ist das Größenverhältnis: „Jane“ war beim Tod noch nicht ausgewachsen – das Tier starb im Alter von 8 bis 14 Jahren – und war dennoch schwerer als das nahezu ausgewachsene Exemplar der ersten Art. N. lethaeus dürfte die größere der beiden Arten gewesen sein.
Presseberichte sprachen im Herbst 2025 von einer endgültig beigelegten Kontroverse. Das trifft nur für einen Teil der Fragen zu.
Thomas Carr vom Carthage College, jahrelang der prominenteste Vertreter der Jungtier-Hypothese, akzeptiert den Befund zum Alter ausdrücklich: Das Skelett stamme von einem kleinen, erwachsenen Tyrannosaurier. Er widerspricht jedoch der Einordnung im Stammbaum. Zanno und Napoli stellen Nanotyrannus außerhalb der Tyrannosauridae, in eine eigene Gruppe, zu der sie auch die östlichen Formen Dryptosaurus und Appalachiosaurus rechnen. Carr hält das Tier stattdessen für eine Schwesterart des T. rex und würde es folgerichtig Tyrannosaurus lancensis nennen. Auch die Zuordnung von „Jane“ zu einer eigenen zweiten Art hält er für nicht belegt.
Stephen Brusatte von der University of Edinburgh formulierte einen zweiten Einwand als Frage: Wenn jedes kleine Skelett ein Nanotyrannus ist – wo sind dann die jungen T. rex? Tatsächlich fehlt der Forschung damit vorerst eine gesicherte Wachstumsreihe für die bekannteste Raubsaurierart der Welt. Holly Woodward, deren Studie von 2020 die Gegenposition gestützt hatte, erklärte, sie habe kein Problem mit einem gültigen Nanotyrannus, halte die neue Deutung ihrer Daten aber nicht für zwingend überlegen.
Ende 2025 erschien zudem ein Preprint, der für dieselben Fossilien wieder andere Gattungsnamen vorschlägt. Preprints durchlaufen keine Begutachtung; der Vorgang zeigt aber, dass die Namensfrage in der Fachwelt nicht abgeschlossen ist.
Was sich für die Forschung ändert
Larry Witmer von der Ohio University, der die Studie in Nature einordnete, wies auf die eigentliche Tragweite hin: Auf der Annahme, die kleinen Skelette seien junge T. rex, beruhen Jahrzehnte an Forschung und vermutlich hunderte Publikationen. Betroffen sind unter anderem Wachstumskurven, Schätzungen zur Beißkraft in verschiedenen Lebensphasen und Modelle zum Jagdverhalten.
Ein weiterer Punkt betrifft die Herkunft. Stellt man Nanotyrannus außerhalb der Tyrannosauridae, rücken zwei Gattungen in seine Nähe, die aus dem Osten Nordamerikas stammen: Dryptosaurus und Appalachiosaurus. Nordamerika war in der späten Kreidezeit durch das Western Interior Seaway in zwei Landmassen geteilt – Laramidia im Westen, Appalachia im Osten. Zanno und Napoli halten es für möglich, dass die Vorfahren von Nanotyrannus aus dem Osten kamen und nach Westen vordrangen, als sich das Binnenmeer zurückzog. Belegt ist diese Route nicht; sie folgt aus der vorgeschlagenen Stammbaumstellung und fällt mit ihr, falls Carrs Einwand sich durchsetzt.
Auch die ökologische Rekonstruktion der letzten Jahrhunderttausende der Kreidezeit verschiebt sich. Beide Gattungen lebten im selben Gebiet und in derselben Zeitspanne – dem späten Maastrichtium, den letzten rund einer Million Jahre vor dem Einschlag des Chicxulub-Asteroiden vor 66 Millionen Jahren. Statt eines einzigen Großräubers, der die mittleren Größenklassen durch seine eigene Jugend mit abdeckte, steht nun ein Nebeneinander spezialisierter Arten im Raum: der schwere Knochenbrecher auf der einen, der leichtere, wendigere Jäger auf der anderen Seite. Wie beide Formen Konkurrenz vermieden, ist ungeklärt – Zanno bezeichnet das als vollständig neue Forschungsfrage.

Witmer sprach in diesem Zusammenhang noch einen unbequemen Punkt an: dass sich der wissenschaftliche Konsens so schnell und so fest auf eine Deutung festgelegt hatte, obwohl viele einschlägige Fossilien kommerziell gehandelt werden und in Privatbesitz kaum zugänglich sind. Die Geschichte des Mini-Tyrannen ist insofern auch eine über die Bedingungen, unter denen paläontologisches Wissen entsteht.
Weiterlesen: Auch bei eiszeitlichen Knochenfunden hat eine neue Methode einen alten Streit entschieden: Eine Erbgutstudie an 521 Mammuts spricht dafür, dass große Knochenansammlungen wie in Langmannersdorf auf menschliche Jagd zurückgehen. Was dort gefunden wurde, erfahrt ihr im Beitrag Langmannersdorf: Der Mammut-Schlachtplatz in Niederösterreich.
Quellen
- Zanno, L. E. & Napoli, J. G. (2025): Nanotyrannus and Tyrannosaurus coexisted at the close of the Cretaceous. Nature. DOI: 10.1038/s41586-025-09801-6
- Witmer, L. M. (2025): T. rex debate settled: contested fossils are smaller rival species, not juveniles. News & Views, Nature. nature.com
- Woodward, H. N. et al. (2020): Growing up Tyrannosaurus rex: Osteohistology refutes the pygmy „Nanotyrannus“… Science Advances 6(1), eaax6250. DOI: 10.1126/sciadv.aax6250
- Griffin, C. T. et al. (2025): A diminutive tyrannosaur lived alongside Tyrannosaurus rex. Science. DOI: 10.1126/science.adx8706
- North Carolina State University (30.10.2025): Nanotyrannus Confirmed: Dueling Dinosaurs Fossil Rewrites the Story of T. rex. news.ncsu.edu
- Live Science (30.10.2025): Reaktionen der Fachwelt, u. a. Thomas Carr und David Hone. livescience.com
- Scientific American (30.10.2025): Nanotyrannus Isn’t a Juvenile T. rex – It’s a Separate Dinosaur. scientificamerican.com

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