Geschichte der Ukraine: Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Geschichte der Ukraine

Die frühen Zivilisationen und das Reich der Rus

Die Region der heutigen Ukraine war seit der Antike ein Knotenpunkt verschiedener Zivilisationen. Bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. siedelten ein Volk von Nomaden und sesshaften Kriegern, die Skythen, in weiten Teilen der Südukraine, besonders in der Steppenregion nördlich des Schwarzen Meeres. Sie trieben Handel mit den griechischen Kolonien an der Schwarzmeerküste und spielten eine bedeutende Rolle in der antiken Welt.

Im frühen Mittelalter ließen sich slawische Stämme in diesem Gebiet nieder, aus denen sich das mächtige Reich der Kiewer Rus entwickelte. Das Zentrum dieses mittelalterlichen Staates war Kyiv (Kiew), das sich im 11. Jahrhundert zu einer der größten Städte Europas entwickelte. Schätzungen zufolge zählte die Stadt etwa 100.000 Einwohner, was sie zu einer bedeutenden Metropole machte, auch wenn solche Zahlenvergleiche zwischen Städten oft schwer nachzuvollziehen sind.

Unter der Herrschaft von Großfürst Wladimir I. wurde im Jahr 988 das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Dies stärkte die kulturellen und politischen Verbindungen zur christlichen Welt Europas, doch es dauerte lange, bis die Christianisierung in der gesamten Bevölkerung Fuß fasste. Der Niedergang der Kiewer Rus im 13. Jahrhundert war nicht nur auf die mongolische Invasion zurückzuführen, sondern auch auf interne Machtkämpfe und die Zersplitterung des Reiches in kleinere Fürstentümer.

Der polnisch-litauische Einfluss und die Kosaken

Nach dem Niedergang des Kiewer Rus im 13. Jahrhundert gerieten die ukrainischen Gebiete unter den Einfluss des Großfürstentums Litauen, das später in der polnisch-litauischen Union aufging. Diese mächtige Union, die vom 16. bis zum späten 18. Jahrhundert existierte, herrschte über große Teile des heutigen ukrainischen Territoriums.
Unter der polnisch-litauischen Herrschaft gab es soziale Spannungen. Besonders zwischen der polnischen, katholischen Elite und der ukrainischen, orthodoxen Bauernschaft. Trotzdem hatte die Herrschaft auch eine Auswirkung auf die Kultur der Menschen. Die polnische Sprache, Bildung und Kultur beeinflussten die ukrainische Elite, während gleichzeitig eine spezifisch ukrainische Identität entstand, die sich von den herrschenden Mächten abgrenzte.

Inmitten dieser Spannungen entwickelte sich das Kosakentum zu einer zentralen Kraft in der Region. Die Kosaken, ursprünglich freie Bauern und Krieger, lebten an den Rändern des polnisch-litauischen Staates und verteidigten sich gegen Feinde wie die Osmanen und Tataren. Doch sie waren nicht nur militärische Akteure, sondern bildeten auch eine soziale Schicht mit eigenen Traditionen, einer besonderen Beziehung zum Land und einem tief verwurzelten Freiheitsdrang. Im 16. Jahrhundert gründeten sie den Kosakenstaat, das Hetmanat. Der Saporoger Sitsch als Zentrum.

Die Kosaken spielten eine zentrale Rolle in den politischen und militärischen Auseinandersetzungen der Region. Unter der Führung von Hetman Bohdan Chmelnyzkyj erreichten sie im 17. Jahrhundert eine weitgehende Autonomie von Polen, nachdem sie sich erfolgreich gegen die polnische Vorherrschaft aufgelehnt hatten. Diese Autonomie führte zur Entstehung eines eigenen, kurzlebigen Kosakenstaates. Allerdings litt das Hetmanat unter strukturellen Problemen, darunter ein schwaches Regierungssystem, interne Machtkämpfe und ständige Bedrohungen durch benachbarte Großmächte wie Polen, das Osmanische Reich und Russland.

Letztlich geriet das Hetmanat zunehmend unter den Einfluss Russlands, was den Niedergang des Kosakenstaates und die Integration der Ukraine in das Russische Reich einleitete. Trotz dieses Endes prägten die Kosaken die ukrainische Identität nachhaltig und hinterließen ein Erbe von Freiheit und Unabhängigkeit, das bis heute in der ukrainischen Kultur nachhallt.

Teilung und Herrschaft durch Imperien

Im 18. Jahrhundert wurde die Ukraine zwischen dem Russischen Kaiserreich und dem Habsburgerreich aufgeteilt, was tiefgreifende Folgen für die Entwicklung der ukrainischen Identität hatte. Die linksufrige Ukraine geriet unter die Kontrolle Russlands. Der Vertrag von Perejaslaw (1654), der die Allianz zwischen den Kosaken und Russland begründet hatte, führte schließlich zur vollständigen Eingliederung des Hetmanats ins Russische Reich.

Russlands expansive Politik ging einher mit einer systematischen Russifizierung: Die ukrainische Sprache wurde aus Schulen und öffentlichen Institutionen verdrängt, und das orthodoxe Christentum wurde zum Instrument der Kontrolle. Diese Politik zielte darauf ab, die ukrainische Kultur und Identität zu unterdrücken.

Auf der anderen Seite erlebte die rechtsufrige Ukraine, insbesondere Galizien, unter dem Habsburgerreich mehr kulturelle Freiheiten. In diesem multinationalen Staat lebten Ukrainer neben Polen, Juden, Deutschen und Ungarn. Trotz Spannungen konnten ukrainische Kulturinstitutionen wie der Bildungsverein „Prosvita“ und erste politische Bewegungen entstehen. Die Ukrainer in Galizien entwickelten ein stärkeres nationales Bewusstsein, auch im Kontrast zur polnischen und ungarischen Elite.

Die Teilung der Ukraine zwischen zwei Imperien führte zu unterschiedlichen Entwicklungen: Während die Ukrainer im Russischen Reich ihre Sprache und Kultur bewahren mussten, entwickelten sich in Galizien erste nationale Bewegungen. Diese Teilung prägte die Identität der Ukraine langfristig und legte den Grundstein für die späteren Spannungen zwischen Ost- und Westukraine.

Der Weg zur Unabhängigkeit und die turbulente Moderne

Die Wurzeln der ukrainischen Nationalbewegung reichen weit ins 19. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit formierten sich erste kulturelle und politische Bewegungen, die eine stärkere ukrainische Identität und Unabhängigkeit anstrebten. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchien unternahm die Ukraine zwischen 1917 und 1921 ernsthafte Versuche, einen Nationalstaat zu gründen. Diese Bemühungen scheiterten jedoch, und das Land wurde von den Bolschewiki in die neu gegründete Sowjetunion eingegliedert.

In den 1930er Jahren traf die Ukraine der Holodomor, was soviel bedeutet wie Hungerkatastrophe oder Massentod durch Hunger. Manche sagen auch ein von der sowjetischen Führung absichtlich herbeigeführter Völkermord, der Millionen ukrainische Bauern durch Hunger ausgelöscht hat.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Land von Nazi-Deutschland besetzt, was zur Ermordung von 1,5 Millionen ukrainischen Juden führte. Die Ukraine stand nach dem Krieg stark unter sowjetischen Einfluss und Millionen Menschen wurden vertrieben oder deportiert.

Die Perestroika und die Lockerung der sowjetischen Kontrolle in den 1980er Jahren ebneten den Weg für den ukrainischen Unabhängigkeitsprozess, der 1991 in der Erklärung der Unabhängigkeit gipfelte.
Dieser Schritt war die erste Seite in einem neuen Kapitel für die Ukraine, das von einem starken Streben nach Demokratie geprägt war.

Die Revolutionen von 2004 (Orange Revolution) und 2014 (Revolution der Würde) zeigten eindrucksvoll den Willen des ukrainischen Volkes, Freiheit und Souveränität zu verteidigen.

Heute ist die Ukraine mit einer neuen Herausforderung bedroht, die ebenfalls in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die seit Jahren anhaltende russische Aggression. Damit ist die Besetzung der Krim 2014 gemeint, als Russland seine Truppen über die Grenze in den Donbas in der Ostukraine geschickt hat. Aber auch der derzeitige Krieg, in dem bereits über 14.000 Menschen getötet wurde. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich die Ukraine schon einmal von Russland lösen konte. Mit genügend Hilfe wird es ihr auch wieder gelingen.


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