Gewalt & Drogen in Kolumbien 2026

Beitragsbild Kolumbien

Ein Konflikt, der sich neu erfindet

Am 24. November 2016 unterzeichneten die kolumbianische Regierung und die FARC-Guerilla den Friedensvertrag, der den längsten bewaffneten Konflikt der westlichen Hemisphäre beenden sollte. Zehn Jahre später ist die Bilanz doppeldeutig: Die FARC als Armee existiert nicht mehr, mehr als 13.000 Kämpferinnen und Kämpfer traten in einen Übergangsprozess ein. Gleichzeitig wird in Kolumbien heute auf mehr Fläche Koka angebaut als je zuvor seit Beginn der UN-Messungen, und im September 2026 hat eine neue Regierung sämtliche Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen für beendet erklärt.

Der Konflikt ist also nicht abgeflaut, sondern hat die Akteure gewechselt. Wer verstehen will, warum, muss weniger auf Ideologien schauen als auf drei Größen: Fläche, Land und Kontrolle.

Der Konflikt in Zahlen

KennzahlWertQuelle, Stand
Registrierte Opfer des bewaffneten Konflikts9.888.182 PersonenRegistro Único de Víctimas, 2025
Davon wegen Vertreibung registriert8.947.758 PersonenRUV, 31.12.2025
Aktuell binnenvertrieben lebend7.210.702 PersonenIDMC, GRID 2026
Ermordete Unterzeichner des Friedensvertrags seit 2016493UN-Verifikationsmission, Juni 2026
Ermordete soziale Anführer 2025187Indepaz
Massaker 202578 mit 256 TotenIndepaz
Kokaanbaufläche 2024261.000 HektarUNODC/SIMCI, Juni 2026

Diese Zahlen stammen aus unterschiedlichen Systemen und sind nicht addierbar. Der IDMC zählt Menschen, die heute vertrieben leben; das Opferregister in Kolumbien zählt kumuliert alle jemals registrierten Fälle seit 1985. Der Unterschied von rund 1,7 Millionen Personen ist selbst ein Befund: Ein erheblicher Teil der Vertriebenen kehrt nie zurück, wird aber irgendwann nicht mehr als vertrieben gezählt.

Koka: eine Fläche, die dem Krieg folgt

Balkendiagramm der Kokaanbaufläche in Kolumbien von 2013 bis 2024, Anstieg von 48.000 auf 261.000 Hektar

Die Anbaufläche ist der härteste verfügbare Indikator für die Ökonomie hinter der Gewalt. 2013 lag sie mit rund 48.000 Hektar auf dem niedrigsten je gemessenen Wert. Danach stieg sie fast ununterbrochen: 146.000 Hektar im Jahr des Friedensvertrags, 204.000 Hektar 2021, 253.000 Hektar 2023 und 261.000 Hektar 2024 – der offizielle Wert, den UNODC und das Monitoringsystem SIMCI im Juni 2026 veröffentlichten.

Zwei Details dieser Statistik werden selten erwähnt und sind für die Bewertung entscheidend.

Erstens stagniert der Zuwachs zuletzt: 43 Prozent Plus 2021, 13 Prozent 2022, 10 Prozent 2023, aber nur noch gut 3 Prozent 2024. Die Fläche wächst also langsamer, sie schrumpft aber nicht.

Zweitens hat UNODC im Bericht für 2024 erstmals seit Jahren keine Schätzung des Kokain-Produktionspotenzials veröffentlicht und dies mit methodischen Gründen erklärt. Für 2023 hatte die Behörde noch 2.644 Tonnen angegeben – ein Anstieg um 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr, obwohl die Fläche nur um 10 Prozent zunahm. Der Grund liegt in der Produktivität: ertragreichere Sorten, dichtere Bepflanzung, effizientere Labore. Fläche und Produktionsmenge sind längst entkoppelt. Wer nur Hektar zählt, misst das Falsche.

Und drittens ist der Anbau räumlich hoch konzentriert: Rund zehn Gemeinden vereinen etwa die Hälfte der gesamten Anbaufläche auf sich. Knapp die Hälfte der Kokafelder liegt zudem in Gebieten mit besonderem Schutzstatus – Nationalparks, indigenen Reservaten, Waldschutzgebieten und kollektiven Territorien afrokolumbianischer Gemeinden. Der Drogenanbau ist damit nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein Umwelt- und Minderheitenproblem.

Dazu passt eine vierte Zahl: Die staatliche Zwangsvernichtung von Kokafeldern brach ein, von 68.893 Hektar im Jahr 2022 auf 9.403 Hektar im Jahr 2024. Die Regierung Petro setzte bewusst auf freiwillige Substitution statt auf Eradikation. Das Ergebnis dieses Kurswechsels bleibt umstritten, und genau daran entzündete sich der Wahlkampf 2026.

Wer heute kämpft

Das Video zu diesem Thema erzählt, wie Gewalt in Kolumbien zum Geschäftsmodell wurde. Wer wissen möchte, welche Gruppen dieses Modell heute betreiben, findet hier die Namen, die im Video nicht vorkommen.

Nach dem Rückzug der FARC füllten mehrere Akteure die Lücke. Die ELN, 1964 gegründet, ist die letzte klassische Guerilla des Landes und operiert stark im Grenzgebiet zu Venezuela. Aus der Demobilisierung entstanden FARC-Dissidenzen, vor allem der Estado Mayor Central und die Segunda Marquetalia, die sich ihrerseits weiter aufspalteten. Hinzu kommt der Clan del Golfo, hervorgegangen aus paramilitärischen Strukturen und heute eher ein Unternehmen als eine politische Organisation. Das UN-Nothilfebüro OCHA registrierte 2025 Präsenz nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen in etwa 60 Prozent aller kolumbianischen Gemeinden.

Die humanitären Folgen dieser Konstellation sind messbar. OCHA zählte für 2025 mehr als 1,6 Millionen Menschen, die von Gewalt betroffen waren, darunter über 150.000 mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit und rund 100.000, die in ihren Dörfern eingeschlossen waren, weil bewaffnete Gruppen die Wege kontrollierten. Diese Form der Gewalt – „confinamiento“ – taucht in keiner Mordstatistik auf.

Der entscheidende Unterschied zur Zeit vor 2016: Diese Gruppen konkurrieren nicht mehr primär mit dem Staat, sondern untereinander. Eine Analyse zur Bilanz der Verhandlungspolitik zählte 2022 sieben territoriale Konfliktherde, 2026 waren es vierzehn. Fragmentierung erhöht die Zahl der Fronten – und damit die Zahl der Zivilisten dazwischen.

Land: die unerledigte Reform

Balkengrafik zur Verteilung von Betrieben und Agrarfläche in Kolumbien nach Betriebsgröße

Punkt eins des Friedensvertrags von 2016 ist keine Entwaffnungsregel, sondern eine Agrarreform. Das hat einen Grund. Nach der Landwirtschaftszählung von 2014, ausgewertet von Oxfam, verfügten die kleinsten 70,5 Prozent der Betriebe über 2,7 Prozent der Agrarfläche, während die größten 0,5 Prozent rund 68 Prozent hielten. Der Gini-Koeffizient der Bodenverteilung liegt bei etwa 0,88 und gehört damit zu den höchsten weltweit. Zum Vergleich: Der Gini-Wert der Einkommensverteilung, der Kolumbien seit Jahren auf einen der vordersten Plätze Lateinamerikas bringt, liegt deutlich darunter. Boden ist in Kolumbien ungleicher verteilt als Geld.

Der Vertrag sah vor, drei Millionen Hektar an Kleinbauern, ländliche Frauen und Konfliktopfer zu übertragen. Bis zum Ende der Amtszeit Petros waren laut UN-Verifikationsmission rund 370.000 Hektar vergeben – etwa zwölf Prozent des Ziels nach neun von fünfzehn vorgesehenen Jahren.

Diese Lücke erklärt, warum Kokaanbau in vielen Regionen keine kriminelle Entscheidung, sondern eine betriebswirtschaftliche ist. Koka ist leicht, lagerfähig, wird an der Straße abgenommen und braucht keine Kühlkette – anders als Kakao, Bananen oder Kaffee, die eine funktionierende Straße, Abnehmer und Kredit voraussetzen. Solange der Staat Infrastruktur nicht liefert, ersetzt der Markt ihn.

Fallstudie Catatumbo: wie ein Machtvakuum kippt

Was passiert, wenn territoriale Konkurrenz eskaliert, zeigte der Januar 2025 in der Region Catatumbo an der venezolanischen Grenze. Nach der Ermordung einer Familie in Tibú, die dem Frente 33 zugeschrieben wurde, begann die ELN eine Offensive, um ihren Rivalen aus der Region zu vertreiben. Innerhalb weniger Tage starben mindestens 55 Zivilisten, mehr als 50.000 Menschen flohen. Die Ombudsstelle meldete 850 Familien in Ocaña, rund 2.500 Menschen in Tibú, Hunderte weitere in Cúcuta.

Präsident Petro rief am 20. Januar 2025 für elf Gemeinden den Ausnahmezustand aus, setzte die Gespräche mit der ELN aus, und die Staatsanwaltschaft reaktivierte Haftbefehle gegen 31 ELN-Vertreter, die zuvor als Verhandlungspartner geschützt gewesen waren.

Catatumbo ist kein Zufallsort. Die Region ist ölreich und gehört zu den größten Kokaanbaugebieten des Landes. Sie ist damit ein Lehrstück: Wo sich Ressourcen, Grenznähe und schwache staatliche Präsenz überlagern, entsteht kein Vakuum, sondern ein Wettbewerb um die Nachfolge des Staates.

Zeitleiste der wichtigsten Ereignisse in Kolumbien zwischen 2016 und 2026

Was die Übergangsjustiz tatsächlich geleistet hat

Die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (Jurisdicción Especial para la Paz, JEP) gilt vielen in Kolumbien als Synonym für Straflosigkeit. Seit September 2025 lässt sich dieser Vorwurf an Ergebnissen prüfen.

Am 16. September 2025 sprach die JEP ihr erstes Urteil: Sieben Mitglieder des letzten FARC-Sekretariats, darunter Rodrigo Londoño alias Timochenko, wurden als Hauptverantwortliche für die Entführungspolitik der Guerilla verurteilt. Das Verfahren dokumentierte mindestens 21.396 Opferereignisse zwischen 1993 und 2012. Zwei Tage später folgte das Urteil im Verfahren zu den sogenannten „falsos positivos“: Zwölf Militärs des Bataillons La Popa wurden für 135 Morde und Verschwindenlassen zwischen 2002 und 2005 verurteilt, bei denen Zivilisten als im Gefecht getötete Guerilleros ausgegeben worden waren.

Die Strafen sind keine Haftstrafen. Die Verurteilten erhielten in erster Instanz acht Jahre Einschränkung von Freiheit und Rechten mit elektronischer Überwachung, festen Aufenthaltsorten und verpflichtender Arbeit in Wiedergutmachungsprojekten – Minenräumung, Suche nach Verschwundenen, Umweltprojekte. Die Berufungsinstanz bestätigte 2026 beide Urteile und korrigierte einzelne Zurechnungen.

Genau hier verläuft die Bruchlinie der kolumbianischen Debatte. Für die einen ist das restaurative Modell die einzige Bedingung, unter der Täter überhaupt gestanden – 41 angeklagte FARC-Unterzeichner haben ihre Verantwortung anerkannt, was in der ordentlichen Justiz nie geschah. Für die anderen stehen acht Jahre ohne Gefängnis in keinem Verhältnis zu 21.396 Opferereignissen. Beide Positionen lassen sich nicht empirisch auflösen; sie beruhen auf unterschiedlichen Vorstellungen davon, wozu Strafe da ist.

2026: der Bruch

Der Kurswechsel, der sich seit Jahren abzeichnete, vollzog sich 2026 in drei Schritten.

Am 21. Juni gewann der Anwalt Abelardo de la Espriella die Stichwahl gegen den linken Senator Iván Cepeda mit 49,66 zu 48,70 Prozent – der knappste Abstand in der Geschichte kolumbianischer Präsidentschaftswahlen. Am 7. August wurde er vereidigt, erstmals seit über einem Jahrhundert außerhalb Bogotás, in Cali. Gustavo Petro erkannte das Ergebnis nicht an und blieb der Zeremonie fern.

Am 11. September 2026 beendete die neue Regierung sämtliche verbliebenen Verhandlungs- und Unterwerfungsprozesse der „paz total“, darunter die Gesprächstische mit der ELN, dem Estado Mayor de los Bloques Magdalena Medio, dem Frente Comuneros del Sur und der Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano. An ihre Stelle tritt ein Modell aus individueller Unterwerfung unter die Justiz und verstärktem militärischem Druck.

In der Forschung ist die Bewertung dieses Bruchs offen. Die Kritik an der „paz total“ ist empirisch gut belegt: Die Zahl der Konfliktherde stieg während ihrer Laufzeit, der einzige kollektive und überprüfbare Übertritt ins zivile Leben betraf 99 Personen. Gegen die neue Linie spricht die kolumbianische Erfahrung selbst. Der Politikwissenschaftler Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik beschreibt den Wechsel als Rückkehr zu einem alten Muster, bei dem Sicherheit vor Frieden gestellt wird – ein Muster, das die Kokafläche zwischen 2001 und 2016 zwar phasenweise senkte, die Strukturen darunter aber nicht auflöste.

Die kurzfristigen Daten sind uneinheitlich: Bis Anfang September 2026 zählte Indepaz 104 ermordete soziale Anführer gegenüber 142 im Vorjahreszeitraum, gleichzeitig aber 14 Prozent mehr Massaker.

Offene Fragen

Drei Punkte entscheiden darüber, wie die kommenden Jahre zu lesen sein werden.

Erstens der Schutz der Unterzeichner. 493 ermordete Ex-Kombattanten sind kein Randphänomen, sondern ein Signal an jede künftige Verhandlung: Wer die Waffen abgibt, riskiert mehr als wer sie behält. Ob die neue Regierung die Schutzmechanismen des Vertrags fortführt, ist ungeklärt.

Zweitens die Nachfrage. Kolumbien liefert rund zwei Drittel des weltweiten Kokas. Die Produktion folgt einem Markt, der in Europa, Nordamerika und zunehmend in Asien wächst. Keine kolumbianische Sicherheitspolitik kann diese Variable beeinflussen.

Drittens die Institutionen. Die UN-Verifikationsmission, die seit 2017 als unabhängige Instanz Zahlen erhebt, arbeitet mit einem befristeten Mandat. Fällt sie weg, verschwindet auch die belastbarste externe Datenquelle zum Konflikt.

Der Friedensvertrag von 2016 war kein Schlusspunkt, sondern ein Fünfzehn-Jahres-Programm mit Fristen bis 2031. Gemessen daran steht Kolumbien ungefähr in der Halbzeit – mit einer Regierung, die dieses Programm nicht mehr als ihres betrachtet.

Quellen

  1. UNODC / SIMCI: Monitoreo de territorios con presencia de cultivos de coca 2024, Bogotá, Juni 2026 – unodc.org
  2. UN-Sicherheitsrat: Berichte des Generalsekretärs zur Verifikationsmission in Kolumbien, 2025–2026, zusammengefasst bei Security Council Report – securitycouncilreport.org
  3. Günther Maihold: Amtsübergabe in Kolumbien – ein Land mit tiefen politischen Gräben, Stiftung Wissenschaft und Politik, August 2026 – swp-berlin.org
  4. Laura Camila Barrios Sabogal: Gewalteskalation im Kontext der kolumbianischen Bemühungen um Frieden, PRIF Blog, Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, März 2025 – blog.prif.org
  5. Indepaz: Comunidades en medio de la violencia – balance 2025 sowie laufendes Massaker- und Anführerregister – indepaz.org.co
  6. Unidad para las Víctimas / IDMC: Global Report on Internal Displacement 2026, Auswertung für Kolumbien – unidadvictimas.gov.co

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