Abschuss des Flugs Malaysia MH17

Beitragsbild Malaysia MH17

Routineflug über der Front

Es ist ein regulärer Linienflug mit der Nummer MH17. Am Vormittag des 17. Juli 2014 rollt am Flughafen Amsterdam eine Boeing 777 der Malaysia Airlines zur Startbahn 36C. Ziel ist Kuala Lumpur. An Bord sitzen 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder – Geschäftsreisende, Urlauber, Familien, ein ganz normales internationales Publikum auf dem Weg nach Asien. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Flug wenige Stunden später weltweit Schlagzeilen machen wird.

Um 10:31 Uhr hebt die 17 Jahre alte Maschine ab und nimmt Kurs Richtung Südosten. Sie überfliegt Deutschland und Polen, dann erreicht sie den ukrainischen Luftraum, freigegeben von Eurocontrol und der Internationalen Organisation für zivile Luftfahrt – trotz der bereits bekannten Kämpfe im Osten des Landes. Im Donbass liefern sich zu diesem Zeitpunkt prorussische Separatisten und ukrainische Truppen Gefechte, doch für die zivile Luftfahrt gilt der obere Luftraum über der Front offiziell als sicher.

Die Ukraine hat den Luftraum im Konfliktgebiet nur bis 32.000 Fuß Höhe gesperrt; MH17 fliegt auf 33.000 Fuß, knapp darüber, auf üblicher Reiseflughöhe. Hunderte internationale Linienflüge haben in den Tagen zuvor dieselbe Route genutzt, rund drei Viertel aller üblichen Verbindungen passieren weiterhin diese Korridore über dem Kriegsgebiet. Auch an diesem Nachmittag sind weitere Passagiermaschinen in der Nähe unterwegs. Aus Sicht der Fluggesellschaft ist es ein kalkuliertes Risiko – aus Sicht vieler Passagiere wohl nicht. Für sie ist es einfach ein weiterer Langstreckenflug durch den Himmel über Europa.

Abschuss von MH17

Gegen 13:20 Uhr verschwindet MH17 plötzlich von den Radarschirmen der Fluglotsen, mitten über der Ostukraine. Die Maschine fliegt in rund zehn Kilometern Höhe, als in der Nähe des Dorfes Grabowo in der Region Donezk eine Flugabwehrrakete des Typs Buk M1 explodiert – nahe der linken Cockpitseite. Splitter zerfetzen die Front des Flugzeugs, innerhalb von Sekunden bricht der Rumpf auseinander. Wrackteile und Leichname stürzen über ein weites Gebiet, Felder und Dörfer werden buchstäblich zu einer offenen Absturzstelle.

Das Gebiet unter der Flugroute wird zu diesem Zeitpunkt von prorussischen Kräften kontrolliert, die sich seit Monaten schwere Gefechte mit der ukrainischen Armee liefern. Beide Seiten setzen in diesem Konflikt moderne Waffen ein, darunter auch Flugabwehrsysteme. Am Tag des Abschusses werden in der Region bereits zuvor Militärflugzeuge getroffen, die Separatisten prahlen in sozialen Netzwerken mit angeblichen Erfolgen. In dieser aufgeheizten Lage taucht auf den Bildschirmen einer Buk-Besatzung ein Ziel auf, das womöglich für ein ukrainisches Militärflugzeug gehalten wird – tatsächlich ist es ein voll besetzter Passagierjet.

Für die 298 Menschen an Bord der Maschine des Flugs MH17 bleibt keine Chance. Die Besatzung im Cockpit kann die Katastrophe nicht mehr verhindern. Trümmer schlagen in Wohnhäuser, Felder und Gärten ein. Anwohner berichten später von Leichenteilen und Koffern, die vom Himmel fallen. Noch während erste Bilder aus dem Donbass um die Welt gehen, beginnt der Kampf um die Deutung: Die Separatisten beschuldigen Kiew, die Ukraine verweist auf die von Russland unterstützten Kräfte – doch schon bald rückt die Buk-Rakete in den Mittelpunkt der internationalen Ermittlungen.

Chaos im Donbass

Das Trümmerfeld von MH17 zieht sich über rund 35 Quadratkilometer, die Hauptteile des Rumpfes liegen bei Hrabowe nördlich von Tores, der abgerissene Cockpitbereich nahe Rossypne. Dieses Gebiet ist Frontlinie: Es gehört zur selbsternannten Volksrepublik Donezk und wird von bewaffneten Freischärlern kontrolliert. Noch bevor Ermittler eintreffen, durchkämmen Kämpfer und Anwohner das Gelände. Es kommt zu Plünderungen und Wertgegenstände verschwinden.

Die Behandlung der Toten wirkt zunächst ebenso chaotisch wie herzlos. Rebellen bringen die Leichen aus dem vorderen Rumpfabschnitt rasch in ein Leichenhaus nach Donezk, der Rest bleibt tagelang in den Feldern liegen. Erst nach drei Tagen werden die Körper in Säcke gepackt, an Straßenrändern gesammelt und nach Tores gebracht, wo sie schließlich in einem Kühlzug gelagert werden – dessen Kühlung zeitweise ausfällt. Die Bilder von improvisierten Leichenreihen auf offener Strecke gehen um die Welt und lassen Zweifel aufkommen, ob hier irgendjemand die Dimension dieser Katastrophe begriffen hat.

Gleichzeitig beginnen die Kämpfe um die Deutungshoheit. Russische und separatistische Stellen verbreiten früh die Version, man habe eine ukrainische Militärmaschine getroffen; in sozialen Medien kursieren Gerüchte, Fälschungen und gezielte Desinformation. Während Angehörige verzweifelt auf klare Informationen warten, werden an der Absturzstelle Beweisstücke entfernt: OSZE-Beobachter sehen später, wie Cockpitteile zersägt und Wrackstücke sogar als Material für Straßensperren genutzt werden. In diesem Durcheinander aus Krieg, Propaganda und Interessen ist es nicht einfach, die Wahrheit zu finden.

Spur der Buk Rakete

Die technische Untersuchung bringt einen klaren Verdacht ans Licht: MH17 wurde nicht von innen zerstört, etwa durch einen Defekt oder ähnliches, sondern von außen. Durch eine Flugabwehrrakete des Typs Buk M1. Fragmente dieser Rakete werden im Wrack, in den Körpern der Besatzung und rund um die Cockpitteile gefunden. Der russische Hersteller Almas-Antei identifiziert Trümmer als Teile einer Buk-Lenkwaffe; Tests in Finnland und der Ukraine bestätigen das Schadensbild. Charakteristische Splitter in Schmetterlingsform gelten als „Signatur“ dieses Waffensystems.

Parallel dazu arbeitet das internationale Joint Investigation Team – ein Strafverfolger-Verbund aus den Niederlanden, Australien, Belgien, Malaysia und der Ukraine. Es wertet abgehörte Telefonate, Radardaten, Satellitenbilder und hunderte Fotos und Videos aus, die im Netz kursieren. Online-Detektive und das Recherchekollektiv Bellingcat liefern zusätzliche Puzzleteile, indem sie Bildmaterial geolokalisieren und Fahrzeugkonvois nachverfolgen.

Laut den Ermittlern stammt der Raketenwerfer von der 53. Luftabwehrbrigade der russischen Streitkräfte im russischen Kursk. Im Juli 2014 wird er in einem Konvoi nach Osten verlegt, über die Grenze in die Ukraine, in ein Gebiet unter Kontrolle prorussischer Kräfte. Von einem Feld aus, wird die Rakete abgefeuert; kurz darauf kehrt der Werfer – nun ohne Rakete – am selben Tag zurück nach Russland. Es werden rund 100 Personen identifiziert, die an Transport, Sicherung und Einsatz der Buk beteiligt sein sollen – ein Aufwand, der schwer mit der Legende vom „Missverständnis im Nebel des Krieges“ vereinbar ist.

Suche nach Gerechtigkeit

Es beginnt ein langwieriger Kampf um Wahrheit und Verantwortung. Die Niederlande übernehmen die Leitung der Ermittlungen und sammeln über Jahre Beweise. Heimlich aufgezeichnete Telefonate, Radardaten, Wrackanalysen, Fotos und Videos aus dem Netz werden zusammengeführt.

Am 17. November 2022 verurteilt ein niederländisches Gericht den früheren russischen Geheimdienstoberst Igor Girkin und zwei weitere Angeklagte in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Sie gelten als Schlüsselfiguren bei Beschaffung und Einsatz des Buk-Systems, das MH17 abgeschossen hat. Russland bezeichnet das Urteil als „skandalös“ und stellt sofort klar, dass es eigene Staatsbürger nicht ausliefern wird – ein deutliches Signal, welchen Stellenwert diese Urteile in Moskau tatsächlich haben.

Doch damit ist die juristische Aufarbeitung nicht zu Ende. Im Mai 2025 erklärt der Luftfahrtrat der Vereinten Nationen Russland offiziell für den Abschuss von MH17 verantwortlich. Im Juli 2025 folgt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und bestätigt ebenfalls die Verantwortung Russlands. Für die Angehörigen herrscht damit zumindest juristische Klarheit, dass die Verstorbenen nicht Opfer eines „tragischen Unglücks“ wurden, sondern eines völkerrechtswidrigen Raketenangriffs.

Moskau reagiert, wie vorher: Man leugnet jede Schuld, spricht von voreingenommenen Untersuchungen und weigert sich, die Entscheidungen zu akzeptieren. In Russland werden alternative Erzählungen gepflegt, von angeblichen ukrainischen Tätern und anderen abenteuerlichen Theorien. Für die Familien der 298 Toten bleibt die bittere Erkenntnis: Die Täter sind benannt, die Verantwortung ist juristisch festgestellt – aber der Staat, aus dessen System die Mordwaffe stammt, lehnt jede Verantwortung ab.

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