Der Kongress tanzt: Europas Neuordnung in Wien

Der Kongress, der nie zusammentrat

„Der Kongress tanzt“ ist eine bekannte Redewendung. Am 9. Juni 1815 unterzeichneten die Bevollmächtigten von acht Mächten in Wien ein Dokument mit 121 Artikeln. Es war das erste und einzige Mal, dass der Wiener Kongress als Gesamtheit an einem Ort zusammenkam. Charles-Maurice de Talleyrand, der Vertreter des besiegten Frankreich, sprach deshalb spöttisch vom „Kongress, der nie stattfand“.

Die Formulierung trifft den Kern des Verfahrens. Eine feierliche Eröffnung, ursprünglich für den 1. November 1814 vorgesehen, fand nie statt. Schon der Einzug der Delegationen hätte eine Rangordnung erfordert, auf die man sich nicht einigen konnte. Verhandelt wurde stattdessen ab dem 18. September 1814 im kleinen Kreis: zunächst zwischen Österreich, Preußen, Russland und Großbritannien, ab Januar 1815 unter Einschluss Frankreichs. Daneben arbeiteten Fachkomitees – zu Deutschland, zur Schweiz, zur Flussschifffahrt, zum Sklavenhandel, zum diplomatischen Zeremoniell und, besonders folgenreich, zu statistischen Fragen. Denn die territoriale Neuordnung wurde nicht nach Karten, sondern nach Bevölkerungszahlen ausgehandelt: Land wurde in „Seelen“ verrechnet.

Vertreten waren rund 200 Staaten, Städte und Körperschaften. Mitentschieden haben die wenigsten davon. Die Leitung lag beim österreichischen Außenminister Clemens Wenzel Fürst Metternich, sein wichtigster Gegenspieler war Zar Alexander I.

Der Kongress tanzt: Zeitleiste mit vierzehn Stationen des Wiener Kongresses von Mai 1814 bis November 1815, hervorgehoben die Unterzeichnung der Schlussakte am 9. Juni 1815

Wien als Bühne: die Zahlen hinter dem Fest

Die Stadt war auf ein Ereignis dieser Größe nicht eingerichtet. Wien zählte damals rund eine Viertelmillion Einwohner, und wie viele Gäste tatsächlich hinzukamen, ist bis heute unklar: Die Angaben in der Literatur schwanken erheblich – von etwa 30.000 zusätzlichen Personen bis zu einer Entourage von 100.000. Der Unterschied erklärt sich daraus, dass die eine Zählung nur Delegationen und ihren Tross erfasst, die andere auch Schaulustige, Geschäftemacher, Bedienstete und Durchreisende.

KennzahlWert
Dauer18. September 1814 bis 9. Juni 1815
Vertretene Staaten, Städte und Körperschaftenrund 200
Prominente Gästeein Zar, sechs Könige, mehr als hundert Fürsten
Einwohner Wiensrund 250.000 bis 265.000
Zusätzliche Gäste (Schätzungen)30.000 bis 100.000
Artikel der Schlussakte121
Sitzungen des Gesamtkongresses1

Der Aufwand hatte einen politischen Zweck. Wer die Gäste unterhielt, kontrollierte auch, wo sie sich aufhielten. Die österreichische Polizei unter Baron Franz von Hager ließ Korrespondenz abfangen und kopieren und bezahlte Bedienstete für Berichte aus den Quartieren der Delegationen. Die überlieferten Akten dieser Überwachung, 1913 von August Fournier ediert, gehören heute zu den ergiebigsten Quellen über den Kongress – ein Nebeneffekt, den ihre Verfasser kaum beabsichtigt hatten.

Als der Frieden beinahe scheiterte

Der gefährlichste Moment des Kongresses hatte nichts mit Napoleon zu tun. Preußen beanspruchte das gesamte Königreich Sachsen, das bis zuletzt an Napoleons Seite gestanden hatte, und Russland wollte im Gegenzug den Kern des Herzogtums Warschau als Königreich Polen unter dem Zaren. Österreich und Großbritannien sahen darin das Ende jedes Gleichgewichts. Zeitweise stand ein Krieg zwischen den ehemaligen Verbündeten im Raum, Preußen begann bereits mit militärischen Vorbereitungen.

Am 3. Januar 1815 schlossen Großbritannien, Österreich und Frankreich ein geheimes Defensivbündnis gegen Preußen und Russland; die Niederlande, Bayern und Hannover traten bei. Die Details wurden gezielt durchgestochen. Der Effekt war beabsichtigt: Alexander I. akzeptierte ein nur halb souveränes Polen, Preußen ließ sich im Februar auf 40 Prozent Sachsens herunterhandeln. Nach Napoleons Rückkehr und dem preußischen Beitrag zum Feldzug stieg dieser Anteil wieder auf rund 60 Prozent.

Für Talleyrand war die Krise der eigentliche Erfolg. Frankreich, wenige Monate zuvor noch besiegter Gegner, saß nun als Bündnispartner am Tisch der Entscheider.

Napoleons Rückkehr beschleunigte die Einigung eher, als dass sie sie gefährdete. Als Anfang März 1815 die Nachricht von seiner Flucht aus Elba Wien erreichte, erklärten die Mächte ihn am 13. März zum Störer der öffentlichen Ordnung und verhandelten weiter. Die Schlussakte war am 9. Juni unterzeichnet – neun Tage vor Waterloo. Der Kongress hatte Europa also bereits neu geordnet, bevor feststand, wer den Feldzug gewinnen würde.

Der Kongress tanzt: Balkendiagramm zur Teilung Sachsens 1815: 57,5 Prozent der Fläche und 42,2 Prozent der Bevölkerung fielen an Preußen

Sachsen verlor rund 57,5 Prozent seines Staatsgebiets und 42,2 Prozent seiner Bevölkerung – über 850.000 Menschen wechselten am 22. Mai 1815 die Staatsangehörigkeit, ohne gefragt worden zu sein. Im Volksmund hießen sie „Musspreußen“. Die Grenzziehung war so ungenau, dass noch 1818 Gebiete getauscht werden mussten; eine sächsische Exklave bei Gera hatte man schlicht vergessen.

Was in Wien beschlossen wurde – und was nicht

Drei Zuschreibungen, die dem Kongress häufig gemacht werden, halten der Prüfung nicht stand.

Die Grenzen Frankreichs. Dass Frankreich auf die Grenzen von 1792 zurückgeführt wurde, war bereits im Ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 geregelt – also vor Beginn des Kongresses. Dessen Artikel 32 berief die Wiener Versammlung überhaupt erst ein. Die härtere Regelung kam erst danach: Der Zweite Pariser Frieden vom 20. November 1815 schob Frankreich auf die Grenzen von 1790 zurück und verhängte Reparationen und eine mehrjährige Besatzung.

Die Sklaverei. In Wien wurde nicht die Sklaverei geächtet, sondern der afrikanische Sklavenhandel – und auch das nur in einer Absichtserklärung. Auf britischen Druck, maßgeblich vorbereitet von Friedrich von Gentz, einigten sich die acht Mächte am 8. Februar 1815 nach vier Sondersitzungen auf eine Deklaration. Sie verurteilte den Handel als unvereinbar mit den Grundsätzen der Menschlichkeit, nannte aber weder eine Frist noch eine Sanktion. Spanien und Portugal hatten den Vorstoß als Einmischung in ihre Kolonialpolitik zurückgewiesen. Die Sklaverei selbst bestand in europäischen Kolonien noch Jahrzehnte fort; Frankreich schaffte sie erst 1848 ab.

Die Heilige Allianz. Sie war kein Ergebnis des Kongresses. Alexander I., Kaiser Franz I. und Friedrich Wilhelm III. unterzeichneten sie am 26. September 1815 in Paris, mehr als drei Monate nach der Schlussakte. Der Text war eine persönlich gehaltene Absichtserklärung ohne konkrete Verpflichtungen; Metternich und der britische Außenminister Castlereagh hielten wenig von seiner religiösen Sprache. Frankreich blieb dem Bündnis nicht dauerhaft fern, sondern trat 1818 bei. Draußen blieben Großbritannien, der Kirchenstaat und das Osmanische Reich.

Die Landkarte nach Wien

Was der Kongress tatsächlich neu ordnete, lässt sich in wenigen Linien zusammenfassen. Preußen wuchs nach Westen: Es erhielt das Rheinland und Westfalen, dazu Posen und Schwedisch-Vorpommern – ein Gewinn, der langfristig schwerer wog als das umkämpfte Sachsen, weil mit ihm die späteren Industriereviere an Rhein und Ruhr preußisch wurden. Österreich gab seine Besitzungen am Oberrhein und in den Niederlanden auf und orientierte sich nach Süden und Osten: Lombardo-Venetien, Salzburg mit dem Innviertel, Galizien und Illyrien. Russland erhielt mit „Kongresspolen“ ein Königreich in Personalunion mit dem Zaren, Krakau wurde zur neutralen Freien Stadt erklärt.

Aus den nördlichen und den vormals österreichischen Niederlanden entstand das Vereinigte Königreich der Niederlande, das Königreich Sardinien wurde um Genua vergrößert – beides Pufferstaaten gegen ein künftig wieder expandierendes Frankreich. Die Schweiz erhielt ihre dauerhafte Neutralität völkerrechtlich garantiert.

Zwei Regelungen aus Wien wirken bis heute nach, obwohl sie keine Grenzen betrafen. Die Schlussakte legte die freie Schifffahrt auf internationalen Flüssen fest; die daraus hervorgegangene Zentralkommission für die Rheinschifffahrt ist die älteste bis heute bestehende internationale Organisation. Und das Wiener Rangreglement vom 19. März 1815 beendete den jahrhundertealten Streit um Vortritt und Anrede, indem es Botschafter, Gesandte und Geschäftsträger in feste Klassen einteilte. Bis zum Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 blieb es die Grundlage des diplomatischen Protokolls.

Der Deutsche Bund: das folgenreichste Ergebnis

In vielen Darstellungen taucht er gar nicht auf, dabei prägte er den deutschsprachigen Raum für ein halbes Jahrhundert. Am 8. Juni 1815 verabschiedete der Kongress die Deutsche Bundesakte, am 10. Juni unterzeichneten sie die Bevollmächtigten von 39 Staaten und freien Städten. Ihre ersten elf Artikel wurden Bestandteil der Kongressakte und damit völkerrechtlich garantiert – auch durch Mächte wie Großbritannien, Russland oder Schweden.

Der Deutsche Bund trat an die Stelle des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches. Er war kein Staat, sondern ein Staatenbund mit einer Bundesversammlung in Frankfurt. Seine Mitglieder verpflichteten sich, einander nicht zu bekriegen und Streitigkeiten vor der Bundesversammlung auszutragen. Artikel 13 versprach jedem Mitgliedsstaat eine landständische Verfassung – eine Zusage, an der sich der politische Konflikt der folgenden Jahrzehnte entzündete, weil die großen Staaten sie über Jahre hinweg nicht einlösten. Baden folgte erst im Juli, Württemberg im September 1815.

Den größeren Erzählbogen – von Napoleons Sturz über die Verhandlungen bis zum Wiener Gesellschaftsleben – fasst das Video zu diesem Thema in kompakter Form zusammen.

Politik im Salon

Dass der Kongress tanzte, ist keine bloße Anekdote. Die Formulierung stammt von Charles-Joseph Fürst de Ligne, der sie am 1. November 1814 in einem Brief an Talleyrand weitergab – in der vollständigen Fassung: Der Kongress tanze, aber er komme nicht voran.

Die gesellschaftlichen Veranstaltungen waren zugleich Verhandlungsraum. Weil es kein Plenum gab, fanden Gespräche dort statt, wo sich die Beteiligten ohnehin trafen: in den Salons. Wilhelmine von Sagan und Katharina Bagration empfingen im selben Palais am Schenkenplatz und standen in offener Konkurrenz zueinander – beide waren mit Metternich verbunden. Fanny von Arnstein, Tochter eines Berliner Bankiers und Gastgeberin des bekanntesten bürgerlichen Salons der Stadt, brachte Diplomaten, Militärs und Künstler zusammen; ihr Haus gilt als Vorbild der Wiener Salonkultur des 19. Jahrhunderts. Frauen hatten in Wien keine offizielle Funktion, aber sie kontrollierten, wer mit wem ins Gespräch kam.

Auch das musikalische Programm war Politik. Antonio Salieri koordinierte die Veranstaltungen; am 16. Oktober 1814 führten 700 Mitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde Händels „Samson“ auf. Beethoven brachte am 29. November 1814 vor den versammelten Monarchen seine Kantate „Der glorreiche Augenblick“ zur Aufführung, zusammen mit der 7. Sinfonie und dem Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“. Für dieses Konzert stand ihm mit 68 Streichern das größte Orchester seiner Laufbahn zur Verfügung.

Der Kongress tanzt: Ballsaal in Wien um 1815 mit tanzenden Gästen in Kleidern und Uniformen der Empirezeit unter Kronleuchtern

Der Glanz war exklusiv. Die Feste erreichten die Wiener Bevölkerung überwiegend als Belastung: steigende Preise, überfüllte Quartiere, einquartiertes Personal. Die Rechnung für das Repräsentationsprogramm trug der österreichische Staatshaushalt.

Hundert Jahre Frieden? Ein Blick auf den Forschungsstand

Die Formel vom „Jahrhundert des Friedens“ begegnet in fast jeder Darstellung. Sie stimmt nur in einer sehr engen Lesart: Zwischen 1815 und 1914 gab es keinen Krieg, in dem alle europäischen Großmächte gleichzeitig gegeneinander standen. Kriege gab es reichlich – den Krimkrieg 1853 bis 1856, den Sardinischen Krieg 1859, den Deutschen Krieg 1866, den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, dazu die Unabhängigkeitskriege auf dem Balkan.

Die Forschung diskutiert deshalb weniger, ob Wien Frieden schuf, als wofür das entstandene System taugte. Unstrittig ist, dass es ein neues Verfahren etablierte: regelmäßige Konferenzen der Großmächte statt automatischer Bündnisautomatik. Umstritten bleibt die Bilanz. Die eine Lesart betont die Konfliktvermeidung durch Absprache; die andere hält fest, dass dieselben Mechanismen vor allem dazu dienten, liberale und nationale Bewegungen zu unterdrücken – in den Karlsbader Beschlüssen 1819 ebenso wie bei den Interventionen in Neapel und Spanien in den 1820er-Jahren. Bereits ab 1823 funktionierte das Kongresssystem nicht mehr zuverlässig, weil Großbritannien nicht bereit war, Interventionen in inneren Angelegenheiten anderer Staaten mitzutragen.

Offen ist bis heute auch die Frage der Alternativen. Ob eine Ordnung, die nationale Ansprüche stärker berücksichtigt hätte, stabiler gewesen wäre, lässt sich nicht prüfen – die Revolutionen von 1830 und 1848 zeigen aber, wie früh der Druck einsetzte, den die Wiener Regelungen nicht abbildeten.

Weiterlesen: Der Kongress beendete eine Kriegsepoche, die 1792 begonnen hatte: Mit dem Ersten Koalitionskrieg stiegen Frankreich und der junge General Bonaparte zur bestimmenden Macht Europas auf. Wie es dazu kam, erfahrt ihr im Beitrag Frankreichs erster Koalitionskrieg.

Quellen

  1. Thomas Olechowski, Brigitte Mazohl, Karin Schneider, Reinhard Stauber, Werner Telesko u. a. (Hg.): Der Wiener Kongress 1814/1815, 2 Bände, Wien 2019 – Übersicht bei JSTOR
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte 22–24/2015, Schwerpunkt Wiener Kongress – bpb.de
  3. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung: Napoleon und preußisch-österreichischer Dualismus (Zahlen zur Teilung Sachsens) – slpb.de
  4. Deutsches Historisches Museum, LeMO: Wiener Kongress – dhm.de
  5. Wien Geschichte Wiki (Stadt Wien): Wiener Kongress (1814/1815) – geschichtewiki.wien.gv.at
  6. documentArchiv.de: Quellentexte Deutsche Bundesakte (08.06.1815) und Heilige Allianz (26.09.1815) – documentarchiv.de

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