Langmannersdorf: Der Mammut-Schlachtplatz in Niederösterreich

Beitragsbild Langmannersdorf

Langmannersdorf an der Perschling ist eine der bekanntesten altsteinzeitlichen Fundstellen Österreichs. Vor rund 25.000 Jahren zerlegten dort eiszeitliche Jäger Mammuts. Auffällig ist vor allem, welche Knochen fehlen: Fußknochen sind kaum vorhanden, was auf eine gezielte Auswahl durch den Menschen hindeutet.

Ein Acker zwischen St. Pölten und Tulln

Langmannersdorf gehört zur niederösterreichischen Gemeinde Perschling und liegt in einer flachen, unspektakulären Landschaft. Wer dort vorbeifährt, sieht Ackerland, ein paar Baumreihen und einen sehr niedrigen Horizont. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine der international bekanntesten altsteinzeitlichen Fundstellen Österreichs liegt, in einer Reihe mit Willendorf und Krems. Unter dem Boden liegen die Reste von Tieren, die vor rund fünfundzwanzigtausend Jahren von Menschen zerlegt wurden, kurz bevor die letzte Eiszeit ihren Höhepunkt erreichte.

Die Geschichte gibt es auch als Video zum anhören und mitschauen:

Von der Seifenfabrik ins Museum

Der Beginn der Forschungsgeschichte ist denkbar unwissenschaftlich. Bewohner der Ortschaft fanden bei der Feldarbeit immer wieder auffällig große Knochen und verkauften sie über Jahre hinweg an eine Seifenfabrik. Tierknochen waren damals ein Rohstoff, aus dem sich Fett und Leim gewinnen ließen; dass es sich um Mammutreste handelte, spielte für den Handel keine Rolle. Erst dieser Knochenhandel machte das Naturhistorische Hofmuseum in Wien auf den Ort aufmerksam.

Zwischen 1904 und 1907 führten Hugo Obermaier und Alois Stummer dort die ersten Grabungen durch. Systematischer wurde es 1919 und 1920 unter Josef Bayer, der zwei Lagerplätze von Mammutjägern freilegte. Wie viele Knochen vorher in der Fabrik verschwunden sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Erhalten sind die Altfunde jener Kampagnen, die bis heute im Naturhistorischen Museum in Wien liegen – und die, wie sich über hundert Jahre später zeigen sollte, noch nicht alles preisgegeben hatten.

Senkrechte Zeitleiste mit sieben Stationen der Erforschung von Langmannersdorf, von den Probegrabungen 1904 bis zur DNA-Studie 2026

Februar 2025: zwei Zonen, fünfzehn Meter Abstand

Danach geschah lange wenig. Im Februar 2025 grub ein Team um den Archäologen Marc Händel vom Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein Stück abseits der historischen Fundstellen. Möglich wurde das durch die Vermittlung der Gemeinde Perschling und die Erlaubnis des Grundbesitzers Erwin Engelhart.

Gefunden wurden zwei mehrere Meter große Fundzonen in nur etwa fünfzehn Metern Abstand, in denen Knochen in mehreren Lagen übereinander lagen. Dazwischen fanden sich Steingeräte und der Abfall, der bei ihrer Herstellung entsteht. Nachgewiesen sind die Reste von mindestens fünf Tieren, darunter vollständige und in Segmente zerlegte Stoßzähne, was auf die Verarbeitung von Elfenbein hindeutet. Eine Feuerstelle mit verbrannten Tierresten und mehrere Gruben kamen dazu. Vollständige Skelette gibt es an keiner der beiden Stellen. An einer Zone liegen die Reste von mindestens drei Tieren, dafür fast keine Wirbel und auffällig wenige Langknochen. Über die gesamte Fundstelle hinweg rechnen die Forschenden mit mehreren Dutzend Tieren. Die aktuellen Funde werden derzeit in einer Außenstelle des Instituts in Krems bearbeitet.

Knochen, die nicht da sind

Der aufschlussreichste Befund ist eine Abwesenheit. Fußknochen fehlen fast vollständig, an anderen Stellen Wirbel. Bei einem Tier, von dem sonst große Mengen erhalten sind, wirkt das nicht wie ein Zufall der Erhaltung, sondern wie das Ergebnis einer Entscheidung. Die naheliegende Deutung: Die Mammuts starben nicht an dieser Stelle. Sie wurden andernorts erlegt, dort grob zerlegt, und nur ausgewählte Teile wurden zum Platz getragen und weiterverarbeitet. Was niemand brauchte, blieb liegen, wo das Tier gefallen war.

Das setzt Ortskenntnis voraus. Ein Mammut zu zerlegen dauert, und wer das über Jahre hinweg am selben Platz tut, muss wissen, wann und wo die Herden durchziehen. Händel beschreibt die Lage als idealen Platz, um Mammuts abzupassen.

Ein alter Streit: Natur oder Mensch?

Hier beginnt eine Debatte, die im Video nur gestreift wird. Große Mammutknochenansammlungen sind aus ganz Mittel- und Osteuropa bekannt, und seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wie sie entstanden sind. Zwei Erklärungen stehen sich gegenüber. Die eine führt sie auf natürliche Prozesse zurück: Flüsse, die Kadaver anschwemmen und an Engstellen ablagern, Sümpfe und Uferhänge, in denen Tiere verenden. Die andere sieht darin das Ergebnis wiederholter menschlicher Nutzung – Jagd, Zerlegung, Sammeln von Knochen als Bau- und Brennmaterial.

Die Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, ob eiszeitliche Menschen das größte Landtier ihrer Umwelt regelmäßig erlegten oder ob sie überwiegend Kadaver nutzten, die sie fanden. Davon hängt ab, wie man sich Organisation, Risikobereitschaft und Ernährung dieser Gruppen vorstellt. Genau diese Frage bearbeitet auch das europäische Forschungsprojekt MAMBA, kurz für „Exploring Mammoth Bone Accumulations in Central Europe“, in das die Grabung von Langmannersdorf eingebettet ist. Untersucht werden Fundstellen in Österreich, Polen und Tschechien, dazu die klimatischen und ökologischen Veränderungen zwischen 35.000 und 25.000 Jahren vor heute.

MAMBA – „Exploring MAMmoth-Bone Accumulations In Central Europe“

  • Fünfjähriges Forschungsprojekt, geleitet von Dr. Jarosław Wilczyński (Polnische Akademie der Wissenschaften)
  • Über 20 Forschende aus Europa und den USA
  • Partner: Österreich, Tschechien, Deutschland, Schweden, Großbritannien
  • Frage: Wie und warum entstanden große Mammutknochenansammlungen vor 35.000 bis 25.000 Jahren?
  • These: Werkzeuge und Strukturen an den Fundstellen sprechen für bewusste menschliche Auswahl
  • Methoden: alte DNA, Isotopenanalyse, radiometrische Datierung, Umweltrekonstruktion
  • Langmannersdorf ist eine der untersuchten Fundstellen

Was das Erbgut von 521 Mammuts zeigt

Im Juli 2026 erschien in der Fachzeitschrift Current Biology eine Studie, die diese Debatte mit genetischen Daten angeht. Ein internationales Team um Hannah Moots vom Zentrum für Paläogenetik in Stockholm bestimmte das genetische Geschlecht von 521 Wollhaarmammuts, für 448 davon wurden die Daten neu erzeugt. Das ist eine der größten Mammut-Erbgutstudien überhaupt.

Balkendiagramm mit drei Gruppen, das den Anteil weiblicher und männlicher Mammuts vergleicht: 70 Prozent weiblich an Fundstellen mit menschlichen Spuren, 33,5 Prozent an natürlichen Fundlagen, 7 von 10 in Langmannersdorf

Der Vergleich ist einfach und wirkungsvoll. 100 Tiere stammen aus elf Fundstellen mit menschlichen Spuren, die zwischen etwa 30.000 und 20.000 Jahren alt sind; 421 stammen aus verstreuten, natürlichen Fundlagen in Eurasien und Nordamerika. An den Fundstellen mit menschlichen Spuren sind siebzig Prozent der Tiere weiblich. An den natürlichen Fundlagen ist es umgekehrt, dort liegt der Anteil männlicher Tiere bei rund 66,5 Prozent. Langmannersdorf ist mit zehn Altfunden aus den Grabungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts vertreten, sieben davon weiblich.

Für die Autorinnen und Autoren spricht dieses Muster dafür, dass viele dieser Knochenansammlungen auf wiederholte menschliche Nutzung zurückgehen und nicht auf natürliche Sterblichkeit. Der Überhang an Bullen in den verstreuten Fundlagen passt umgekehrt zu Einzelgängern, die eher in natürliche Fallen geraten – steile Uferhänge, sumpfiger Untergrund – und dort gut erhalten bleiben.

Diagramm zur Zusammensetzung der Mammutstudie: 421 Tiere aus natürlichen Fundlagen und 100 aus elf Fundstellen mit menschlichen Spuren, 448 von 521 Genomen neu erzeugt, 10 Altfunde aus Langmannersdorf

Was offen bleibt

Warum die Menschen überwiegend Kühe erlegten, beantwortet die Studie ausdrücklich nicht. Möglich ist eine bewusste Auswahl. Möglich ist aber auch, dass die Begegnungswahrscheinlichkeit den Ausschlag gab: Kühe ziehen mit ihren Jungtieren in Herden, ausgewachsene Bullen sind eher allein unterwegs. Herden sind leichter aufzuspüren und in ihren Bewegungen besser vorhersehbar, und Tiere mit Nachwuchs sind weniger beweglich.

Die nächsten Schritte sind bereits absehbar. Geschlechts- und Altersbestimmung sollen kombiniert werden, um die Struktur der erlegten Gruppen zu rekonstruieren. Isotopenanalysen an den Zähnen sollen zeigen, wie die Tiere wanderten und zu welchen Jahreszeiten – und damit, ob die Menschen diese Wanderungen kannten und für sich nutzten. Kurz nach der Zeit, aus der die Funde stammen, verschwanden die Mammuts aus der Region. Langmannersdorf ist die jüngste Fundstelle Mitteleuropas mit großen Mengen an Mammutknochen. Heute wächst über all dem Getreide.

Weiterlesen: Dass Jäger und Sammler mehr planten und wagten, als man ihnen lange zutraute, zeigt auch ein Fund auf Malta: Vor rund 8.500 Jahren erreichten sie die Insel über mindestens 85 Kilometer offenes Meer. Wie das gelang, erfahrt ihr im Beitrag 8500 Jahre alt: die erste Hochseefahrt der Menschheit.

Quellen

  1. Moots, H. M. et al.: Paleogenomic sex inference of mammoth remains sheds light on the anthropogenic nature of bone accumulations. Current Biology 36 (16), 2026, S. 4233-4242.e4. https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.023
  2. Österreichische Akademie der Wissenschaften: Neue Mammutknochenfunde geben Einblicke in den Alltag eiszeitlicher Jäger, 19.03.2025. https://www.oeaw.ac.at/news/niederoesterreich-neue-mammutknochenfunde-geben-einblicke-in-den-alltag-eiszeitlicher-jaeger-1
  3. NÖN: Langmannersdorf – Archäologen entdeckten steinzeitlichen Mammut-Schlachtplatz, 19.03.2025. https://www.noen.at/herzogenburg/langmannersdorf-archaeologen-entdeckten-steinzeitlichen-mammut-schlachtplatz-465961734
  4. Der Standard: Gejagt und gedealt – zerlegte Mammuts in Niederösterreich entdeckt, 19.03.2025. https://www.derstandard.at/story/3000000261192/gejagt-und-gedealt-zerlegte-mammuts-in-niederoesterreich-entdeckt
  5. MAMBA-ERC: About MAMBA, https://www.mamba-erc.com/what-we-do

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