Jack the Ripper und seine wahre Geschichte

Beitragsbild Jack the Ripper

Am 31. August 1888, kurz nach halb vier in der Früh, ging der Fuhrmann Charles Cross durch die Buck’s Row in Whitechapel zur Arbeit. Vor einem Stalltor sah er etwas auf dem Boden liegen und hielt es zuerst für eine Plane. Erst aus der Nähe erkannte er, dass es eine Frau war. Ihr Hals war durchgeschnitten. Dass man ihr auch den Bauch aufgeschlitzt hatte, entdeckte ein Polizeiinspektor erst Stunden später in der Leichenhalle. Die Tote hieß Mary Ann Nichols, sie war 43 Jahre alt. In den folgenden zehn Wochen starben in denselben Gassen vier weitere Frauen auf ähnliche Weise. Der Täter bekam einen Namen, den heute fast jeder kennt, aber kein Gesicht. Wer Jack the Ripper war, weiß man bis heute nicht.

Ein Viertel, in dem ein Bett vier Pence kostete

Whitechapel lag im Osten Londons und war 1888 eines der ärmsten Viertel der Stadt. Rund 80.000 Menschen lebten dort. Die Polizei zählte 233 einfache Schlafhäuser, in denen Nacht für Nacht etwa 8.500 Menschen unterkamen. Ein Bett kostete vier Pence. Wer weniger hatte, zahlte zwei Pence für einen Platz an einem Seil, das quer durch den Schlafsaal gespannt war, und schlief im Sitzen darüber gelehnt. Wer auch das nicht hatte, schlief im Hausflur oder auf der Straße.

KennzahlWert
Einwohner Whitechapelsrund 80.000
Einfache Schlafhäuser233
Übernachtungsgäste pro Nachtrund 8.500
Preis für ein Bett4 Pence
Platz am gespannten Seil2 Pence

Genau in dieser Lage waren mehrere der späteren Opfer. Sie hatten in den Nächten, in denen sie starben, nicht genug Geld für ein Bett und waren deshalb draußen unterwegs. Der Sozialforscher Charles Booth ließ in diesen Jahren Straße für Straße erfassen, wie arm die Bewohner waren, und trug das farbig in Karten ein. Große Teile von Whitechapel bekamen die beiden dunkelsten Farben seiner Skala.

Nächtliche Gasse in Whitechapel 1888 mit Gaslaterne, Nebel und rußgeschwärzten Häusern

Zehn Wochen im Herbst 1888

Nach Mary Ann Nichols wurde am 8. September Annie Chapman in einem Hinterhof der Hanbury Street gefunden. In der Nacht auf den 30. September starben gleich zwei Frauen: Elizabeth Stride wurde gegen ein Uhr in einem Hof an der Berner Street gefunden, Catherine Eddowes nicht einmal eine Stunde später am Mitre Square, rund 800 Meter entfernt. Am 9. November schließlich fand man Mary Jane Kelly, mit etwa 25 Jahren die Jüngste, in ihrem Zimmer im Miller’s Court. Sie war am schwersten verstümmelt.

Zeitleiste der Ereignisse von April 1888 bis Februar 1894 im Fall Jack the Ripper

Die Taten folgten einem Muster. Alle geschahen in der Nacht, meist an oder kurz nach einem Wochenende, und alle innerhalb eines Gebiets von weniger als einem Quadratkilometer. Getötet wurde mit einem Messer: zuerst ein Schnitt durch den Hals, dann die Verstümmelungen, die von Mal zu Mal schlimmer wurden. Nur bei Elizabeth Stride blieb es beim Schnitt durch den Hals, vermutlich wurde der Täter dort gestört. Bei Catherine Eddowes fehlte danach die linke Niere.

Jack the Ripper: Schematische Karte der fünf Tatorte von 1888 in Whitechapel und Spitalfields mit Maßstab

Der Mitre Square lag schon in der City of London, also im Gebiet einer anderen Polizeibehörde. Das erschwerte die Ermittlungen in dieser Nacht erheblich. In der nahen Goulston Street fanden Beamte ein Stück von Eddowes‘ Schürze und darüber eine Kreideschrift an der Wand. Polizeichef Charles Warren ließ sie noch vor Tagesanbruch abwaschen, bevor jemand sie fotografieren konnte. Er fürchtete, sie könnte Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner des Viertels auslösen. Ob sie überhaupt vom Täter stammte, weiß man nicht.

Das Video zu diesem Thema auf unserem Kanal erzählt den Fall aus der Perspektive der Menschen, die damals in Whitechapel lebten, und zeigt den Bezirk in gezeichneten Bildern – dieser Artikel liefert dazu die Zahlen, Datierungen und den Forschungsstand.

Ein Name aus der Zeitungsredaktion

Ende September 1888 erhielt die Nachrichtenagentur Central News in London einen Brief in roter Tinte. Der Schreiber kündigte an, weiterzumachen, und unterschrieb mit „Jack the Ripper“. Bis dahin hatte die Presse den Unbekannten „Leather Apron“ genannt, Lederschürze. Nachdem der Brief veröffentlicht war, ging der neue Name innerhalb weniger Tage um die Welt.

Die Polizei hielt den Brief von Anfang an für einen Schwindel. Später nannte ein ehemaliger Chefinspektor einen Journalisten als mutmaßlichen Verfasser, beweisen ließ sich das nie. Insgesamt gingen Hunderte solcher Briefe ein. Einer davon fiel aus der Reihe: Am 16. Oktober bekam George Lusk, der Leiter einer Bürgerwehr in Whitechapel, ein Päckchen mit einer halben menschlichen Niere in Alkohol. Ob sie von Catherine Eddowes stammte, ist bis heute offen.

Ermitteln ohne Fingerabdruck

Die Polizei arbeitete mit den Mitteln ihrer Zeit, und die waren dünn. Fingerabdrücke führte Scotland Yard erst 1901 ein, die Blutgruppen wurden im selben Jahr entdeckt. Ob Blut auf einer Jacke von einem Menschen oder einem Tier stammte, konnte 1888 niemand zuverlässig sagen.

Stattdessen setzte die Polizei auf Fleißarbeit. Ein Bericht an das Innenministerium vom Oktober 1888 nennt mehr als 2.000 Befragungen, rund 300 überprüfte Personen und 80 vorübergehend Festgenommene. Weil viele einen Metzger hinter den Taten vermuteten, wurden 76 Metzger und Schlachter samt ihren Angestellten überprüft. Der Polizeiarzt Thomas Bond verfasste eine Einschätzung des Täters, die als eines der ersten Täterprofile überhaupt gilt. Er hielt den Mörder für einen Einzelgänger ohne jede anatomische Ausbildung, nicht einmal die eines Metzgers. Andere Ärzte sahen das anders. Die bis heute verbreitete Vorstellung vom Chirurgen als Täter beruht also auf einer umstrittenen Meinung, nicht auf einem Befund.

Wie schnell Druck und öffentliche Meinung zu falschen Verdächtigungen führen, zeigt der Fall John Pizer. Die Zeitungen hatten den jüdischen Schuhmacher als „Leather Apron“ ausgemacht. Er wurde festgenommen, obwohl der zuständige Inspektor keinerlei Beweise gegen ihn sah, und kam erst frei, als sich seine Alibis bestätigten.

Wer die fünf Frauen waren

Lange galt als sicher, dass alle fünf Opfer Prostituierte waren. Die Historikerin Hallie Rubenhold hat das 2019 in ihrem Buch „The Five“ überprüft. Belegen lässt es sich nach ihrer Arbeit nur bei Elizabeth Stride und Mary Jane Kelly. Für die drei anderen fand sie keine Nachweise. Mary Ann Nichols, Annie Chapman und Catherine Eddowes waren wohnungslos und tranken, und sie schliefen in den Mordnächten im Freien, weil ihnen die vier Pence für ein Bett fehlten. Ihr Buch wurde ausgezeichnet und zugleich scharf kritisiert, und die Debatte darüber ist nicht abgeschlossen.

Unbestritten ist, dass hinter jedem Namen ein Leben stand. Mary Ann Nichols war verheiratet und hatte fünf Kinder, bevor die Ehe zerbrach. Annie Chapman verlor zuerst Kinder, dann ihren Mann und mit ihm das Geld, von dem sie lebte. Catherine Eddowes zog jahrelang mit einem Mann durch das Land und verkaufte gedruckte Lieder. Rubenhold vertritt die These, dass die Bezeichnung „Prostituierte“ es der damaligen Öffentlichkeit leicht machte, über diese Lebensgeschichten hinwegzusehen. Wir sehen das genauso: Mit dem Etikett war für viele die Frage erledigt, wer diese Frauen eigentlich waren.

Mehr als hundert Verdächtige, kein Täter

Im Lauf der Zeit wurden über hundert Männer verdächtigt. In den Polizeiakten jener Jahre tauchen nur wenige auf, vor allem drei Namen aus einem internen Vermerk von 1894: der Anwalt Montague John Druitt, der Ende 1888 tot aus der Themse geborgen wurde, der polnisch-jüdische Friseur Aaron Kosminski und der vorbestrafte Hochstapler Michael Ostrog. Der Verfasser des Vermerks schrieb allerdings nicht, einer von ihnen sei der Täter. Er schrieb nur, jeder von ihnen komme eher infrage als der Mann, den gerade eine Zeitung beschuldigte.

2019 schien die Sache plötzlich gelöst. Zwei Forscher meldeten, sie hätten auf einem Seidenschal, der Catherine Eddowes gehört haben soll, DNA gefunden, die zu Nachfahren von Eddowes und von Kosminski passe. Die Schlagzeilen lauteten: Jack the Ripper überführt. Die Kritik kam sofort. Die untersuchte DNA-Art teilen Tausende Menschen derselben mütterlichen Linie, es ist nicht einmal belegt, dass der Schal je an einem Tatort lag, und die Rohdaten wurden nicht veröffentlicht. 2024 versah die Fachzeitschrift den Artikel mit einem förmlichen Vorbehalt, weil sich das Ergebnis nicht nachprüfen ließ. Der Fall ist damit so offen wie zuvor.

Was man nicht sicher weiß

Schon die Zahl der Opfer ist umstritten. Die Akte der Londoner Polizei umfasste elf Morde zwischen April 1888 und Februar 1891. Dass man heute von genau fünf spricht, geht auf zwei Einschätzungen aus dem 19. Jahrhundert zurück, eine von Thomas Bond im November 1888 und eine aus dem Vermerk von 1894. Manche Forscher halten nur drei Fälle für sicher verbunden, andere rechnen sechs Taten demselben Täter zu. Auch warum die Serie nach dem 9. November 1888 endete, ist unbekannt. Ob der Täter starb, eingesperrt wurde, in eine Anstalt kam oder auswanderte, lässt sich nicht sagen.

Warum der Ripper nicht verschwindet

Gemessen an der Zahl der Opfer gab es Mörder, die weit mehr Menschen getötet haben. Berühmt ist Jack the Ripper aus einem anderen Grund: Man weiß bis heute nicht, wer er war, und der Fall wurde nie aufgeklärt. Genau diese offene Frage lässt die Leute seit fast 140 Jahren nicht los. Noch dazu war die Waffe ein Messer, und der Täter kam in der Nacht, tötete in dunklen Höfen und Gassen und verschwand, ohne dass ihn jemand sicher erkannt hätte. So etwas eignet sich natürlich immer gut für eine Geschichte, und jede neue Theorie, jedes neue Buch und jede Schlagzeile wie die vom DNA-Beweis hält sie am Leben.

Dabei hat der Fall auch etwas Bleibendes bewirkt. Die Berichte über die Morde lenkten den Blick des wohlhabenden London auf die Elendsviertel im Osten der Stadt. In den folgenden Jahrzehnten wurden die schlimmsten Quartiere abgerissen, darunter die Dorset Street, in der Mary Jane Kelly starb. Und die Polizei lernte an diesem Fall, was ihr fehlte: ein sicheres Verfahren, um Menschen eindeutig zu erkennen. Dreizehn Jahre später hatte Scotland Yard die Fingerabdrücke.

Weiterlesen: Welche Macht Zeitungen haben können, zeigt nicht nur der Name „Jack the Ripper“: Knapp hundert Jahre später trugen Recherchen der Washington Post dazu bei, einen US-Präsidenten zu Fall zu bringen. Wie es dazu kam, erfahrt ihr im Beitrag Wie Watergate die US-Geschichte veränderte und einen Präsidenten stürzte.

Quellen

  1. Hallie Rubenhold: The Five. The Untold Lives of the Women Killed by Jack the Ripper. Doubleday, London 2019 (deutsch: The Five, Nagel & Kimche 2020).
  2. Jari Louhelainen, David Miller: Forensic Investigation of a Shawl Linked to the „Jack the Ripper“ Murders. Journal of Forensic Sciences, 2019. doi:10.1111/1556-4029.14038 – dazu die Expression of Concern der Zeitschrift, 2024, doi:10.1111/1556-4029.15595
  3. Robert D. Keppel u. a.: The Jack the Ripper murders: a modus operandi and signature analysis of the 1888–1891 Whitechapel murders. Journal of Investigative Psychology and Offender Profiling 2 (2005), S. 1–21. doi:10.1002/jip.22
  4. Gunter Wolf: A kidney from hell? A nephrological view of the Whitechapel murders in 1888. Nephrology Dialysis Transplantation 23 (2008), S. 3343–3349. doi:10.1093/ndt/gfn198
  5. Charles Booth’s London. Digitalisiertes Archiv der Armutskartierung, London School of Economics. booth.lse.ac.uk
  6. Jack the Ripper. Encyclopædia Britannica. britannica.com/biography/Jack-the-Ripper

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