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Ein Schuh vor der Tür
Der englische Arzt Edward Brown reiste in den 1670er-Jahren durch die habsburgischen Länder. 1686 erschien sein Reisebericht, und darin findet sich eine beiläufige Beobachtung, die heute als früheste bekannte Beschreibung des Wiener Nikolobrauchs gilt: Es sei dort Gewohnheit, den Kindern kleine Geschenke in den Schuh zu stecken.
Zwei Präzisierungen sind an dieser Stelle nötig, weil sie in populären Darstellungen fast immer untergehen. Erstens beschreibt Brown nicht den Ursprung des Brauchs, sondern eine bereits eingespielte Gewohnheit. Der Gabenempfang über ein Behältnis ist älter; im 15. Jahrhundert bastelte man dafür Nikolausschiffchen, eine Anspielung auf den Heiligen als Schutzpatron der Seefahrer. Schuh, Stiefel und Gabenteller lösten das Schiffchen erst später ab. Zweitens ist Browns Notiz keine Weltpremiere, sondern ein Wiener Erstbeleg. Wer schreibt, Brown habe den Brauch „zum ersten Mal“ beschrieben, dehnt die Quelle über das aus, was sie hergibt.
Bemerkenswert ist etwas anderes: die soziale Reichweite. Der Brauch erfasste sämtliche Schichten. In der kaiserlichen Familie war es üblich, am Vorabend des 6. Dezember – der sogenannten „St. Nicolas Einlegung“ – Geschenke zu überreichen. Und die Kinder bekamen die schönsten Gaben des Jahres an diesem Tag, nicht zu Weihnachten und schon gar nicht zum Geburtstag. Das galt auch für ärmere Familien.
Aus dem späten 17. Jahrhundert ist zudem ein früher Fall bezahlter Brauchtumspflege überliefert: ein in der Pfarre St. Stephan bestellter und entlohnter Nikolausdarsteller, der in das Haus der hochadeligen Familie Harrach kam, dort eine Predigt hielt und anschließend Geschenke verteilte. Eltern und Verwandte waren Publikum. Der Auftritt fand also nicht in der Kirche statt, sondern im Palais – Brauchtum als privat gebuchte Inszenierung, rund dreihundert Jahre bevor der Begriff „Eventdienstleister“ existierte.
Der Heilige, den es so nie gegeben hat
Über den historischen Nikolaus ist erstaunlich wenig gesichert. Die gängige Kurzbiografie – Geburt um 280 in Patara, Priesterweihe mit 19, dann Abt, dann Bischof von Myra – ist keine Quellenlage, sondern eine Erzählung, die ab dem 6. Jahrhundert schriftlich fassbar wird, also rund zweihundert Jahre nach der angenommenen Lebenszeit.
Die kritische Textforschung geht seit Langem davon aus, dass in der Figur zwei Personen verschmolzen sind: der Bischof Nikolaus von Myra, der wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts lebte, und ein gleichnamiger Abt des Klosters Sion nahe Myra, der später Bischof von Pinara wurde und 564 starb. Aus beiden Lebensläufen entstand jene eine Figur, die das Mittelalter dann mit über 150 Legenden ausstattete.
Entsprechend unsicher sind sämtliche Daten. Als Geburtsjahr nennt die Überlieferung eine Spanne zwischen 270 und 286, als Sterbejahr kursieren 326, 343, 345, 351 und 365. Auch die berühmte Teilnahme am Konzil von Nicäa 325, bei der Nikolaus dem Irrlehrer Arius eine Ohrfeige versetzt haben soll, lässt sich nicht belegen. Der erste halbwegs feste Anhaltspunkt ist die sogenannte Stratelatenlegende von der Rettung dreier unschuldig verurteilter Feldherren – datierbar auf das späte 5. oder das 6. Jahrhundert.
Und die bekannteste Geschichte, jene von den drei Goldklumpen für die Töchter eines verarmten Mannes? Sie existiert in mehreren Varianten – geworfen durch ein Fenster, in drei aufeinanderfolgenden Nächten, teils als Goldklumpen, teils als Beutel. Sie ist Legende, nicht Biografie. Ihr Nachleben ist dafür sehr real: Die drei goldenen Kugeln auf unzähligen Nikolausdarstellungen gehen auf sie zurück, und über den Umweg der Lombarden wurden sie zum Zeichen der Pfandleiher.
Knochen unter dem Mikroskop
Wo die Schriftquellen schweigen, hat in den letzten Jahrzehnten die Naturwissenschaft übernommen – mit Ergebnissen, die weder die fromme noch die skeptische Seite vollständig bestätigen.
1087 brachten italienische Seefahrer die Gebeine aus dem inzwischen unter islamischer Herrschaft stehenden Myra nach Bari, wo sie bis heute in der Krypta von San Nicola liegen. Weitere Fragmente gelangten nach Venedig, wo rund 500 Knochenstücke aufbewahrt werden. Eine anatomische Untersuchung ergab, dass sich der venezianische und der Bareser Bestand ergänzen – beide könnten also von derselben Person stammen.

2017 datierte ein Team um Tom Higham und Georges Kazan vom Oxford Relics Cluster erstmals einen dieser Knochen mit der Radiokarbonmethode: ein Beckenfragment aus einer amerikanischen Reliquiensammlung, ursprünglich in Lyon erworben. Das Ergebnis lag im 4. Jahrhundert – also genau in der Zeit, in der Nikolaus gelebt haben soll. Higham hielt fest, dass die meisten untersuchten Reliquien deutlich jünger ausfallen, als ihre Überlieferung behauptet; dieses Fragment sei die Ausnahme. Ein Identitätsnachweis ist das ausdrücklich nicht. Die Methode datiert, sie benennt niemanden.
2022 kam eine zweite Front dazu. In Demre, dem heutigen Myra, legten türkische Archäologen unter dem Boden der Nikolauskirche einen Sarkophag frei, den sie für das ursprüngliche Grab halten. Eine Inschrift, die das belegen würde, fehlt bislang, und der Sarg enthielt keine Überreste. In Bari sieht man den Fund erwartungsgemäß zurückhaltend. Der Stand ist damit: ein Knochen im richtigen Jahrhundert, ein Sarkophag am richtigen Ort, und kein Beweis, der beides verbindet.
Wie das Nikolausfest Wien organisierte
Zurück nach Österreich, wo der Brauch eine Eigendynamik entwickelte. Im 18. Jahrhundert häufen sich Berichte über den Umzug des gabenbringenden Nikolo und seines strafenden Begleiters, des Krampus. Gleichzeitig werden Übergriffe fassbar: Krampusse, die auf der Straße auf Erwachsene und Kinder einschlugen. Die Geschäftswelt reagierte schnell und bot Schokoladefiguren, Gesichtsmasken, Krampuskarten und „Zwetschkenkrampusse“ an – Kommerzialisierung ist also kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, sondern begleitet den Brauch seit mindestens 250 Jahren.
Unter Maria Theresia sind Nikolobescherungen bei Hof belegt. Ab der josephinischen Zeit, konkret ab 1782, wird von einem „grünen Baum mit brennenden kleinen Kerzen“ berichtet, den der Nikolaus den Kindern brachte. Dieser Baum ist der Vorläufer des Christbaums – und er gehörte zunächst zum 5. Dezember, nicht zum 24. Die älteste bekannte Darstellung stammt von 1820. 1817 notierte die Schriftstellerin Karoline Pichler, die Bescherung habe „nach alter österreichischer Sitte“ am Nikolaustag stattgefunden, und Franz Grillparzer sprach im selben Jahr vom „Bescherungsbaum voll Lichtern und kleinen Gaben“, den der Nikolaus am 5. Dezember bringe.
Der eigentliche Bruch kommt danach. Der Christbaum ist in Wien erstmals um 1815 dokumentiert; im Lauf des 19. Jahrhunderts verdrängte er die Krippe, und mit ihm wanderte die Hauptbescherung auf den 24. Dezember. Der Nikolaus verlor nicht seine Anhänger, sondern seinen Termin. Erst in den letzten Jahrzehnten der Monarchie verfestigte sich jener Festtagskalender, den wir heute für uralt halten.
Der Krampus und seine Gegner
Die Kritik am erschreckenden Nikolaus ist kein Produkt moderner Pädagogik. 1782 – im selben Jahr, in dem der Lichterbaum erstmals auftaucht – erschien eine Wiener Schrift gegen „die Vorurtheile des Nikolausgespenstes, durch dessen Gepolter die Einbildungskraft der Minderjährigen so thorecht als unbillig mißhandelt wird“. Der Titel kündigt gleich auch einen Gegenvorschlag an: einen Plan, Kindern Folgsamkeit beizubringen, ohne sie zu schlagen. Wer heute argumentiert, der Krampus sei „nicht mehr zeitgemäß“, wiederholt damit eine Debatte, die in Wien seit rund 240 Jahren geführt wird.
Auch die Herkunft der Figur ist weniger alt, als Vereinsprospekte nahelegen. Wann genau der Krampusbrauch entstand, ist ungeklärt; die Idee des Nikolaus als wohlwollendes Gegenstück zum Krampus verbreitete sich in der Gegenreformation, um den katholischen Glauben zu stärken. Der Krampus gehört zum Adventbrauch, nicht – wie oft behauptet – zum Perchten- und Raunachtsbrauchtum. Und der organisierte Krampuslauf mit Vereinen, Choreografie und Zuschauerrängen ist in seiner heutigen Form ein junges Format, kein Erbstück des 18. Jahrhunderts. Damals sprach man von Umzügen und von Ausschreitungen, nicht von Läufen.
Wie der Brauch heute aussieht und warum er sich gerade jetzt wieder ausbreitet, zeigt unser Video zum Thema – dort kommen die Bilder und Stimmen dazu, die ein Text nicht liefern kann.
Interessant ist die Verschiebung der Kritik: Im 20. Jahrhundert verteidigte vielerorts die Kirche den Brauch in geordneten Bahnen, während säkulare Autoritäten – Kindergartenverwaltungen, Psychologen, Zeitungsredaktionen – ihn angriffen. Der Krampus wechselte damit die Fronten, ohne sich selbst zu verändern.
Vom Bischof zum Werbegesicht
Hier hält sich der hartnäckigste Irrtum der ganzen Geschichte: Coca-Cola habe den Weihnachtsmann erfunden, ihn rot eingekleidet und ihm Rentiere und Werkstatt gegeben. Keiner dieser drei Punkte stimmt.
Der Name kam mit niederländischen Einwanderern nach Neu-Amsterdam; aus „Sinterklaas“ wurde „Santa Claus“. Washington Irving beschrieb ihn 1809 als fröhlichen, rundlichen Holländer. Schlitten, Rentiere und der Besuch durch den Kamin stammen aus dem Gedicht „A Visit from St. Nicholas“ von 1823. Das visuelle Erscheinungsbild prägte der in der Pfalz geborene Karikaturist Thomas Nast ab 1863 für „Harper’s Weekly“ – der erste Santa erschien in der Ausgabe vom 3. Jänner 1863, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg. Von Nast stammen auch Nordpol, Werkstatt, Helfer-Elfen und Wunschzettel. Den roten Mantel zeigte „Harper’s Weekly“ rund vierzig bis siebzig Jahre, bevor Haddon Sundblom 1931 seine erste Coca-Cola-Anzeige zeichnete. Bereits 1927 stellte die „New York Times“ fest, der Santa Claus sei standardisiert: Größe, Gewicht, rotes Gewand, weißer Bart.

Coca-Colas Leistung war die Standardisierung und die Reichweite. Sundblom zeichnete bis 1964, die Motive erschienen in Magazinen mit Millionenauflage, und nach 1945 exportierte die amerikanische Populärkultur dieses eine Bild in die ganze Welt. Das ist beträchtlich – aber es ist Verbreitung, nicht Erfindung. Wer den Konzern zum Schöpfer erklärt, schreibt ihm eine Kulturleistung zu, die er nie beansprucht hat.
Was tatsächlich verloren ging
Am Ende lohnt es sich, die verbreitete Erzählung vom „verlorenen Nikolo“ zu prüfen. Sie stimmt nicht ganz. Der Nikolo verschwand nicht, und er wurde auch nicht vom Weihnachtsmann verdrängt – die beiden Figuren existieren in Österreich bis heute nebeneinander, mit klar getrennten Terminen.
Verloren ging etwas Konkreteres: der Rang des Festes. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war der 5. und 6. Dezember der wichtigste Bescherungstermin des Jahres, auch für arme Familien. Diesen Platz hat Weihnachten übernommen, und zwar nicht durch amerikanischen Kommerz, sondern durch den Christbaum – eine Neuerung, die der Nikolaus zunächst selbst gebracht hatte.

Was bleibt, ist eine Figur mit ungewöhnlich vielen Schichten: ein Bischof, über dessen Leben fast nichts gesichert ist, verschmolzen mit einem Abt aus dem 6. Jahrhundert, ausgestattet mit Legenden aus tausend Jahren, transportiert über Handelsrouten nach Bari, angekommen in einer Wiener Gasse als Gabe im Kinderschuh – und schließlich in Amerika neu erfunden als Werbeträger. Der Nikolo ist kein bewahrtes Original. Er ist das Ergebnis von siebzehn Jahrhunderten Umbau. Genau das macht ihn interessant.
Weiterlesen: Dass vermeintlich uralte Bräuche oft erstaunlich jung sind, gilt nicht nur für den Nikolo: Auch die Weihnachtsgurke oder die Julkatze sind jünger, als ihre Legenden behaupten. Sieben solche Fälle erfahrt ihr im Beitrag Die 7 verrücktesten Weihnachtsbräuche der Welt: Von der Monsterkatze bis zur Glücksspinne.
Quellen
- Stadt Wien, Wien Geschichte Wiki: „Nikolaus (Heiliger)“ (nach Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien) – https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Nikolaus_(Heiliger)
- Ein ächter Beitrag zur Schilderung Wiens: über die Vorurtheile des Nikolausgespenstes …, Wien/Prag 1782, Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek – https://digital.onb.ac.at/RepViewer/viewer.faces?doc=DTL_2693548
- Manfred Becker-Huberti, „Die Legenden des heiligen Nikolaus – Einführung, Langfassung“, nikolaus-von-myra.de – https://nikolaus-von-myra.de/de/legenden/einfuehrung/langfassung.html
- University of Oxford, Pressemitteilung „Could ancient bones suggest Santa was real?“ (Radiokarbondatierung durch Tom Higham und Georges Kazan, Oxford Relics Cluster, Dezember 2017) – https://www.eurekalert.org/news-releases/683570
- Tobias Minar / Andreas Zimmerer, „Auf Teufel komm raus! Der Krampusbrauch in Österreich“, Blog der Österreichischen Nationalbibliothek, 05.12.2023 – https://www.onb.ac.at/mehr/blogs/auf-teufel-komm-raus-der-krampusbrauch-in-oesterreich
- Der Tagesspiegel, „Faktencheck: Die wahre Geschichte hinter dem Weihnachtsmann von Coca-Cola“ – https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/faktencheck-die-wahre-geschichte-hinter-dem-weihnachtsmann-von-coca-cola-15044792.html

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