Frankreichs erster Koalitionskrieg

Beitragsbild Frankreichs Erster Koalitionskrieg

Am 12. Februar 1797 feierte Kaiser Franz II. in Wien seinen 29. Geburtstag. Im Burgtheater erklang an diesem Abend zum ersten Mal ein Lied, das Joseph Haydn eigens dafür komponiert hatte: „Gott erhalte Franz den Kaiser“. Bestellt hatte es ein hoher Beamter des Hofes, und der Zweck war klar. Österreich sollte eine eigene Hymne bekommen, als Antwort auf die Marseillaise der französischen Revolutionäre. Zehn Tage vorher war in Oberitalien die Festung Mantua gefallen, die letzte große österreichische Bastion dort. Und der General, der sie erobert hatte, war 27 Jahre alt und hieß Napoleon Bonaparte. Zwei Monate später stand er mit seiner Armee in der Steiermark, rund 130 Kilometer vor Wien, und in der Hauptstadt wurden Freiwillige zu den Waffen gerufen. Wie konnte es so weit kommen?

Karte Westeuropas mit den Orten der wichtigsten Schlachten und Friedensschlüsse des Ersten Koalitionskriegs von Pillnitz 1791 bis Campo Formio 1797, farblich nach französischen Siegen, Siegen der Koalition und Verträgen unterschieden

Ein Bruder der Königin und eine Drohung ohne Biss

Der Krieg hatte viel mit Österreich zu tun, und das von Anfang an. Die französische Königin Marie-Antoinette war eine Tochter Maria Theresias. Als die Revolution in Frankreich den König Ludwig XVI. immer mehr entmachtete und die Königsfamilie im Juni 1791 bei einem Fluchtversuch in Varennes aufgehalten und nach Paris zurückgebracht wurde, wuchs an den europäischen Höfen die Sorge. Am 27. August 1791 trafen sich Kaiser Leopold II., Marie-Antoinettes Bruder, und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen auf Schloss Pillnitz bei Dresden. Sie erklärten, die Lage des französischen Königs gehe alle Herrscher Europas an.

Die Erklärung hatte allerdings einen Haken. Handeln wollten die beiden nur, wenn auch die übrigen Großmächte mitmachten, und das galt als ausgeschlossen. Leopold hatte diese Bedingung bewusst gewählt, um nicht in einen Krieg hineingezogen zu werden. In Paris kam die Erklärung trotzdem als Drohung an. Dort gab es eine Gruppe um Jacques-Pierre Brissot, die später Girondisten genannt wurde, und sie wollte den Krieg sogar. Er sollte die Revolution im Inneren festigen und die Freiheit zu den Nachbarvölkern tragen.

Die Kriegserklärung an den König von Böhmen und Ungarn

Leopold II. starb im März 1792, und sein Sohn Franz übernahm die Herrschaft. Am 20. April 1792 erklärte Frankreich dem „König von Böhmen und Ungarn“ den Krieg. Gemeint war Franz, der erst einige Monate später zum Kaiser gekrönt wurde. Preußen, seit Februar mit Österreich verbündet, trat an seine Seite.

Für Frankreich begann der Krieg schlecht. Viele adelige Offiziere waren ins Ausland geflohen, und die ersten Vorstöße in die Österreichischen Niederlande, das heutige Belgien, scheiterten. Im Juli 1792 drohte der Oberbefehlshaber der Verbündeten, der Herzog von Braunschweig, mit der Zerstörung von Paris, falls der Königsfamilie etwas geschehe. Die Wirkung war das Gegenteil des Gewollten. Am 10. August 1792 stürmten Aufständische den Königspalast, die Tuilerien, und der König wurde abgesetzt und eingesperrt.

Valmy: der Tag, an dem die Preußen stehen blieben

Im Spätsommer 1792 rückten preußische und österreichische Truppen nach Frankreich vor, nahmen die Festungen Longwy und Verdun ein, und der Weg nach Paris schien offen. Am 20. September trafen sie beim Dorf Valmy auf die französische Armee. Zu einer richtigen Schlacht kam es gar nicht. Beide Seiten beschossen sich stundenlang mit Kanonen, doch als die französischen Linien standhielten, griffen die Preußen nicht an. Die Verluste waren gering. Trotzdem zog sich Braunschweig in den folgenden Wochen zurück, geplagt von Regen, Nachschubproblemen und der Ruhr in seinem Heer. Einen Tag nach Valmy schaffte Frankreich die Monarchie ab.

Französische Revolutionssoldaten in blauen Röcken halten ihre Linie neben einer Windmühle auf einem Hügel, Kanonenrauch zieht über nasse Felder, im Hintergrund preußische Infanterie
Die Kanonade von Valmy am 20. September 1792. Rekonstruktion, KI-generiert

Jetzt ging Frankreich zum Angriff über, und das traf Österreich zuerst. Am 6. November 1792 siegten die Franzosen bei Jemappes nahe Mons und besetzten in den folgenden Wochen fast die gesamten Österreichischen Niederlande. Belgien gehörte seit 1714 zu Österreich und war ein wohlhabendes Land mit Handel und Gewerbe, weit weg von Wien, aber wertvoll.

Ganz Frankreich unter Waffen

Am 21. Jänner 1793 wurde Ludwig XVI. hingerichtet, am 16. Oktober 1793 folgte Marie-Antoinette, die Tochter Maria Theresias. Der Krieg weitete sich aus. Großbritannien, die Niederlande und Spanien standen nun ebenfalls gegen Frankreich, dazu Sardinien-Piemont, Neapel, Portugal und das Heilige Römische Reich. Im Frühjahr 1793 sah es für die Revolution schlecht aus: Bei Neerwinden verloren die Franzosen gegen Österreich, Belgien ging wieder verloren, und im Westen Frankreichs erhoben sich in der Vendée die Bauern gegen die Zwangsaushebungen.

Die Antwort aus Paris war die „levée en masse“ vom 23. August 1793. Alle Franzosen wurden in den Dienst des Krieges gestellt: junge unverheiratete Männer als Soldaten, alle anderen für Waffen, Verpflegung und Pflege. So entstanden Armeen in einer Größe, die das 18. Jahrhundert nicht gekannt hatte. Im Herbst 1793 wendete sich das Blatt. Im Dezember eroberten die Franzosen den Hafen Toulon von den Briten zurück, und ein junger Artilleriehauptmann namens Bonaparte fiel dabei so auf, dass er zum General befördert wurde.

Fleurus, und die Koalition bricht auseinander

Die Entscheidung im Norden fiel am 26. Juni 1794 bei Fleurus. Die Franzosen besiegten dort die österreichische Armee, und Österreich räumte Belgien endgültig. Im strengen Winter 1794/95 zogen französische Truppen über die zugefrorenen Flüsse auch in die Niederlande ein.

1795 zerfiel die Koalition. Preußen schloss am 5. April in Basel einen eigenen Frieden mit Frankreich, Spanien folgte im Juli. Preußen hatte die Kassen leer und den Blick ohnehin woanders: Gemeinsam mit Österreich und Russland teilte es in diesen Jahren Polen unter sich auf, und dort waren viele Truppen gebunden. Österreich, Großbritannien und Sardinien-Piemont kämpften weiter.

Erzherzog Karl gewinnt, Bonaparte gewinnt mehr

Für 1796 plante Frankreich einen Angriff auf Österreich von zwei Seiten. Zwei große Armeen sollten durch Süddeutschland Richtung Wien marschieren, die Armee in Italien unter dem 26-jährigen Bonaparte galt nur als Nebenschauplatz. Es kam umgekehrt. In Deutschland stoppte Erzherzog Karl, ein Bruder des Kaisers, die Franzosen mit Siegen bei Amberg und Würzburg und trieb sie über den Rhein zurück. Für Österreich war Karl damit der Held des Jahres.

In Italien aber siegte Bonaparte Schlag auf Schlag. Er zwang Sardinien-Piemont zum Waffenstillstand, siegte im Mai 1796 an der Brücke von Lodi und zog in Mailand ein, die Hauptstadt der österreichischen Lombardei. Um die Festung Mantua wurde monatelang gekämpft. Vier Mal versuchten österreichische Armeen, sie zu entsetzen, und vier Mal scheiterten sie, zuletzt bei Rivoli im Jänner 1797. Anfang Februar kapitulierte Mantua.

Jetzt schickte Wien seinen besten Feldherrn nach Italien. Doch Erzherzog Karl übernahm eine geschwächte Armee und musste am Tagliamento im März 1797 zurückweichen. Bonaparte zog über die Alpen nach Kärnten und weiter in die Steiermark. Am 4. April 1797 rief Wien die ganze Bevölkerung zum freiwilligen Aufgebot, und Ludwig van Beethoven vertonte dafür ein „Kriegslied der Österreicher“. Zum Kampf kamen die Wiener Freiwilligen nicht mehr. Am 18. April 1797 schloss Österreich in Leoben einen Vorfrieden.

Belgien gegen Venedig

Den endgültigen Frieden unterzeichneten Bonaparte und der österreichische Diplomat Graf Ludwig von Cobenzl am 17. Oktober 1797 in Campo Formio bei Udine. Österreich gab die Österreichischen Niederlande ab und erkannte an, dass die Lombardei Teil einer neuen, von Frankreich abhängigen Republik in Norditalien wurde. Dafür bekam es den größten Teil des Staates Venedig: die Stadt selbst, das Land östlich der Etsch sowie Istrien und Dalmatien. Die Republik Venedig, über tausend Jahre unabhängig, hörte damit auf zu bestehen. In geheimen Zusatzartikeln stellte Österreich außerdem in Aussicht, Frankreich die Grenze am Rhein zuzugestehen.

Lange hielt dieser Frieden nicht. Großbritannien kämpfte allein weiter, und 1799 begann mit einem neuen Bündnis aus Großbritannien, Österreich, Russland und dem Osmanischen Reich der Zweite Koalitionskrieg.

Wer die Ereignisse lieber erzählt als gelesen erleben möchte, findet sie im Video zu diesem Thema zusammengefasst:

Was die Quellen offenlassen

Berühmt ist ein Satz, den Goethe in Valmy als Augenzeuge gesagt haben will: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus.“ Aufgeschrieben hat er ihn allerdings erst rund dreißig Jahre später. Ob er ihn an jenem Abend tatsächlich so sagte, lässt sich nicht belegen. Unbelegt sind auch Gerüchte, der Rückzug der Preußen nach Valmy sei mit Geld erkauft worden. Regen, Krankheit und Versorgung reichen als Erklärung. Und auch das alte Bild vom Kreuzzug der Könige gegen die Revolution passt nur bedingt: Die Kriegserklärung kam aus Paris, und die Erklärung von Pillnitz war absichtlich unverbindlich gehalten.

Was der Krieg für Österreich bedeutete

Für Österreich war der Erste Koalitionskrieg ein schmerzhafter Tausch. Belgien, seit 1714 österreichisch und reich an Handel und Gewerbe, war verloren und kam nie wieder zurück. Die Lombardei mit Mailand ging ebenfalls verloren. Dafür erhielt man Venedig, Istrien und Dalmatien und damit eine lange Küste an der Adria, die für die Monarchie bis 1918 wichtig blieb. Venedig allerdings musste Österreich schon 1805 nach der nächsten Niederlage wieder abgeben, und erst nach 1815 kam es für ein halbes Jahrhundert zurück.

Geblieben ist aus diesen Jahren mehr, als man meinen würde. Haydns Kaiserhymne wurde zum Lied der Monarchie, und ihre Melodie ist heute die Melodie der deutschen Nationalhymne. Erzherzog Karl, der 1796 die französischen Armeen in Deutschland aufgehalten hatte, sollte Napoleon 1809 bei Aspern eine Niederlage beibringen, die als seine erste große Niederlage auf dem Schlachtfeld gilt. Und Bonaparte selbst kam aus diesem Krieg als der Mann zurück, an dem in Frankreich niemand mehr vorbeikam. Der Krieg, der 1792 begann, war damit erst der Anfang: Bis 1815 sollte Europa kaum mehr zur Ruhe kommen.

Der Erste Koalitionskrieg

  • Dauer: 20. April 1792 bis 17. Oktober 1797
  • Gegner Frankreichs (zeitweise): Österreich, Preußen, Großbritannien, Niederlande, Spanien, Sardinien-Piemont, Neapel, Portugal, Heiliges Römisches Reich
  • Österreichs Verluste: Österreichische Niederlande (Belgien), Lombardei
  • Österreichs Gewinne: Venedig, Venetien östlich der Etsch, Istrien, Dalmatien
  • Vorfriede von Leoben: 18. April 1797, rund 130 km vor Wien

Weiterlesen: Die Kriegsepoche, die 1792 begann, endete erst 1815: Auf dem Wiener Kongress ordneten die Siegermächte Europa neu, während Napoleon sein letztes Comeback versuchte. Wie das ablief, erfahrt ihr im Beitrag Der Kongress tanzt: Europas Neuordnung in Wien.

Quellen

  1. Encyclopaedia Britannica: Treaty of Campo Formio. https://www.britannica.com/event/Treaty-of-Campo-Formio
  2. Encyclopaedia Britannica: Declaration of Pillnitz. https://www.britannica.com/event/Declaration-of-Pillnitz
  3. Deutsches Historisches Museum: Krieg und Frieden – Wofür streiten wir: Für die Nation? https://www.dhm.de/bildung/ida/krieg-frieden/nation/
  4. Historisches Lexikon der Schweiz: Koalitionskriege. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008914/
  5. Wikipedia: Treaty of Campo Formio. https://en.wikipedia.org/wiki/Treaty_of_Campo_Formio

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