Bestattungsrituale und Vampirglaube in Osteuropa: Eine Analyse der Funde in Chełm

Ein Grab, das nicht dorthin gehörte

Ein Fund stützt den Vampirglauben: Im September 2024 veröffentlichte der Denkmalschutz der Woiwodschaft Lublin die Fotos einer Grabung, die kaum jemand erwartet hatte. Auf der Góra Chełmska, dem Burgberg der ostpolnischen Stadt Chełm, waren bei Sanierungsarbeiten an der Gartenmauer des ehemaligen Palasts der vereinigten Bischöfe zwei Kinderskelette zum Vorschein gekommen. Ausgelöst hatte den Fund eine Routinearbeit: Arbeiter entfernten Baumwurzeln.

Der Grabungsleiter Stanisław Gołub beschrieb den auffälligen der beiden Befunde so: Der Schädel des Kindes war vom Körper getrennt und mit dem Gesicht nach unten ins Grab gelegt worden, auf dem Oberkörper lagen schwere Steine. Beide Kinder waren ohne Sarg und ohne Beigaben bestattet, ausgerichtet in Ost-West-Richtung, in gipshaltigem Boden. Neben der Grabgrube fanden sich zwei Pfostenlöcher – vermutlich die Reste einer oberirdischen Markierung.

Illustrierte Rekonstruktion einer nächtlichen Bestattung auf einem Hügel im mittelalterlichen Osteuropa, mit Dorfbewohnern, Laterne und zwei hölzernen Grabpfosten neben einer offenen Grube
KI-Bild.

Diese Markierung ist der eigentlich interessante Teil. Wer ein Grab kennzeichnet, will es wiederfinden. In vergleichbaren polnischen Fällen wird angenommen, dass solche Marker das Beobachten des Grabes ermöglichen sollten. Die Bestattung war also kein Akt der Entsorgung, sondern ein Vorgang, der weiterging, nachdem die Grube geschlossen war.

Was der Befund offen lässt

Dass hier Maßnahmen gegen einen Wiedergänger getroffen wurden, halten die Ausgräber für unstrittig. In der internationalen Berichterstattung ging allerdings weitgehend unter, wie schmal die Datenbasis dafür bislang ist. Vier Punkte gehören dazu.

Die Datierung ist eine Schätzung, keine Messung. Das 13. Jahrhundert ergibt sich aus der Stratigrafie und aus Keramikscherben in der Umgebung, nicht aus einer Radiokarbondatierung. Das ist für eine Erstpublikation völlig üblich, macht die Angabe aber vorläufig.

Alter und Geschlecht der Kinder sind nicht veröffentlicht. Anthropologische Untersuchungen wurden angekündigt; eine Fachpublikation in einer begutachteten Zeitschrift liegt bislang nicht vor. Alles, was über den Fund bekannt ist, stammt aus Mitteilungen der Denkmalbehörde und daraus abgeleiteten Medienberichten.

Der Ort war nach Aktenlage kein Friedhof. Die Góra Chełmska trug im Mittelalter Befestigungen und Sakralbauten, aber kein dokumentiertes Gräberfeld. Ob die Kinder außerhalb geweihten Bodens beerdigt wurden oder ob hier schlicht ein unbekannter Bestattungsplatz liegt, ist offen – und macht einen erheblichen Unterschied für die Deutung.

Die Steine sind mehrdeutig. Beschwerungen können Abwehr gegen Wiedergänger sein. Sie können in anderen Kontexten auch als Schutz des Leichnams vor Tieren gedeutet werden. Erst die Kombination aus Enthauptung, Bauchlage des Schädels, fehlendem Sarg und Grabmarkierung ergibt das Bild, das Gołub zeichnet.

Ein Muster, kein Einzelfall

Chełm steht nicht allein. Zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer sind mehrere Dutzend sogenannter abweichender Bestattungen dokumentiert. Die Methoden unterscheiden sich, das Grundmuster bleibt gleich: Der Körper wird im Grab fixiert, unbrauchbar gemacht oder markiert.

Vampirglaube: Karte Ostmitteleuropas und des Balkans mit sieben markierten Fundorten und Fällen des Wiedergängerglaubens vom 12. bis 18. Jahrhundert, darunter Chełm, Pień, Drawsko, Sozopol, Perperikon, Kringa und Kisiljevo
FundortDatierungBefundBetroffene
Chełm, Polen13. Jh. (Stratigrafie)Kopf abgetrennt, Schädel in Bauchlage, Steine auf dem Oberkörper, Pfostenlöcherzwei Kinder
Sozopol, Bulgarien12.–14. Jh.Eisenstab bzw. Pflugschar durch den Brustkorb, Bestattung nahe dem Altarerwachsene Männer, offenbar Angehörige der lokalen Oberschicht
Perperikon, Bulgarien13. Jh. (Münzdatierung)Pflugschar durch die linke BrustseiteMann, ca. 35–40 Jahre
Drawsko, Polen17./18. Jh.sechs Gräber mit Sicheln am Hals oder Steinen, inmitten von Hunderten NormalbestattungenFrauen und Männer verschiedenen Alters
Pień, Polenum 1620–1674Sichel über dem Hals, Vorhängeschloss am linken großen Zeh, Grün­verfärbung im Mundraumjunge Frau, 17–19 Jahre

Bemerkenswert ist, wie ungleich diese Fälle verteilt sind. Sicheln über dem Hals sind vor allem aus Polen bekannt, nicht aus Rumänien; Eisen durch den Brustkorb häuft sich in Bulgarien. Die häufig zu lesende Zuordnung „Pfählen in Polen, Sicheln in Rumänien, Steine in Russland“ hält einem Abgleich mit den Grabungsberichten nicht stand. Was tatsächlich regional variiert, sind die verfügbaren Gegenstände – eine Sichel hat jeder Hof, eine Pflugschar ist wertvoll, Eisen an sich galt als schützend.

Upiór, strzyga, strigoi: ein Glaube, viele Wesen

Der Begriff „Vampir“ ist für das Mittelalter ein Anachronismus. Er taucht in westeuropäischen Sprachen erst im 18. Jahrhundert auf. Die Menschen, die diese Gräber anlegten, benutzten andere Wörter, und die bezeichneten auch andere Dinge.

Im polnisch-litauischen Raum ist der upiór die Leitfigur: kein Dämon, sondern ein Mensch, der nach dem Tod nicht aufhört, Mensch zu sein. Der Mediävist Łukasz Kozak hat in seiner Studie Upiór. Historia naturalna (2020) an Gerichtsakten, theologischen Traktaten und Zeitungsberichten gezeigt, dass der upiór im Volksglauben eine Biografie hat – er isst, trinkt, kehrt zu seiner Familie zurück, zeugt gelegentlich Kinder. Blut zu trinken gehört gerade nicht zum Kern dieser Vorstellung. Die strzyga dagegen ist stärker mit Hexerei und mit Geburtszeichen verknüpft: mit zwei Herzen oder zwei Seelen geboren zu sein, galt als Verdachtsmoment.

Der rumänische strigoi ist wieder etwas anderes: eine menschliche Seele, die zurückkehrt, in zwei Spielarten – der strigoi viu, ein Lebender mit der Anlage dazu, und der strigoi mort, der Wiedergänger. Die dokumentierte Abwehrpraxis ist entsprechend anders: Noch 2004 gruben Verwandte im südrumänischen Dorf Marotinu de Sus einen Verstorbenen aus, entnahmen das Herz und verbrannten es. Die Beteiligten wurden wegen Störung der Totenruhe verurteilt.

Wie sich diese Vorstellungen im Alltag der Dörfer auswirkten und wie der Fund von Chełm entdeckt wurde, zeigt das Video zu diesem Thema.

Dass all diese Wesen im Deutschen als „Vampir“ erscheinen, ist ein Übersetzungseffekt des 18. und 19. Jahrhunderts – und er verwischt genau die Unterschiede, an denen sich die Bestattungspraktiken ablesen lassen.

Wen traf es? Was die Naturwissenschaft dazu beiträgt

Die naheliegende Erklärung lautet: Es traf die Außenseiter, die Zugezogenen, die Fremden. Diese Annahme ist überprüfbar – und sie ist überprüft worden.

Ein Team um Lesley Gregoricka analysierte 2014 die Strontium-Isotopenverhältnisse in den Zähnen von 60 Personen aus dem Friedhof Drawsko 1 in Großpolen, darunter alle sechs abweichend Bestatteten. Strontium gelangt über Nahrung und Wasser aus dem lokalen Gestein in den Zahnschmelz und verrät, wo ein Mensch als Kind gelebt hat. Das Ergebnis: Sämtliche mutmaßlichen „Vampire“ zeigten lokale Werte. Sie waren keine Zugezogenen, sondern Nachbarn. Als Alternativerklärung schlagen die Autoren die Choleraepidemien des 17. Jahrhunderts vor – wer als Erster an einem Ausbruch starb, galt als besonders gefährdet, zurückzukehren. Die Studie hält selbst fest, dass Cholera am Skelett keine Spuren hinterlässt und diese Erklärung daher nicht belegbar ist.

Noch aufschlussreicher ist der Fall von Pień. Im August 2026 legte das Team um Dariusz Poliński von der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń die erste systematische Untersuchung des 2022 entdeckten Grabes vor. Radiokarbondatierung, DNA-Analyse, Isotopen, Röntgen und Textiluntersuchung ergaben ein Bild, das mit dem Klischee vom armen Außenseiter bricht: Die Tote, von den Ausgräbern „Zosia“ genannt, war 17 bis 19 Jahre alt und trug eine Haube aus Seide mit Gold- und Silberfäden – ein Luxusgut. Die Bodenschichten zeigen, dass das Grab nach der Beisetzung noch einmal geöffnet und die Sichel erst dann hinzugefügt wurde. Eine Grünverfärbung im Mundraum deutet auf einen kupferhaltigen Gegenstand hin, der ihr in den Mund gelegt wurde. Spuren von Gewalt, Trauma oder Krankheit fanden sich nicht. Die Todesursache bleibt unbekannt.

Für Chełm bedeutet das: Die Frage, warum ausgerechnet zwei Kinder so behandelt wurden, ist mit den bisher veröffentlichten Daten nicht zu beantworten – und die gängige Antwort „weil sie Außenseiter waren“ steht auf schwächeren Füßen, als sie klingt.

Als der Vampir ein Verwaltungsvorgang wurde

Der Übergang vom Dorfritual zum europäischen Thema lässt sich ziemlich genau datieren.

Vampirglaube: Zeitleiste von 1150 bis heute mit zwölf Stationen vom Kindergrab in Chełm über den Vampir-Erlass Maria Theresias 1755 bis zur Zosia-Studie 2026

1656 starb im istrischen Dorf Kringa, damals venezianisches Gebiet, der Bauer Jure Grando. Sechzehn Jahre lang, so die Überlieferung, soll er nachts durchs Dorf gegangen sein. 1672 öffneten neun Männer sein Grab und schlugen ihm den Kopf ab, nachdem ein Weißdornpfahl nicht durch den Körper gedrungen war. Der Krainer Universalgelehrte Johann Weichard von Valvasor hielt den Fall 1689 in Die Ehre deß Hertzogthums Crain fest. Wichtig für die Begriffsgeschichte: Die Dorfbewohner nannten Grando nicht Vampir, sondern štrigon.

Das Wort selbst kam über eine Amtsstube nach Westeuropa. Am 21. Juli 1725 druckte das Wienerische Diarium, die heutige Wiener Zeitung, den Bericht des kaiserlichen Provisors Frombald über den Fall Petar Blagojević im serbischen Kisilova, damals habsburgisches Grenzgebiet. Neun Menschen waren binnen weniger Tage gestorben; die Dorfgemeinschaft setzte die Exhumierung durch. In diesem Text erscheint der Begriff Vampyri erstmals in einer europäischen Zeitung.

1731/32 folgte der Fall Arnold Paole im Dorf Medveđa. Diesmal reagierte die Verwaltung nicht mit einem Einzelbericht, sondern mit einer militärärztlichen Kommission: Unter Leitung des Regimentsfeldschers Johann Flückinger wurden siebzehn Leichen geöffnet und der Befund im Protokoll Visum et Repertum festgehalten. Das Dokument wurde in ganz Europa nachgedruckt und löste eine gelehrte Debatte aus, an der sich Theologen, Mediziner und schließlich auch Voltaire beteiligten.

Beendet wurde die Sache in Wien. Maria Theresia schickte 1755 ihren Leibarzt Gerard van Swieten nach Mähren, um die dortigen Fälle zu prüfen. Van Swieten führte den Zustand der exhumierten Leichen – pralle Körper, rosige Haut, Blut im Mund – auf natürliche Verwesungsvorgänge und Luftabschluss zurück. Am 1. März 1755 erging der sogenannte Vampir-Erlass: Leichenschändung unter dem Vorwand der Vampirabwehr wurde unter Strafe gestellt, Berichte über magia posthuma der Zensur unterworfen. Van Swietens Abhandlung erschien 1768 auf Deutsch. Bram Stoker dürfte für die Figur des Professor van Helsing in Dracula (1897) unter anderem bei ihm Anleihen genommen haben.

Was bleibt

Der Vampirglaube war kein Randphänomen abergläubischer Dörfer, sondern ein Erklärungsmodell für das, was sich anders nicht erklären ließ: Seuchen, Missernten, plötzliche Todesfälle in Serie. Er verschwand nicht durch Aufklärung im Sinne einer Einsicht, sondern durch ein Gesetz, eine Zensurverfügung und ein ärztliches Gutachten – und auch das nur offiziell. In abgelegenen Regionen hielten sich die Praktiken bis ins 19. und vereinzelt bis ins 21. Jahrhundert.

Zugleich ist Vorsicht angebracht, wo Archäologie und Folklore zu schnell zusammengebracht werden. Zwischen einem geköpften Kind in Chełm und dem strigoi in einem rumänischen Dorf des 21. Jahrhunderts liegen achthundert Jahre, tausend Kilometer und verschiedene Sprachen. Das Grab belegt eine Handlung. Die Motive dahinter sind rekonstruiert, nicht überliefert – jedenfalls solange die anthropologische Auswertung aussteht.

Weiterlesen: Wie aus Angst vor unerklärlichen Todesfällen eine regelrechte Verfolgung werden konnte, zeigen die Hexenprozesse der Frühen Neuzeit mit Zehntausenden Hinrichtungen. Wie es dazu kam, erfahrt ihr im Beitrag Hexenverfolgung und die Macht der Massenpanik.

Quellen

  1. Gregoricka, L. A., Betsinger, T. K., Scott, A. B., Polcyn, M. (2014): Apotropaic Practices and the Undead: A Biogeochemical Assessment of Deviant Burials in Post-Medieval Poland. PLOS ONE 9(11): e113564. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0113564
  2. Poliński, D. et al. (2026): Untersuchung der abweichenden Bestattung von Pień. Journal of Archaeological Science: Reports. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352409X26004025
  3. Lubelski Wojewódzki Konserwator Zabytków (Denkmalschutz der Woiwodschaft Lublin), Mitteilung zur Grabung auf der Góra Chełmska, 12.09.2024. https://wkz.lublin.pl/
  4. Kozak, Ł. (2020): Upiór. Historia naturalna / englische Quellensammlung With Stake and Spade. Vampiric Diversity in Poland. Warschau. (Fachbuch, erste umfassende Studie zum Wiedergängerglauben in der Polnisch-Litauischen Union)
  5. Hamberger, K. (1992): Mortuus non mordet. Dokumente zum Vampirismus 1689–1791. Turia + Kant, Wien. (Quellenedition zu Blagojević, Paole, Valvasor und van Swieten)
  6. Österreichische Nationalbibliothek: Untot seit dem 18. Jahrhundert: Der erste Vampirhype. https://www.onb.ac.at/mehr/blogs/detail/untot-seit-dem-18-jahrhundert-der-erste-vampirhype
  7. Archaeology News Online Magazine (12.09.2024): Medieval vampire burial unearthed in Chełm, Poland. https://archaeologymag.com/2024/09/medieval-vampire-burial-unearthed-in-chelm/

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