Vergessenes Erbe: Wie Österreich den echten Nikolaus verlor

Entstehung einer Legende

Wien, Ende des 17. Jahrhunderts. Die Stadt ist noch klein, das Licht der Laternen flackert über den Gassen – und in einem einfachen Haus steckt ein Kind vorsichtig den Schuh vor die Tür. Am nächsten Morgen liegt darin eine kleine Gabe: ein Apfel, ein Stück Brot, vielleicht ein paar Nüsse. Der englische Arzt Edward Brown, der damals durch Österreich reist, hält diesen Moment fest – und beschreibt zum ersten Mal den Brauch, Kindern zum Nikolaustag Geschenke in die Schuhe zu legen.

Der 6. Dezember, das Fest des heiligen Nikolaus, wird rasch zum bedeutendsten Fest vor Weihnachten. Nicht nur die Armen feiern, auch die kaiserliche Familie folgt der Tradition: Am Abend des 5. Dezember, bei der sogenannten „St. Nicolas Einlegung“, werden die Geschenke verteilt. Und damals sind es keine Kleinigkeiten – die schönsten Gaben des Jahres werden an diesem Tag verschenkt, nicht zu Weihnachten und schon gar nicht zum Geburtstag.

In der Pfarre St. Stephan taucht erstmals ein bezahlter, verkleideter Nikolaus auf. Er hält eine kleine Predigt und beschenkt die Kinder der adeligen Familie Harrach. Eltern und Verwandte sehen zu, stolz und gerührt. Es ist mehr als ein Fest – es ist ein pädagogisches Ritual, eine Inszenierung des Guten. Ein heiliger Mann, der mahnt, lobt und teilt.

Damals ahnte niemand, dass dieser einfache Brauch einmal ganz Österreich prägen – und später fast verschwinden – würde.

Reise des Heiligen

Der Ursprung des heiligen Nikolaus liegt weit entfernt von Wien – im warmen Licht der lykischen Küste, im heutigen Süden der Türkei. Dort, in Patara, soll Nikolaus um das Jahr 280 geboren worden sein. Er wächst als Sohn reicher Eltern auf, doch sein Herz schlägt für die Armen. Als seine Eltern sterben, verschenkt er das gesamte Erbe – still, ohne Aufhebens. Mit 19 Jahren wird er zum Priester geweiht, später zum Abt und schließlich zum Bischof von Myra. Dort hilft er den Bedürftigen, tröstet Gefangene und steht für seinen Glauben ein – sogar unter der Christenverfolgung der Römer.

Sein Wirken wird schon zu Lebzeiten legendär. Geschichten über seine Großzügigkeit, seinen Mut und seine Menschlichkeit verbreiten sich über das Mittelmeer, durch Byzanz, Venedig, Bari – und schließlich nach Mitteleuropa. Als 1087 italienische Seefahrer seine Gebeine nach Bari bringen, beginnt die Verehrung des Heiligen erst richtig. Von dort aus gelangt sie über Handelsrouten und Klöster bis in die Alpenländer.

In Österreich wird der Bischof bald zum Symbol der Güte – besonders für Kinder. Kein anderer Heiliger steht so sehr für Hoffnung, Schutz und Menschlichkeit. In einer Welt, in der viele mit Hunger, Kälte und Angst leben, wird Nikolaus zu einem Lichtpunkt im Dunkel des Winters. Und während in Myra längst Staub über den Gräbern liegt, beginnt in Wien seine zweite Geschichte – als Volksheld der Herzen.

Gold, Glauben und Gänsehaut

Die wohl bekannteste Geschichte über den heiligen Nikolaus beginnt mit einer Tragödie: Ein armer Mann, krank und verzweifelt, kann seine drei Töchter nicht mehr ernähren. In seiner Not überlegt er, sie als Dirnen auf den Marktplatz zu schicken. Doch in jener Nacht schleicht ein Mann an sein Haus – Nikolaus. Er wirft drei Goldklumpen durch das geöffnete Fenster. Am nächsten Morgen entdeckt die Familie das Gold, erkennt ihr Glück – und ihre Würde ist gerettet.

Diese Legende, die bis heute in den drei goldenen Äpfeln oder Kugeln auf vielen Nikolausdarstellungen weiterlebt, machte den Heiligen berühmt. Sie zeigt, was ihn so besonders machte: Er half, ohne zu urteilen. Er tat Gutes, ohne dafür gelobt zu werden. Und genau das machte ihn zum Volkshelden – nicht durch Macht, sondern durch Menschlichkeit.

In ganz Europa, besonders aber in Österreich, wurde er zum Inbegriff christlicher Werte: Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Tatkraft. In einer Zeit, in der Hunger, Krankheit und Krieg das Leben vieler bestimmten, brachte sein Fest Wärme und Hoffnung.

Nikolaus war kein Heiliger aus Gold und Marmor, sondern einer aus Fleisch und Blut – ein Mensch, der verstand, was Not bedeutet. Und vielleicht ist das der Grund, warum sein Name bis heute so tief in der österreichischen Seele verankert ist.

Krampus, Kaiser und Kerzenbaum

Mit der Zeit bekam der Nikolo in Österreich Gesellschaft – und zwar keine angenehme. Neben dem gütigen Bischof tauchte sein finsterer Begleiter auf: der Krampus. Rasselnde Ketten, Fell, Hörner, und ein Sack für die „Unartigen“. Schon im 18. Jahrhundert berichteten Chronisten von wilden Krampusläufen, bei denen Erwachsene und Kinder gleichermaßen erschreckt wurden. Manche trieben’s zu weit – Prügel, Schreck, Chaos. Der Brauch geriet zeitweise außer Kontrolle. Und doch blieb die Mischung aus Licht und Schatten typisch österreichisch: der eine belohnt, der andere mahnt.

In Wien wurde der Nikolo immer feiner inszeniert. Während am Land die Klaubaufen lärmten, kam in der Stadt der Bischof in vollem Ornat, mit Mitra und Krummstab. Unter Maria Theresia gehörte die „Nikolobescherung“ sogar zum höfischen Programm. Später, in der josephinischen Zeit, gesellte sich ein neuer Brauch dazu: der grüne Baum mit kleinen brennenden Kerzen – der Vorläufer des Christbaums.

Das Nikolausfest war zu dieser Zeit wichtiger als Weihnachten selbst. Erst im 19. Jahrhundert begann sich das zu verschieben. Der Christbaum wurde zur Hauptattraktion, die Krippe verdrängt, und Weihnachten übernahm den Platz des Nikolos. Doch der 6. Dezember blieb im Herzen vieler Österreicher lebendig – als Tag, an dem sich das Gute, trotz allem Lärm, immer wieder durchsetzt.

Vom Bischof zum Werbegesicht

Irgendwann begann eine stille Entfremdung. Der heilige Nikolaus, einst verehrter Bischof und Symbol echter Nächstenliebe, bekam Konkurrenz aus dem Westen. In Amerika wurde aus dem europäischen Sinterklaas der fröhliche, rundliche „Santa Claus“ – gezeichnet vom deutschen Auswanderer Thomas Nast im Jahr 1862. Später machte ihn Coca-Cola weltberühmt, färbte seinen Mantel rot und gab ihm Rentiere, Werkstatt und Geschenkesack. Der Weihnachtsmann war geboren – eine perfekte Figur für Werbung, Konsum und Massenproduktion.

In Österreich begann damit eine leise Verdrängung. Der Nikolo, der einst den Kindern Fragen stellte und Tugend lehrte, wurde zunehmend durch eine weichgespülte Figur ersetzt, die bloß verteilt, was glänzt. Psychologen und Pädagogen erklärten den Krampus für zu furchteinflößend, den Nikolo für zu streng. Übrig blieb ein netter alter Mann, der niemandem zu nahetritt – und kaum mehr etwas sagt.

Doch nicht alle machen da mit. Besonders in ländlichen Regionen lebt der echte Nikolaus weiter – der, der für Gerechtigkeit steht, für Mitgefühl und Menschlichkeit. In einer Welt voller Werbung und Plastikbärte wird er wiederentdeckt – als das, was er immer war: ein Symbol für das Gute im Menschen. Kein Markenbotschafter, kein Clown der Weihnachtszeit, sondern ein Heiliger, der daran erinnert, worum es wirklich geht.

Was vom echten Nikolaus bleibt

Heute steckt Österreich irgendwo zwischen Tradition und Glitzerwelt. In Einkaufsstraßen lächeln schon im November Dutzende Weihnachtsmänner aus Schaufenstern, während in stillen Dörfern noch immer ein echter Nikolo mit Mitra, Stab und weißem Bart durch die Straßen zieht. Kinder stellen ihre Stiefel vor die Tür, hoffen auf Nüsse, Mandarinen und vielleicht ein Stück Schokolade – kleine Zeichen, die mehr sagen als jedes teure Geschenk.

Doch das Fest verändert sich. Manche sehen im Krampus bloß noch ein Spektakel, andere finden, dass Ermahnungen und Mahnungen „nicht mehr zeitgemäß“ seien. Pädagogen warnen, Psychologen schütteln den Kopf. Dabei war der Nikolo nie ein Schreckgespenst – sondern ein Lehrer in Menschlichkeit. Er erinnerte daran, dass Gutsein nichts mit Perfektion, sondern mit Herz zu tun hat.

Vielleicht ist das sein Geheimnis – und sein Überlebensgrund. Trotz Kommerz, Kritik und Weihnachtsmännern bleibt der 6. Dezember ein besonderer Tag. Ein Tag, an dem man kurz innehält. An dem es nicht um Umsatz oder Likes geht, sondern um Werte, die leise geworden sind: Güte, Ehrlichkeit, Dankbarkeit.

Der Nikolo mag alt sein, aber er ist nicht von gestern. Er lebt überall dort weiter, wo Menschen einander Gutes tun – ohne Lärm, ohne Kamera, einfach so.

Video

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert