Russlandfeldzug 1812 – Napoleons größter Fehler

Der Marsch ins Ungewisse – Napoleons Aufbruch nach Russland

Im Sommer 1812 zieht Napoleon mit der größten Armee, die Europa je gesehen hat, nach Russland. Der Kaiser der Franzosen glaubt an einen schnellen Sieg. Doch der Feldzug endet in einer Katastrophe – in einem Winter, der zum Grab für Hunderttausende wird.

Am 24. Juni 1812 steht Napoleon Bonaparte auf einer Anhöhe bei Kowno im Großherzogtum Warschau. Vor ihm überqueren seine Soldaten den Memel, den Grenzfluss zwischen Litauen und dem Kaliningrader Gebiet im nordosten Polens. Menschen, Pferden und Kanonen sind in Bewegung. Über 420.000 Soldaten bilden die erste Welle der sogenannten „Grande Armée“. Dazu kommen zehntausende Unterstützungs- und Nachschubtruppen sowie ein österreichisches Hilfskorps. Insgesamt zieht Napoleon mit mehr als 600.000 Soldaten in den Krieg – Franzosen, Deutsche, Polen, Italiener, Spanier, Belgier und viele andere.

Der Angriff auf Russland erfolgt ohne formelle Kriegserklärung. Noch wenige Jahre zuvor hatten Napoleon und Zar Alexander I. ein Bündnis geschlossen. Doch der Friede von Tilsit 1807 zerbricht. Russland leidet unter Napoleons Handelssperre gegen Großbritannien und fürchtet, dass das von Napoleon geschaffene Großherzogtum Warschau zur Wiedergeburt Polens führen könnte. Ab 1811 rüsten beide Seiten für den Krieg. Im Frühjahr 1812 sind die Fronten klar: Napoleon marschiert in Preußen ein und zwingt Österreich und Preußen in Bündnisse. Russland stellt sich auf den Angriff ein.

Hunger, Hitze, Krankheiten – der zermürbende Vormarsch

Napoleon verlässt sich auf seine bewährte Taktik: Tempo und Überraschung. Seine Armeen leben vom Land, sie ziehen schnell und schlagen hart zu. Doch in Russland funktioniert das nicht. Das Land ist weit, arm und dünn besiedelt. Napoleon lässt zwar Vorratslager in Polen und Preußen anlegen, doch bald zeigt sich: Der Nachschub kommt nicht hinterher.

Im Mai 1812 prahlt Napoleon noch, der Feldzug sei „in drei Monaten erledigt“. Er glaubt, Russland in einem einzigen großen Sieg zur Kapitulation zu zwingen. Er unterschätzt die Entfernungen, die schlechten Wege und das Klima. Die Russen hingegen wissen, dass sie eine direkte Schlacht verlieren würden – und setzen auf eine andere Strategie.

Napoleon stößt rasch nach Osten vor. Doch die russische Armee unter General Barclay de Tolly weicht aus, anstatt zu kämpfen. Sie zerstört Vorräte und Dörfer, um den Feind auszuhungern. Napoleon erobert leere Städte. Schon nach zwei Wochen hat er 135.000 Mann verloren – nicht durch Kämpfe, sondern durch Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Pferde verenden zu Tausenden, Soldaten sterben an der Ruhr, einer Infektionskrankheit – typisch für die damalige Zeit und zurückzuführen auf mangelnde Hygiene und medizinische Versorgung.

Im August 1812 kommt es bei Smolensk zur ersten großen Schlacht. Napoleon will endlich den entscheidenden Sieg. Seine Armee zählt noch etwa 175.000 Mann, die Russen rund 130.000. Nach schweren Kämpfen nehmen die Franzosen die Stadt ein – doch die Russen ziehen sich erneut zurück und setzen Smolensk in Brand. Napoleon steht vor einer ausgebrannten Ruine, während seine Soldaten weiter hungern.

Borodino und der brennende Traum – der Kampf um Moskau

Der ständige Rückzug kostet General Barclay das Vertrauen des Zaren. An seiner Stelle übernimmt Fürst Michail Kutusow den Oberbefehl. Alt, halbblind, aber erfahren und gläubig, will er Moskau um jeden Preis verteidigen. Anfang September gräbt sich seine Armee bei Borodino ein – etwa 100 Kilometer vor Moskau.

Am 7. September 1812 kommt es bei Borodino zur entscheidenden Schlacht. 130.000 Franzosen stehen 150.000 Russen gegenüber. Es ist ein Gemetzel wie nie zuvor. Die Franzosen stürmen immer wieder die russischen Schanzen, werden aber jedes Mal zurückgeschlagen. Granaten schlagen in dichte Menschenmassen, Bajonettkämpfe toben auf engem Raum. Am Abend ziehen sich die Russen geordnet zurück. Napoleon siegt – aber ohne Entscheidung. Er hat 35.000 Tote, die Russen noch mehr.

Am 14. September erreicht Napoleon Moskau. Doch die Stadt ist verlassen. Napoleon bezieht den Kreml – und Moskau in Flammen. Ob russische Saboteure oder der Gouverneur selbst das Feuer gelegt haben, bleibt umstritten. Drei Viertel der alten russischen Hauptstadt brennen nieder. Napoleon bleibt in der zerstörten Stadt und will Friedensgespräche führen – vergeblich. Zar Alexander I. reagiert nicht.

Rückzug, Winter, Untergang – das Ende der Grande Armée

Im Oktober befiehlt Napoleon den Rückzug. Nur noch etwa 100.000 Männer verlassen Moskau – viele beladen mit Beute. Schon bald verwandeln Regen und Schnee die Straßen in Morast. Kosaken greifen die Nachzügler an, und der Winter bricht herein. Ohne Winterkleidung, ohne Zelte erfrieren Tausende.

Ende November erreicht die Reste der Armee den Fluss Beresina. Die Brücken sind zerstört, die Russen nähern sich. In einer verzweifelten Aktion bauen französische Pioniere zwei Pontonbrücken, eine Art schwimmende Brücke. Zwei Tage lang setzen die Überlebenden über. Als Kosaken auftauchen, bricht Panik aus. Die Brücken werden verbrannt, um die Feinde aufzuhalten – Zehntausende bleiben zurück.

Was danach folgt, ist nur noch ein Todesmarsch. Der „General Winter“ vernichtet die Reste der Armee. Bei Temperaturen bis minus 39 Grad erfrieren ganze Kolonnen. Pferde brechen zusammen, Verwundete werden zurückgelassen. In Wilna werden die letzten 20.000 Kranken und Verwundeten massakriert.

Von über 600.000 Männern erreichen nur etwa 80.000 die Grenze zu Polen. Der Rest stirbt an Hunger, Kälte, Krankheiten oder in Gefangenschaft. Russland verliert selbst etwa 200.000 Soldaten und viele Zivilisten. Eine Million Menschenleben fordert dieser Feldzug.

Am 30. Dezember 1812 schließt der preußische General Yorck mit den Russen die „Konvention von Tauroggen“ und erklärt seine Truppen für neutral. Damit beginnt die offene Abkehr der deutschen Staaten von Napoleon.

Napoleon selbst reist nach Paris, dort will er neue Truppen aufstellen. Im Frühjahr 1813 steht er wieder in Deutschland mit 300.000 Soldaten. Er möchte noch einmal in die Schlacht ziehen und siegreich nach Hause kommen – doch seine Macht schwindet. Napoleon unterliegt erneut in Leipzig, einer Schlacht, die noch grausamer und verlustreicher ist, als Borodino.

Der Russlandfeldzug 1812 zeigt, dass die menschliche Selbstüberschätzung Grenzen hat – und tausende und abertausende andere mit in den Tod reißen kann.


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