Rundfunk in Österreich: Von der Etablierung des Radios

Die Gründung der RAVAG (1921-1933)

Die Gründung der RAVAG, der „Österreichischen Radio-Verkehrs AG“, war eng mit der politischen und sozialen Lage der Ersten Republik Österreich verknüpft. Der politische Förderer, Ignaz Seipel, sah im Rundfunk ein modernes Mittel zur Stabilisierung der jungen Demokratie. Die Gründung 1924 folgte nach schwierigen Verhandlungen zwischen Staat, Banken und privaten Investoren. Seipel erkannte die propagandistische Bedeutung des Mediums und wollte den Rundfunk als Instrument der Bildung und nationalen Einigkeit nutzen.

Technisch befand sich der Rundfunk in den 1920er Jahren noch in der Entwicklung. Die ersten Sendungen wurden aus einem kleinen Studio in Wien ausgestrahlt, und der Sender auf dem Rosenhügel 1926 sowie der Großsender Bisamberg 1933 verbesserten die Reichweite erheblich. Diese Standorte wurden aufgrund ihrer geographischen Lage gewählt, die eine effiziente Abdeckung des Sendegebiets ermöglichte.

Inhaltlich konzentrierte sich das Programm auf gehobene Kultur, Bildung und Musik, adressiert aber vor allem an die bürgerliche Oberschicht. Die „Radio-Volkshochschule“ aus dem Jahr 1924 war ein Beispiel für die frühe Bildungsmission des Senders. Trotz dieser Entwicklungen blieb der Rundfunk stark reguliert, mit dem Ziel, die politische Stabilität zu wahren und radikale Inhalte zu unterdrücken.

Die Expansion und Professionalisierung des Rundfunks (1933-1938)

Die Errichtung des Großsenders Bisamberg 1933 war ein entscheidender Schritt in der technischen und organisatorischen Weiterentwicklung des österreichischen Rundfunks. Mit der deutlich erweiterten Reichweite stieg die Bedeutung des Radios als Informations- und Unterhaltungsmedium für weite Teile der Bevölkerung. Neben der technischen Modernisierung veränderte sich auch die inhaltliche Gestaltung. Nachrichten, Hörspiele und Musiksendungen prägten das Programm, das nun professioneller und vielfältiger wurde.

Politisch war diese Phase stark von der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates geprägt. Die Regierung unter Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg erkannte schnell das Potenzial des Rundfunks als Werkzeug zur Verbreitung ihrer Ideologie. Ab 1934 wurde die RAVAG unter staatliche Kontrolle gestellt, und die Inhalte des Programms wurden systematisch zensiert. Dies betraf nicht nur politische Sendungen, sondern auch Kultur- und Unterhaltungssendungen, die auf die Verbreitung der Regierungspropaganda ausgerichtet wurden.

Neben der offensichtlichen Zensur gab es subtilere Formen der Einflussnahme. Die Auswahl von Programmdirektoren und Moderatoren unterlag strengen politischen Vorgaben, und die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Kirche und dem Schulwesen diente der Verbreitung staatstreuer Inhalte. Besonders in der Kultur spiegelt sich die staatliche Kontrolle wider: Bestimmte Kunstrichtungen und musikalische Genres wurden bevorzugt, während andere, wie die moderne Kunst oder neuartige Musik, unterdrückt wurden.

Trotz der verstärkten Propaganda blieb das Radio ein wichtiges Unterhaltungsmedium. Programme wie Operetten und Hörspiele lockten nach wie vor viele Hörer an, und es gab kaum Anzeichen von offenem Widerstand gegen die zunehmend einseitige Berichterstattung. Der Rundfunk diente jedoch nicht nur innenpolitischen Zwecken; es gab auch Austauschprogramme mit anderen Ländern, die darauf abzielten, Österreich im Ausland positiv darzustellen.

Der Rundfunk im nationalsozialistischen Österreich (1938-1945)

Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde die RAVAG in den deutschen Reichsrundfunk eingegliedert und unter vollständige Kontrolle des NS-Regimes gestellt. Der Rundfunk diente nun als zentrales Propagandainstrument der Nationalsozialisten. Nachrichten, Reden und Kriegsberichte dominierten das Programm, wobei die Bevölkerung gezielt manipuliert und auf die Kriegsziele eingeschworen wurde. Besonders berüchtigt waren die Reden von Joseph Goebbels, aber auch von anderen NS-Größen.

Ein Aspekt, der im Kontext des Krieges von Bedeutung war, betraf den Empfang ausländischer Sender, vor allem der BBC. Viele Menschen versuchten, über diese feindlichen Sender alternative Informationen zu erhalten, obwohl das Abhören streng verboten war. Um die Bevölkerung vom Hören solcher Sender abzuhalten, wurden auch Störsender eingesetzt.

Der Rundfunk spielte eine wichtige Rolle in der Unterhaltung, auch um die Moral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Musik- und Hörspielprogramme waren streng zensiert, um nationalsozialistische Ideale zu verbreiten. Kinder- und Jugendsendungen zielten auf die Indoktrination der jüngeren Generation ab, was die Propaganda noch stärker in die Gesellschaft einbettete.

Widerstand gegen die Rundfunkpropaganda war begrenzt, aber es gab vereinzelte Versuche, das System zu unterlaufen, etwa durch ironische Kommentare in privaten Kreisen. Technisch gesehen entwickelte sich der Rundfunk weiter; das Sendenetz wurde ausgebaut, um den gesamten deutschsprachigen Raum abzudecken.

Nach Kriegsende wurde der Rundfunk entnazifiziert, viele Mitarbeiter entlassen und das System neu aufgebaut, um die demokratische Gesellschaft Österreichs zu unterstützen.

Der Wiederaufbau des Rundfunks nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stand der österreichische Rundfunk vor einem kompletten Neuanfang. Die RAVAG, die während des NS-Regimes in den Reichsrundfunk eingegliedert war, wurde aufgelöst. Österreich wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt, und die Alliierten übernahmen die Kontrolle über den Rundfunk. In jeder Besatzungszone wurde ein eigener Sender betrieben, der stark von den jeweiligen politischen Interessen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion geprägt war. Besonders in den frühen Jahren spiegelte sich der Kalte Krieg in der Programmgestaltung wider, wobei die Sender in den westlichen Zonen demokratische Werte propagierten, während in der sowjetischen Zone sozialistische Ideologie im Vordergrund stand.

Die Wiederherstellung der Rundfunkinfrastruktur war von zentraler Bedeutung, um die Bevölkerung zu informieren und zu unterhalten. Das Radioprogramm spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und der politischen Neuorientierung des Landes.

1955, nach dem Staatsvertrag, wurde der Österreichische Rundfunk (ORF) gegründet und übernahm den nationalen Rundfunkbetrieb. Der ORF setzte auf eine Mischung aus Information, Bildung und Unterhaltung, um den Wiederaufbau zu unterstützen. Gleichzeitig wurde in den 1950er Jahren das Fernsehen eingeführt, das bald an Bedeutung gewann. Die Einführung von Werbung in den Programmen ermöglichte finanzielle Unabhängigkeit, stellte aber auch eine Herausforderung für die inhaltliche Unabhängigkeit dar. Der ORF entwickelte sich so zu einem wichtigen Instrument der Demokratisierung und Bildung im Nachkriegsösterreich.


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